Von Michael Siebler
09. Januar 2006 Die aus Gips, Kunstmarmor oder Marmor hergestellten Rekonstruktionen antiker Kunstwerke beeindrucken durch ihre sorgfältige, in antiker Manier ausgeführte Bemalung. Das flirrende Farbmuster des bogenschießenden Paris ebenso wie der kleinteilige Tierfries auf dem Gewand der Peploskore, das Schuppenornament auf dem Helm des Kriegerkopfes ebenso wie die lebendige Augenpartie mit Brauen und Wimpern des Caligulaporträts.
Betrachtet man dagegen die Originale, so ist von Ornamenten oder figürlichen Darstellungen entweder nichts oder nur sehr wenig zu erkennen. Wie also gelingen diese Einsichten ins scheinbar Unsichtbare? Es ist eine Kombination klassischer Beobachtungsmethoden, naturwissenschaftlicher Kenntnisse und der Anwendung modernster technischer Hilfsmittel.
Pigmente aufspüren
Unersetzlich für das Aufspüren kleinster Farbreste und die Bestimmung der ursprünglichen Pigmente in oxydierten oder verschmutzten Farbschichten ist ein Auflicht-Stereomikroskop; die in jahrelanger Beobachtung gewonnenen Erfahrungswerte sind für eine erste Bestimmung entscheidend. Mit Hilfe der Röntgendiffraktrometrie oder der IR-Spektrographie kann die Zusammensetzung einer Farbschicht bestimmt werden. Zur Zeit unterstützen der Restaurator Heinrich Piening und das auf Farbprüfungen spezialisierte Münchner Doerner-Institut Brinkmann bei einer zerstörungsfreien Untersuchung der Pigmente, die auf der Lichtabsorption der Partikel beruht. Diese UV-VIS-Reflexionsspektralphotometrie ermöglicht eine Bestimmung der Pigmente und ihrer Farbwerte an Stellen, an denen keine Probenentnahmen möglich sind.
Hilfreich ist auch der Einsatz von Streiflicht. Das schräg geführte, gebündelte Licht läßt Vorritzungen für Ornamente und das sogenannte Farbverwitterungsrelief deutlich erkennen. Dieses ermöglicht den indirekten Nachweis von Farben, denn Ocker hält nicht so gut wie Grün; Blau und Zinnober sind am beständigsten, weshalb vor allem diese Farben von früheren Ausgräbern noch gut zu erkennen waren und deshalb oft als einzige für Rekonstruktionen verwendet wurden. Vereinfacht formuliert: Wo die Oberfläche am stärksten verwittert ist, war einst Ocker verwendet worden. Jahrelange Erfahrung und Vergleichsuntersuchungen zum Verwitterungsverhalten von Farbpigmenten ermöglichen den beteiligten Forschern heute relativ eindeutige Aussagen.
UV-Fotos
Wichtig sind auch Fotografien, die sich der UV-Fluoreszenz und der UV-Reflexion bedienen. In beiden Fällen können mit entsprechendem Filmmaterial und Objektivfiltern Feinheiten der ursprünglichen Bemalung sichtbar gemacht werden. Die Auswertung der Fotos gestattet dann Einblicke in Aufbau und Konstruktion von Ornamenten und Gewändern. Ein Fluoreszenzbild zeigt die verlorenen Farbflächen in unterschiedlichen Helligkeitswerten, wie auch die mit UV-Optik hergestellten Bilder, die den sogenannten Farbschatten scharf und ausgewogen dokumentiert und als Ergänzung der UV-Fluoreszenz dient.
Welche Methode das beste Ergebnis liefert, muß fallweise entschieden werden. Keine kann jedoch die vorurteilsfreie Annäherung an jedes Stück ersetzen. Die Bemalungsspur, sagt Brinkmann, erschließt sich nur, wenn man mit dem Unerwarteten rechnet.