Gegenwartskunst

Das hysterische Flattern einer Segelyacht

Von Niklas Maak

06. Dezember 2006 Rituell wie in jedem Jahr ist ein Großteil der Berliner Kunstwelt in diesen Tagen in den Sommer von Miami geflohen, um bald mit kleinen Augen, zerfeierten Lebern und schweren Gesundheitsschäden aus dem Partyirrsinn der Art Basel Miami wieder aufzutauchen. Das bedeutet aber nicht, daß es währenddessen in Berlin nichts zu sehen gäbe - im Gegenteil: So viele gute Ausstellungen waren seit langem nicht zu besichtigen.

Ein paar hundert Meter neben dem flavinblau vor sich hin glühenden Hamburger Bahnhof hat David Woodard in einer von Adina Popescu kuratierten Gruppenschau bei „Program“ in der Invalidenstraße 115 seine „Dreammachine“ installiert, eine rotierende Lampe, die schon William S. Burroughs als Ersatz für psychedelische Drogen benutzte: Sieben bis dreizehn Lichtblitze pro Sekunde werden durch ein Raster geworfen; schließt man vor dem Objekt die Augen, sieht man ein intensiv surreales, Hirnsausen verursachendes Stroboskopflimmern. (Bis 10. Dezember.)

Sich drehende Möbel

Während hier das paradoxe Sehen mit geschlossenen Augen erprobt wird, ist in der Galerie Klosterfelde eine ganz andere Laterna Magica zu besichtigen. Lara Favaretto hat dort eine Art Karussell aufgebaut, in dessen Mitte ein paar Möbel stehen, die aber von rasant im Kreis beschleunigten, schweren Planen umrast werden, weswegen man das Innere mit bloßem Auge kaum erkennen kann. Es scheint, als sei dieses eigenartige Zelt verrückt geworden und schlage nun wild um sich, um die Besucher am Betreten seines Innenraumes zu hindern.

Das gewalttätig knatternde Geräusch der im Kreis rasenden, schmatzend gegen einen Betonpfeiler schmetternden Planen erinnert die Besucher wohl je nach sozialer Herkunft entweder an ein Zelt, das sich im Sturm von den Leinen reißt, oder an die Segel einer Yacht, die in heftige Winde geraten ist. „Es begann, als es schon vorbei war“, heißt dieses Werk, und mit jeder Umdrehung scheint es unwahrscheinlicher, ins Innere vordringen zu können - was romantische und melancholische Naturen als Bild verpaßter Chancen und für die Unmöglichkeit des greifbar Scheinenden lesen dürfen: Was bleibt von der ziellosen, leidenschaftlichen Energie, ist Wind, Staub und eine dunkle Schleifspur, die sich in den verletzten Stützpfeiler eingräbt. (Bis 3. Februar.)

Untoter im digitalen Zeitalter

Einen ganz anderen Endlosloop führt Simon Starling bei Neugerriemschneider in einem Film auf, der Produktionsstätten und Objekte der Berliner Metallwerkstatt Wilhelm Noack zeigt; während auf der Leinwand Freischwinger und anderes klassisch modernes Utopiemobiliar vorbeizieht, mäandriert der Film selbst wie ein Untoter des mechanischen im digitalen Zeitalter über eine stählerne, wendeltreppenhafte Skulptur, die in der Werkstatt produziert wurde und auch im Film auftaucht. (Bis 13. Januar.)

Gäbe es einen Preis für hysterische Eleganz in der Kunst, bekäme ihn die Galerie Neu, in der sich Tom Burr und Jack Pierson gegenseitig porträtiert haben: Pierson zeichnete in einer manischen Serie Burrs Profil und überblendete Physiognomie und Körperteile des Kollegen in vergrößerten Kohlezeichnungen zu einem kubistischen Linienknäuel, während Burr Piersons Charakter in mehreren exquisit wahnhaften Skulpturen umriß.

Konvulsivische Schönheit

Auf einer wie von Cady Noland schwarzlackierten Rohrkonstruktion hängt ein Anzug von Pierson, daneben steht ein märchenhafter Schminktisch, dessen obere Hälfte sich aus Spiegeln zusammensetzt und aussieht, als habe der Spiegel das Holz infiziert und verwandele jetzt gnadenlos alles in Spiegelflächen, was mit ihm in Berührung kommt. Der Surrealist André Breton, der einmal bemerkte, Schönheit müsse konvulsivisch sein, oder sie sei nicht, hätte seine Freude an diesen Objekten gehabt. (Bis 15. Januar.)

Außerdem zeigen Eigen + Art einen kurzen, in den Kulissen von Zaha-Hadid-Bauten gedrehten Architekturfilm des unterschätzten Maix Mayer, und Esther Schipper präsentiert Liam Gillick. (Alle Preise nur auf Anfrage.)



Text: F.A.Z., 02.12.2006, Nr. 281 / Seite 50
Bildmaterial: Klosterfelde, Neu, Schipper

 
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