24. August 2004 Kilometerlange Beschleuniger für allerkleinste Elementarteilchen sind das Markenzeichen der Teilchenphysik - und gleichzeitig ihr Dilemma. Denn je tiefer die Forscher in die Struktur der Materie blicken wollen, desto aufwendigere Anlagen benötigen sie. Und kaum ist ein Teilchenbeschleuniger in Betrieb gegangen, liegen schon die Pläne für eine neue, noch leistungsfähigere Maschine vor.
Doch mit dem International Linear Collider (ILC), der eine Länge von dreißig bis vierzig Kilometern haben wird, dürfte aller Voraussicht nach das Ende der Fahnenstange erreicht sein. Einen noch gewaltigeren Teilchenbeschleuniger, der noch mehr Milliarden verschlingt, wird es nach ihm nicht geben, schon gar nicht im nationalen Alleingang.
Das hatten die Teilchenphysiker schon frühzeitig erkannt und den ILC von Anfang an als internationales Projekt geplant, an dem viele tausend Wissenschaftler aus drei Kontinenten beteiligt sind. Am Deutschen Elektronen-Synchrotron in Hamburg schuf man mit dem 33 Kilometer langen Tesla-Beschleuniger eine supraleitende Version der "Weltmaschine", die in Kombination mit einem intensiven Röntgenlaser Teilchenphysiker, Materialforscher, Biologen und Mediziner gleichermaßen begeistern und ins Boot holen sollte.
Wie es ausging, ist bekannt. Beide Projekte waren dem Forschungsministerium zu teuer, und so gab man in Berlin dem Freie-Elektronen-Laser die größere Priorität. Fortan konzentrierte man sich bei Desy verstärkt auf die Röntgenquelle, deren "supraleitende" Beschleunigungsstrecke demnächst um 200 Meter verlängert wird.
Auch wenn man sich in Hamburg äußerlich "nordisch" kühl gibt, die Entscheidung vom vergangenen Freitag, den International Linear Collider mit der Beschleunigungstechnik zu betreiben, wie sie für Tesla vorgesehen war, dürfte bei den Forschern des Desy große Freude hervorgerufen haben. Denn offenbar haben sie auf das richtige Pferd gesetzt.
Text: mli., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.08.2004, Nr. 197 / Seite N1