Art Cologne

Ein Warhol für 400.000 Mark

Von Brigitte Jacobs van Renswou

Rudolf Zwirner mit Goings “Pickup“ in New York 1970

Rudolf Zwirner mit Goings "Pickup" in New York 1970

31. Oktober 2006 Tatsächlich hatte die neue Kunstmesse zu einer Belebung des nationalen Kunsthandels, zur Internationalisierung des Kunstpublikums und zur Erschließung neuer Käuferschichten geführt. Entsprechend wurden im Jahr 1970 auf dem Kölner Kunstmarkt Rekordumsätze gemeldet: „Rund 4 Millionen DM 'Kunstumsatz‘ in Köln“ titelten die Zeitungen. Marktbeherrschend zeigten sich die Werke der Pop-art von Warhol, Lichtenstein, Wesselmann; Arbeiten von Warhol erreichten Spitzenwerte von 400.000 Mark.

Und nicht zuletzt durch die Etablierung des Kunstmarktes Köln und den Einsatz für die amerikanische Pop-art gelang Rudolf Zwirner ein Wendepunkt in der Kunstvermittlung und Kunstvermarktung: Die Bündelung des Kaufverhaltens an den Kunstmarkt Köln verhalf der Stadt zu ihrer Glanzzeit und Anbindung an die internationale Kunstszene.

Strategisches Zusammenspiel der Sammler

Zahlreiche junge Künstler und Galerien zogen nun nach Köln, wo sich die deutsche Kunstszene konzentrierte. Das gesellschaftliche Interesse an moderner Kunst wuchs, und Köln wurde für einige Jahre zum „wichtigsten Umschlag- und Informationsplatz für moderne Kunst in Europa“, so sagte es Hein Stünke. Entscheidende Geschäftsbeziehung in dieser „Erfolgsgeschichte“ war und ist das strategische Zusammenspiel von Sammlern wie Karl Ströher und Peter Ludwig mit den Galeristen ihrer Wahl.

Es war im Jahr 1970, als der Kunsthändler und Galerist Rudolf Zwirner bei einem seiner vielen New-York-Besuche den Fotografen Guido Mangold traf, der dort an einer Fotoreportage für die Zeitschrift „Twen“ arbeitete. Zwirner bat Mangold, ihn zu begleiten und zu fotografieren, so auch am Thanksgiving Day. An diesem Tag war Zwirner mit dem Aachener Sammler Peter Ludwig zu einem Streifzug durch New Yorker Künstlerateliers verabredet. Peter Ludwig war bekannt als Mann der schnellen Entschlüsse: Im „disziplinierten Schweinsgalopp“, wie Guido Mangold sich erinnert, ging es von Atelier zu Atelier - und Peter Ludwig kaufte. Man besuchte vor allem Pop-art-Künstler, wie zum Beispiel John de Andrea und Duane Hanson, der bis dahin noch nie eine Arbeit verkauft hatte.

Erste Pop-Art-Importe

Die Unternehmung zwischen Peter Ludwig und Rudolf Zwirner war keine einmalige Angelegenheit; sie standen in dieser Zeit in engem Kontakt und Austausch miteinander. Seit der Präsentation der Sammlung von Wolfgang Hahn im Kölner Wallraf-Richartz-Museum im Jahr 1967 und im Zuge der Ausstellungen von Andy Warhol und Roy Lichtenstein in der Galerie Zwirner hatte Peter Ludwig sein Interesse für die amerikanische Pop-art entdeckt. Rudolf Zwirner agierte als sein Vermittler und Berater; denn Zwirner war der erste Galerist, der sich in Deutschland für die amerikanische Pop-art eingesetzt hatte und diese importierte.

Aber nicht nur Peter Ludwig kaufte in New York, auch Zwirner fiel in der dortigen Kunstszene durch sein Kaufverhalten auf: Einige Tage nach Thanksgiving, am 27. November 1970, berichtete die „New York Times“ in einem Artikel mit dem Titel „American Pop really turns on German Art-Lovers“ über einen Bieter während der Auktion der Parke-Bernet Galleries, der mehr als jeder andere im überfüllten Saal beachtliche Aufmerksamkeit erregte: „Rudolf Zwirner, a 37 year old blond, blue-eyed German dealer from Cologne who soars to the staggering height of 7 feet“.

Europäische Konkurrenz

Der Verfasser berichtete mit Erstaunen von heftigen Bietgefechten und davon, daß Zwirner Roy Lichtensteins gemalten „Brushstroke“ ersteigerte für die damals „astronomische“ Summe von 75.000 Dollar, die bis dato noch nie für einen lebenden amerikanischen Künstler bezahlt worden war. Außerdem bot Zwirner 45.000 Dollar für Claes Oldenburgs Softskulptur „Stove“, ebenfalls ein Auktionsrekord für eine Plastik eines lebenden amerikanischen Künstlers.

Dazu erwarb Rudolf Zwirner Andy Warhols „Liz“ und mit „Spray“ einen weiteren Roy Lichtenstein. Die Reaktionen der amerikanischen Händlerkollegen waren alles andere als positiv. Besonders beunruhigt über diese europäische Konkurrenz zeigte sich der Pop-art-Händler Leo Castelli: „Americans never should have let important pieces like the Lichtensteins and Oldenburgs slip out of their hands.“

Spektakulärer Coup im kleinen Kreis

Bereits 1968, also zwei Jahre zuvor, war einem deutschen Sammler - unter Ausschluß der Öffentlichkeit - in New York ein wahrhaft spektakulärer Coup gelungen: Karl Ströher, Inhaber der Darmstädter Wella-Werke, kaufte die knapp 200 Werke umfassende Pop-art-Sammlung der Witwe von Leon Kraushar für 425.000 Dollar (damals rund 1,7 Millionen Mark).

Die Familie Kraushar hatte die Sammlung schnell abstoßen wollen. Wegen des Risikos, mit dem massiven Angebot einer derart hohen Anzahl von Pop-art-Werken womöglich einen Preisverfall zu bewirken, der den amerikanischen Kunstmarkt verunsichert hätte - und weil zudem sämtliche in der Sammlung vertretenen Künstler weiterhin produktiv waren -, war über den geplanten Verkauf nur ein kleiner Kreis von Eingeweihten informiert.

„Ich zahlte die höchsten Preise“

Karl Ströher erfuhr, wie Rudolf Zwirner berichtete, von den Verkaufsabsichten der Witwe Kraushar durch seine engsten Berater Heiner Friedrich und Franz Dahlem, die den Ankauf vorantrieben und der Witwe ein Angebot unterbreiteten. Die Liste der Sammlung kam per Telex nach München, und Ströher schickte Friedrich und Dahlem zu Verhandlungen nach New York. Ohne die Stücke der Kollektion überhaupt je gesehen zu haben, reiste Ströher auf Anraten seiner Berater ebenfalls wenige Zeit später zum Vertragsabschluß nach New York. Rudolf Zwirner berichtet im Rückblick, daß er von der Verkaufsabsicht nichts gewußt habe, obwohl er selbst als Käufer von Pop-art bekannt war: „Ich zahlte die höchsten Preise, höher als die amerikanischen Kollegen, aber ich habe zu dieser Zeit von dem Vorgang nichts erfahren.“

Wegen der noch minderjährigen Kinder von Leon Kraushar mußte der Kaufvertrag mündelsicher abgeschlossen werden: unter Aufsicht eines Anwalts des Staates New York und mit der Vorgabe, entweder die komplette Sammlung sofort oder gar nicht zu kaufen. Obwohl Ströher offenbar nicht vorhatte, ein unkontrollierbares finanzielles Risiko einzugehen und eigentlich geplant hatte, die Sammlung in Kommission zu übernehmen und den Kaufpreis durch Weiterverkäufe zu finanzieren, entschloß er sich zu einem sofortigen Erwerb der gesamten Sammlung. Er bestand allerdings darauf, daß Heiner Friedrich und Franz Dahlem auf ihre Provision verzichteten - als Garantie für die Bedeutung und den Wert der Sammlung.

Warhol und Lichtenstein auf dem Kunstmarkt Köln

Ihren Profit konnten die beiden Galeristen jedoch später auf dem Kunstmarkt Köln machen: Friedrich und Dahlem boten Werke aus der Kraushar-Sammlung an. Auch Peter Ludwig kam in den Genuß von Teilen der Sammlung; noch im selben Jahr erwarb er frühe großformatige Hauptwerke von Warhol und Lichtenstein.

Mit der Ausstellung und Dauerleihgabe der Sammlung Peter und Irene Ludwig an das Wallraf-Richartz-Museum entstand die für die Stadt Köln wichtigste Säule der modernen Kunstgeschichte: die Pop-art-Sammlung des Museums Ludwig. - Das Zentralarchiv des internationalen Kunsthandels zeigt die Ausstellung „Um '67 - Rudolf Zwirner und die frühen Jahre des Kunstmarkt Köln“ in Zwirners alten Galerieräumen am Kolumbahof (ehemals Kolumbakirchhof), mit bedeutenden Leihgaben aus der Sammlung Ludwig/Museum Ludwig und aus anderen Kölner Sammlungen, die von Zwirner vermittelt wurden.

Vom 31. Oktober bis zum 5. November im Kolumbahof 2, 50667 Köln. Geöffnet von 12 bis 20 Uhr, in der Langen Nacht der Kölner Museen am 4./5. November von 12 bis 3 Uhr. - Zur Ausstellung erscheint, als eine Festschrift für Rudolf Zwirner, ein Sonderband der vom ZADIK herausgegebenen Reihe „sediment“.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 31.10.2006 Seite K2
Bildmaterial: ZADIK, Köln

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