Jacques Goudstikker

Das kleine schwarze Notizbuch

Von Lisa Zeitz

02. April 2007 Nach dem Studium der Kunstgeschichte in Leiden und Utrecht übernahm der im Jahr 1897 geborene Jacques Goudstikker den Kunsthandel in Amsterdam, den schon seine jüdisch-holländischen Eltern und Großeltern geführt hatten. Spezialisiert auf holländische und italienische Alte Meister, aber auch mit einem Auge für Van Gogh, Degas oder Rodin, brachte Goudstikker es in den folgenden Jahren zu legendärem Vermögen. Er belieferte Privatsammler und Museen in ganz Europa und vermittelte Gemälde an das Metropolitan Museum in New York und an die National Gallery of Art in Washington. Auf Schloss Nijenrode in Breukelen, das er 1930 erwarb, wurden Konzerte veranstaltet und Feste gefeiert. Goudstikker verkehrte in den höchsten gesellschaftlichen Kreisen. 1937 heiratete er die umschwärmte Wiener Opernsängerin Dési von Halban, und zwei Jahre später wurde ihr einziger Sohn Eduard, genannt Edo, geboren.

Wenige Tage nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht floh die junge Familie aus Holland und ging an Bord der „Bodegraven“ mit Kurs auf Liverpool. Doch Jacques Goudstikker verunglückte tödlich, als er in der Nacht vom 14. auf den 15. Mai 1940 auf dem dunklen Schiff durch eine Luke stürzte. In seiner Brusttasche trug er ein kleines schwarzes Notizbuch, in dem mit Schreibmaschine 1113 Gemälde aus seinem Inventar verzeichnet sind, die er in der Obhut von zwei Mitarbeitern zurücklassen musste. In alphabetischer Reihe sind Namen wie Cranach, Donatello, Van Gogh, Goya, Rembrandt, Rubens, Tintoretto, Tizian und Velazquez aufgelistet, mit Angaben zu Titeln, Maßen und verschlüsseltem Einkaufspreis. Dieses Ringbuch wurde mehr als ein halbes Jahrhundert später zur Grundlage von detektivischen Nachforschungen und vielfältigen Rückgabeverhandlungen.

Görings Konvolut

Kurz nach der Kapitulation der Niederlande kaufte der deutsche Bankier Alois Miedl die Firma J. Goudstikker und ihre Vermögenswerte, ihren eleganten Sitz an der Herengracht in Amsterdam und Schloss Nijenrode für insgesamt 550.000 Gulden. Die besten Kunstwerke jedoch, rund 780 an der Zahl, sicherte sich Reichsmarschall Göring für zwei Millionen Gulden. Einige ließ er gleich auf sein Jagdgut Carinhall verbringen. Mit den restlichen Gemälden aus dem Goudstikker-Inventar handelte in den folgenden Jahren Alois Miedl. Auch Göring verkaufte ab 1943 viele Bilder weiter. (Eines davon war das „Bildnis eines bärtigen Mannes“ aus dem Tiepolo-Umkreis, das Göring 1943 durch das Auktionshaus Lange in Wien versteigern ließ, wo es der Direktor des Landesmuseums Braunschweig erwarb - es wurde vor wenigen Monaten restituiert.)

Goudstikkers Witwe und ihr kleiner Sohn Edo wanderten nach Amerika aus. 1950 heiratete Dési von Halban-Goudstikker den Anwalt Edward von Saher, der ihr bei ihren Rückgabeforderungen zur Seite stand. (Auch Goudstikkers Sohn Edo nahm den Namen von Saher an.) Der niederländischen Regierung waren nach dem Krieg mehr als 300 Werke aus dem Göring-Konvolut ausgeliefert worden. In den fünfziger Jahren verkaufte der Staat davon 63 und ließ 267 Stücke in öffentliche Sammlungen einfließen. Goudstikkers Witwe kämpfte sieben Jahre lang um die Gemälde, aber die Regierung beharrte darauf, dass die Goudstikker-Angestellten die Bilder 1940 in gutem Glauben und mit dem Einverständnis von Goudstikkers Mutter verkauft hätten. 1952 verzichtete Dési von Saher schließlich auf weitere rechtliche Schritte: Sie wurde mit 1,3 Millionen Gulden abgefunden. Dési und ihr Mann Edward von Saher sind nicht mehr am Leben, und auch Goudstikkers Sohn Edo ist 1996 gestorben. Er war mit der Eiskunstläuferin Marei Langenbein aus Baden-Baden verheiratet, die er als amerikanischer Soldat in Deutschland nach einem ihrer Auftritte bei „Holiday on Ice“ kennengelernt hatte. Sie und die beiden Töchter Charlene und Chantal von Saher haben ihren Hauptwohnsitz in Connecticut.

Detektivarbeit

Marei von Saher war ahnungslos, bis ein holländischer Journalist den Fall vor zehn Jahren wieder aufrollte und sich mit ihr in Verbindung setzte. Mittlerweile beschäftigt sie rund fünfzehn Anwälte und Provenienzforscher. Sie hat den selbsternannten Kunstdetektiv Clemens Toussaint auf die Spur von noch nicht identifizierten Werken gesetzt, und sie hat die Vereinbarung der Niederlande mit ihrer Schwiegermutter aus dem Jahr 1952 angefochten.

Nach der Bildung einer „Restitutiecommissie“ und langwierigen Verhandlungen haben sich die Niederlande, wie bekannt, im vergangenen Jahr bereit erklärt, 202 Bilder an Marei von Saher zu restituieren. Sie hingen seit den fünfziger Jahren in Museen wie dem Mauritshuis in Den Haag, dem Frans Hals Museum in Haarlem und dem Rijksmuseum in Amsterdam. Zwar habe Dési von Saher 1952 auf die Werke verzichtet, die Alois Miedl sich angeeignet hatte, nicht aber auf diejenigen, die Göring in seine Hände bekam, hieß es in der Begründung der Kommission.

Die Entscheidung zur Restitution der 202 Werke fiel rund ein Jahr vor dem Ablauf der entscheidenden Frist: Denn vom 4. April 2007 an können in den Niederlanden keine Rückforderungen mehr gestellt werden. Die Restitution der Altmeistersammlung im Wert von fünfzig bis hundert Millionen Dollar an Marei von Saher ist eine der bedeutendsten in der Geschichte. Nicht gerade überraschend kam wenig später die Ankündigung von Christie's, dass Marei von Saher in diesem Jahr zwischen 100 und 200 Bilder versteigern lassen werde - die ersten jetzt im Frühling in New York, weitere in London und Amsterdam.

Finanzielle Arrangements

Nur eine Woche vor der Verlautbarung von Christie's hatte Marei von Saher harte Worte von einem Gericht in Den Haag hören müssen: Ihr Anwalt Roelof van Holthe tot Echten forderte 15,6 Millionen Euro Honorar, aber sie wollte nur 1,3 Millionen bezahlen. Das Gericht entschied, dass ihm neun Millionen Euro zustehen und er zur Beschlagnahme der noch in den Niederlanden befindlichen Werke berechtigt sei, wenn diese Summe nicht bis zum 2. März durch eine Banksicherheit gewährleistet sei. Das Geld wurde vorgestreckt, und alles spricht dafür, dass Christie's dahintersteht, um einmal mehr Sotheby's auszustechen - wie schon 2006 bei den Klimt-Bildern, die Österreich an die Erben der Adele Bloch-Bauer restituierte. Auf Anfrage verwies Christie's auf von Sahers Anwalt Lawrence Kaye; Kaye wollte sich nicht zum finanziellen Arrangement äußern.

Am 19. April versteigert also Christie's in New York Salomon van Ruysdaels kapitale „Flusslandschaft mit Fähre in der Nähe von Nijenrode“ für geschätzte drei bis fünf Millionen Dollar, die lange im Rijksmuseum hing: Im Hintergrund ist das Schloss zu sehen, auf dem Jacques Goudstikker seinerzeit rauschende Feste gefeiert hat. Auch eine Waldlandschaft von Philips Koninck kommt für 1,5 bis zwei Millionen Dollar unter den Hammer. Insgesamt auktioniert Christie's in diesem Jahr 145 Werke aus dem Goudstikker-Konvolut; sie sollen zwischen 22 und 35 Millionen Dollar einbringen. Gleichzeitig will die Familie zusammen mit dem Bruce Museum in Connecticut eine Ausstellung zu Ehren ihres Vorfahren organisieren. Es gehe um ein „historisches Unrecht und Wiedergutmachung“, erklärt Charlene von Saher.

Zähe Absprachen

Aber rund tausend Bilder aus dem kleinen schwarzen Notizbuch sind noch nicht aufgespürt. Toussaint hat anhand der Einträge mehr als 600 davon identifiziert, jedoch noch nicht gefunden. Lawrence Kaye schätzt, dass bisher fünfzig bis hundert Gemälde lokalisiert sind; dreißig weitere sind bereits restituiert: Der Graf von Bentheim hat für einen Van Ruysdael eine Entschädigungssumme an von Saher gezahlt, und eine Zeichnung von Degas wurde aus dem Israel Museum restituiert (und verkauft, um die fortgesetzte Suche zu finanzieren). Toussaint hat in der Sache von Saher Restitutionen, unter anderen, aus Museen in Köln, Düsseldorf, Hamburg, Dresden und Stuttgart erwirkt, während zehn amerikanische Museen sich bisher nicht haben erweichen lassen: „Sie sind nicht unkooperativ“, sagt Kaye, „aber in den Vereinigten Staaten sind die Rückgabeverhandlungen komplizierter.“ Bereits im Januar 2006 versteigerte Sotheby's in New York ein Terrakotta-Relief von Donatello für fast vier Millionen Dollar an das Kimbell Art Museum in Texas. In Absprache mit Marei von Saher wurde es aus einer ungenannten europäischen Privatsammlung eingeliefert. So fließt das Geld, Stück für Stück.

Nun hat Marei von Sahers New Yorker Anwaltsbüro verkündet, dass fünf der 202 restituierten Werke in den Niederlanden bleiben werden. Vier Bilder des 17. Jahrhunderts kauft die niederländische Regierung; das fünfte, die Darstellung eines sterbenden Kindes von Bartholomeus van der Helst aus dem Museum Gouda, überlässt Marei von Saher dem Staat als Schenkung. Bildungsminister Ronald Plasterk ließ verlauten, dass der Preis für die vier Gemälde fast drei Millionen Euro betrage: Von einem Schnäppchen kann also nicht die Rede sein. Es handelt sich um eine Architekturphantasie des Dirck van Delen, die lange Zeit im Noordbrabantmuseum in Den Bosch hing, zwei Porträts des Utrechter Malers Paulus Moreelse aus dem Centraal Museum in Utrecht und um Daniel Vosmaers Ansicht von Delft aus dem Prinsenhof in Delft.

Historisches Unrecht wiedergutzumachen mag der Beweggrund für die Erben sein. Doch das Restitutionswesen hat sich auch zu einem hochprofitablen Geschäftszweig des Kunsthandels entwickelt. Wenn selbständigen Provenienzforschern Prozente winken, wenn Anwälte wegen der Summen, um die es geht, Stundenhonorare von 1500 Euro, neben noch viel höheren Erfolgsprämien, kassieren und wenn sich Auktionshäuser als Kreditinstitute betätigen und für zugesagte Einlieferungen viele Millionen Dollar vorstrecken, um Prozesskosten zu decken, dann droht sich die edle Sache der Kunstrestitution an Opfer des Nationalsozialismus und deren Nachkommen in eine fragwürdige Industrie zu verwandeln.



Text: F.A.Z., 31.03.2007, Nr. 77 / Seite 48
Bildmaterial: Christie's

 
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