Von Thomas Schmitt
01. August 2006 Nano - das Wort allein klingt schon gut. Übersetzt bedeutet es Zwerg. Das führt allerdings in die Irre, weil ein Zwerg zwar klein, aber in unserer Vorstellung immer noch relativ groß ist. Nano-Teilchen agieren dagegen in Dimensionen, die dermaßen winzig sind, daß die menschliche Vorstellungskraft überfordert ist.
Wer kann sich schon ausmalen, was passiert, wenn man ein Haar nicht einmal oder zehnmal, sondern gleich 50.000 Mal spaltet? Von dem Haar sähe man nichts mehr, es wäre unsichtbar. Nur unter dem Rastertunnel-Mikroskop, das in den achtziger Jahren entwickelt wurde, würden Wissenschaftler etwas erkennen. Sie sehen Teilchen oder Partikel, die - und das ist das Besondere - in ihrer winzigen Form anders reagieren als größere Einheiten.
Kleinste Teilchen halten Einzug in den Alltag
Wissenschaftler können sie nun sogar beeinflussen, wodurch der Ausgangsstoff dann andere Eigenschaften erhält. Letztlich ist das der Grund, warum Nano so spannend ist. Und vielleicht auch gefährlich: Denn niemand weiß, wie neue Nanopartikel im menschlichen Körper wirken.
Um sich die Dimensionen vorzustellen, ist auch der Vergleich von Professor Wolfgang Heckl aus München beliebt: Das Verhältnis zwischen der Erdkugel und einem Fußball darauf ist etwa so wie jenes zwischen einem Nano-Teilchen und dem Fußball, in dem es steckt. Daß Wissenschaftler so winzige Einheiten überhaupt noch beeinflussen können, ist für Laien schon überraschend. Daß Nano nun dabei ist, ins tägliche Leben einzuziehen, empfinden manche sogar als Sensation.
Schlüsseltechnologie dieses Jahrtausends
Doch nicht nur Wissenschaftler wie Physik-Professor Heckl sind sicher: Kein Lebensbereich und kein Zweig der Wissenschaft wird von den Auswirkungen der Nanotechnik unberührt bleiben. Nano sei eine von vier Schlüsseltechnologien dieses Jahrtausends - neben künstlicher Intelligenz, Bio- und Informations-Technik, ergänzt Annabelle Hett von der Schweizer Rück.
Und Ralf Zastrau, der bald sein Unternehmen Nanogate an die Börse bringen will, ist überzeugt: Nano ist längst nicht mehr technische Phantasie, sondern wird Märkte verändern. In zehn Jahren wird jedes zweite Produkt von Nanotechnik profitieren, sagt Zastrau. Für einen Unternehmer geht es also nur noch darum, wo und wie er damit nun Geld verdienen kann.
Nano ist zur Mode geworden
Das ist schwieriger als gedacht, weil Nanotechnik alles und nichts bedeutet. Obwohl die wenigsten Menschen mit Nanotechnik etwas anfangen können, ist sie mancherorts schon Mode geworden. Man muß nur behaupten, in einer Creme oder einem Getränk seien winzige Nano-Teilchen drin, schon verkauft sich ein Produkt besser.
Ermöglicht wird solch ein Mißbrauch auch, weil Nanotechnik an sich nicht näher definiert ist. Es ist keine Branche oder keine Technik, die sich auf einen bestimmten Bereich bezöge. Zunächst ist Nanotechnik nur eine Größenbezeichnung: Alles ist winzig klein, spielt sich auf atomarer Ebene ab, für das Auge unsichtbar.
Die Gesetze der Physik, Chemie und Biologie verschmelzen
An Anwendungen arbeiten Wissenschaftler aus und in allen Bereichen: Chemiker, Biologen und Physiker genauso wie Elekrotechniker, Informatiker oder Mediziner. Wer über Nano redet, muß daher immer sagen, welchen Ausschnitt er meint. Jeder redet über etwas anderes.
Unisono sprechen die Experten nur gerne von einer Revolution auf der Ebene der Atome, also der kleinstmöglichen Einheiten. Dort verschmelzen die Gesetzmäßigkeiten der Physik, Chemie oder Biologie und ermöglichen interdisziplinäre Entwicklungen, die alle bisherigen Errungenschaften in den Schatten stellen sollen, schreibt die Schweizer Rück in der Studie Nanotechnologie: Kleine Teile - große Zukunft?
Antibakterielle Türgriffe und kratzfeste Autolacke
Von diesen Veränderungen seien so ziemlich alle denkbaren Industriezweige betroffen, angefangen bei der Luft- und Raumfahrttechnik, über die Automobilindustrie, Chemie, Medizin, Elektronik, Computertechnik, Optik und den Maschinenbau bis hin zur Feinmechanik.
Die ersten Nano-Produkte gibt es schon: Backöfen sind so beschichtet, daß sie Fett abweisen und schneller zu reinigen sind; Türgriffe in Arztpraxen wirken gegen Pilze, Bakterien und Viren; Lacke an Autos haften besser und länger und sind kratzfest. Bald sind wohl auch selbstheilende Lacke auf dem Markt, Scheiben, die sich automatisch bei starker Sonne abdunkeln oder Mini-Computer in Handy-Größe, die Laptops der heutigen Generation als vorindustriell erscheinen lassen.
Investitionen in Millardenhöhe
Die Kommerzialisierung beschleunigt sich rasant, fand das amerikanische Forschungsinstitut Lux Research heraus. Nano-Produkte im Wert von mehr als 32 Milliarden Dollar seien im vergangenen Jahr verkauft worden - mehr als doppelt soviel wie 2004. Vielleicht sind es sogar 100 Milliarden Dollar, wie Professor Heckl glaubt. Im Jahre 2014 erwartet Lux Research Nano-Produkte im Wert von 2,6 Billionen Dollar auf dem Markt.
Fast zehn Milliarden Dollar investieren öffentliche und private Stellen in die Nano-Forschung. Und auch die öffentliche Wahrnehmung ist gestiegen: Der amerikanische Präsident George Bush und der legendäre ehemalige General-Electric-Chef Jeffrey Immelt machten sich zum Fürsprecher der Nanotechnik.
Wie viele Unternehmen sich mittlerweile in der Nanotechnologie tummeln, können selbst Insider wie Heckl nur schätzen: mehrere hundert in Deutschland und mehrere tausend weltweit. Hinzu kommen vielfältige Aktivitäten in großen Konzernen. Heckl ist sicher: Nano wird große wirtschaftliche Auswirkungen haben. Viele in Europa hätten das aber noch nicht erkannt. Die intelligenten Produkte der Nanotechnik böten gerade den Deutschen ungeheure Chancen. Doch Nano-Fachmann Heckl stellt große Zurückhaltung fest: Wir sind zu zögerlich.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 30.07.2006, Nr. 30 / Seite 39
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