Buddhistische Wissenschaft

Erleuchtung aus der Petrischale

Von Sabine Löhr

Klonen im Einklang mit Buddha

Klonen im Einklang mit Buddha

06. Juli 2005 Über Korea geht gerade die Sonne auf, und Hwang Woo-suk verbeugt sich 108 mal vor einer großen Buddhastatue. Seit fast zwanzig Jahren fährt er einmal im Monat von Seoul ein paar Kilometer nach Westen und verbringt den Morgen im Chongdung-sa Tempel. Gewöhnlich aber meditiert er zu Hause, früh gegen halb fünf, vierzig Minuten lang. Dann eilt Hwang, der "König des Klonens", geistig gestärkt in sein Labor.

Dem Südkoreaner Hwang ist es als erstem gelungen, embryonale Stammzellen vom Menschen zu klonen und zu kultivieren. Mittlerweile braucht er dazu auch recht wenige Eizellen. Das therapeutische Klonen rückt näher - und zwar mit Buddhas Segen. "Ich kenne mich zwar nicht besonders gut mit den buddhistischen Überzeugungen aus", gibt der Wissenschaftler zu, "aber wenn ich forsche, prüfe ich immer, ob die Versuche mit dem sublimen Geist Buddhas übereinstimmen." Wenn er sich nicht sicher sei, könne er nicht weiterarbeiten, erklärte er kürzlich der Korea Times.

Liest er noch - oder denkt er nach?

Hwang Woo-suk klonte erfolgreich embryonale Stammzellen

Hwang Woo-suk klonte erfolgreich embryonale Stammzellen

Man fragt sich, wie dieses Prüfen wohl vonstatten gehen soll. Fragt der ehemalige Katholik Hwang nach? Liest er nach, denkt er nach? Einen höchsten Dogmatiker, den man um verbindliche Auskünfte bitten könnte, gibt es im Buddhismus nicht (siehe "Wer zählt die Buddhas?").

Buddha selbst erklärte vor etwa 2500 Jahren, er werde keinen Nachfolger ernennen, seine Lehre sei nach ihm Lehrer. Prompt bewahrten seine Schüler nicht nur seine Äußerungen, sondern ergänzten sie über die Jahrhunderte hinweg durch umfangreiche Kommentare. Es entstand eine regelrechte Bibliotheksreligion. Eine systematische Darstellung des theoretischen Rahmens buddhistischer Ethik, die man auf Probleme von Aids bis Zygote anwenden könnte, sucht man vergebens. Statt dessen dominieren Fallbeispiele. Daß Hwang diese Schriften nicht komplett gelesen hat, ist normal. Das hat kaum ein Buddhist. Von Fall zu Fall abzuwägen, ist daher ganz im Geiste des Erwachten. Schon im Kalamasutta, das auf Buddha selbst zurückgeht, erklärt dieser, man solle sich nie auf Traditionen, Theorien (auch nicht die eigenen!), Texte oder Hörensagen verlassen. Besser sei es, alles stets zu überprüfen. Im Idealfall gäbe es so keinen Widerspruch zwischen religiösem und verstandesmäßigem Handeln und Erkennen.

Neue Schulen, alte Tradition?

Ein Blick in die kanonischen Schriften des Buddhismus könnte dem unsicheren Hwang trotzdem eine gewisse ethische Orientierung im Umgang mit Embryonen verschaffen. Aber welche Schriften? Philosophische? Neue Schulen, alte Tradition? Will er dem historischen Buddha besonders nahe kommen, sollte er vernünftigerweise in der Dreikorbsammlung (Tipitaka) nachsehen, vielleicht sogar nicht einmal in der im Mittelalter entstandenen koreanischen Fassung, sondern in der auf das erste buddhistische Konzil nach dem Tod des Erhabenen zurückgehenden Paliversion. Dort sind die überlieferten Äußerungen des Buddhas zur monastischen Disziplin (Vinaya), Lehrreden (Sutta) und philosophisch-metaphysische Texte (Abhidhamma) in ihrer ursprünglichsten Form gesammelt.

Falls Hwang glauben sollte, sich über den Buddhismus moralisch absichern zu können, weil er Mitgefühl mit dem Leiden aller Kreaturen verspürt und nur deshalb Stammzellen zu Therapiezwecken klont, scheint dies zunächst richtig zu sein. Schließlich war es das Ziel des Buddhas, jegliche Form von Leid (Duhkha) zu beenden, gleich ob es Geist oder Körper betrifft. Da ist es nur konsequent, daß Arznei, oft aus Butter oder Kuhurin, zu den wenigen Dingen gehörte, die ein Bettelmönch besitzen durfte.

Im Alltag an ethischen Normen orientieren

Völlige Freiheit von Leiden kann aber nur erlangen, wer nach geistigem Heil strebt - wie Hwang in der Meditation - und seinen Alltag obendrein an ethischen Normen orientiert. Eine der wichtigsten buddhistischen Selbstverpflichtungen lautet: "Ich gelobe, Abstand zu nehmen vom Töten." Daraus läßt sich zwar kein Einwand gegen die Forschung an adulten Stammzellen ableiten, weil hierbei kein Lebewesen stirbt. Doch verbrauchende Embryonenforschung kann der frühe Buddhismus schwer tolerieren. Die weist Hwang folgerichtig von sich. Seine aus entkernten Eizellen und Hautzellen entstandenen Blastozysten nennt er "Zellkerntransfer-Konstrukte". Menschen, behauptet Hwang, könnten sich daraus nicht entwickeln.

Hätte er recht, käme er mit seiner Forschung ein gutes Stück auf dem buddhistischen Heilspfad voran. Denn dann lebte er gleich zwei Grundtugenden: Mitleid (Karuna) und Wohlwollen (Maitri) gegenüber Leidenden.

Nicht nur ein Leben, nicht nur eine Welt

Wenn diese "Konstrukte" aber doch lebensfähig wären, sollte Hwang seine Experimente allein aus Selbstschutz umgehend einstellen. Jede Tötung eines nach buddhistischer Auffassung lebenden Embryos (siehe "Wie ein Mensch entsteht") hätte äußerst ungünstige Konsequenzen für sein Karma. Hwang, heute noch der Stolz Koreas, riskierte damit eine denkbar schlechte Wiedergeburt, vielleicht als Insekt.

Das allein wäre aber noch kein Grund zur Verzweiflung: Hwang hätte anschließend viele Leben lang Zeit, sich wieder in eine menschliche Existenz hochzuarbeiten. Nicht nur ein Leben, nicht nur eine Welt: So wie die Menschen, unterliegt das gesamte buddhistische Universum zyklischen Prozessen. Der Zeithorizont geht dabei weit über die paar tausend Jahre der Bibel hinaus. Schon frühe Texte kennen unendlich lange Weltperioden. Ein Kalpa währt Millionen von Jahren und umfaßt Weltentstehung, Bestehen, Weltuntergang und Chaos. Dann beginnt der Reigen automatisch von vorn. Ohne jeden Schöpfergott. Gegen die Urknalltheorie gibt es daher keine buddhistischen Einwände, solange die Physiker akzeptieren, daß es mehr als nur einen Big Bang gibt.

Kein Glaube, sondern rationale Weltanalyse

Vor allem Physiker waren es, die sich seit den siebziger Jahren immer wieder für den Buddhismus begeisterten. Mancher von ihnen vermißte vielleicht die passende Ethik zu seiner Erkenntnis naturgesetzlicher Wirkmechanismen. Wer sich als Wissenschaftler der Suche nach grundlegenden Gesetzen verschrieben hat, dem mag auch einfach gefallen, daß der Buddhismus seine Lehre (Dharma) nicht als Glauben, sondern als rationale Weltanalyse begreift. Der Dharma ist also gleichsam die buddhistische Weltformel. Nach Ansicht des wichtigsten Gelehrtenmönchs Thailands, Phra Dhammapitaka, ist damit vollkommen klar, daß irgendwann in der Zukunft Buddhismus und Wissenschaft in einer speziellen Beziehung stehen werden, "wo Religion Wissenschaft und Wissenschaft Religion wird und die Teilung für immer aufgehoben ist."

Da der Buddhismus sich Analyse und Logik verpflichtet sieht und seine Einsichten in die Welt für transhistorisch und universal hält, hat er seinen Teil dazu bereits beigesteuert. Der buddhistische Erkenntnis- und Erlösungsweg steht im Prinzip jedem offen, der sich an die Regeln Buddhas hält. So gesehen handelt es sich um ein empirisch abgesichertes, in seiner Gültigkeit überprüfbares Experiment. Jetzt müssen nur noch die Naturwissenschaften ein ähnlich hohes Erkenntnisniveau erreichen.

Populärer westlicher Einiger: Physiker Fritjof Capra

Von buddhistischer Warte aus ist leicht verständlich, was der Einklang mit den modernen Leitwissenschaften brächte: Man könnte sich dem Westen als relevante, moderne, aufgeklärte Religion präsentieren. Auch wenn dies wenig mit dem buddhistischen Alltag in asiatischen Dörfern gemein hat.

Populärster westlicher Einiger von Naturwissenschaft und östlicher Weisheit war wohl der Physiker Fritjof Capra. Sein vor etwa 25 Jahren entstandenes "Tao der Physik" präsentierte Parallelen zwischen allen östlichen Religionen inklusive Islam und moderner Physik, inklusive Quanten. Das Buch verkauft sich bis heute gut, auch wenn Orientalisten und nichtesoterische Physiker es als ebenso brachial wie selektiv zurechtgebogen empfinden.

Kaum überbrückbare Differenzen

Denn eine einzige Erkenntnis der Quantenphysik führt bereits zu kaum überbrückbaren Differenzen mit dem Buddhismus. Es geht um Kausalität. Nach dem buddhistischen Gesetz des abhängigen Entstehens (Pratitya-samutpada) stehen alle psychischen wie physischen Phänomene in einem Kausalnexus. Nur in und durch ihre Bedingtheit können sie bestehen. Reiner Zufall, Nichtkausalität ist damit im Buddhismus eigentlich ausgeschlossen - aber ein beobachtbares Phänomen auf Quantenebene. Der Dalai Lama mutmaßt daher, die Forscher müßten noch weiter suchen, dann fänden sie auch in diesem aussichtslosen Fall kausale Erklärungen. Doch das, sagen Physiker wie Anton Zeilinger, scheint ausgeschlossen.

Wirklich interessant wäre es wohl, wenn sich buddhologisch geschulte Physiker mit der Lehre des Dialektikers Nagarjuna von der Materie und dem Wesen der Welt befaßten. Nagarjuna, der um das 3. nachchristliche Jahrhundert lebte, postulierte, daß alle Dinge nur relativ und zudem abhängig von ihrem Gegenteil existieren. Eine unvergängliche, unabhängige Eigennatur besitzen sie somit nicht. Tisch, Stuhl, selbst der Buddha der sinnlich erfahrbaren Welt existieren damit nur als konventionelle Wahrheit, nicht aber an sich.

Erfahrbar, aber nicht beschreibbar

Vom Standpunkt einer Wahrheit, die erfahrbar, aber nicht in Worten beschreibbar ist, haben Dinge also keine Eigenschaften. Wahrhaft existiert nur die Leerheit (Shunyata). Daß ein Teilchen zwischen zwei Messungen keine Eigenschaften hat, sollte ein Physiker Nagarjuna demnach leichter erklären können als den meisten modernen Zeitgenossen.

Bleibt für den Buddhisten nur noch die Frage, ob Quantenphänomene in die Sphäre der konventionellen Wahrheit gehören oder Denksportaufgaben mit Grüßen von der allerhöchsten Wahrheit sind.

Sabine Löhrs Biographie „Dalai Lama XIV - Sein Leben, sein Wirken, seine Botschaft“ ist soeben bei Rowohlt erschienen.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 03.07.2005, Nr. 26 / Seite 61
Bildmaterial: APw, F.A.Z.-Dieter Rüchel

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