Nanotechnologie

Bitte nur "weiche" Nanovisionen

Von Ludger Fittkau

17. Januar 2005 "Dieses Mal wollen wir alles besser machen. Bilder wie den niedergebrannten Atomreaktor von Tschernobyl, die vom Rinderwahnsinn gezeichnete Kuh, den Sensenmann am Rande eines Feldes mit gentechnisch veränderten Nutzpflanzen darf die Nanotechnologie auf keinen Fall hervorbringen."

So begann der Brite Nick Pidgeon von der Universität East Anglia seinen Vortrag am vergangenen Donnerstag auf einer Tagung in Marburg. Unter dem Thema "Nanotechnologie in Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft" hatte man drei Tage lang an der Universität Nanoforscher aus aller Welt versammelt, die nicht ohne Sorgen in die Zukunft blickten.

Ökologische Risiken

In Marburg war häufig der Begriff "Embedded" zu hören. "Eingebettet" werden sollen beispielsweise die Aktivitäten der Molekül-Ingenieure in einen Diskussionsprozeß mit Ethikern und Sozialwissenschaftlern, damit gefährliche Irrwege in der Nanoforschung möglichst früh erkannt und abgewendet werden können. Vor allem die BSE-Krise habe in Großbritannien den Ruf nach einer intensiveren Technikfolgenabschätzung laut werden lassen, berichtete Nick Pidgeon, der für die ehrwürdige britische Royal Society im vergangenen Jahr einen Bericht zu den "Möglichkeiten und Unsicherheiten" der Nanoforschung verfaßte. "Wir können in Europa die Risiken der Nanoforschung besser thematisieren als in den Vereinigten Staaten", zeigte sich der Philosoph Alfred Nordmann von der TU Darmstadt optimistisch. Nordmann beobachtet im Auftrag der Europäischen Union die Entwicklung in der Nanotechnik.

Auch auf anderen Kontinenten wie Australien werden die ökologischen Risiken der Nanotechnologie thematisiert. "Wissen wir eigentlich genug über die Toxizität der kleinen Partikeln?" fragte der australische Nanoforscher Max Lu und rief angesichts der Tatsache, daß Nanopartikeln längst etwa in einigen Sonnenschutzmitteln verwendet werden und Nanoprodukte weltweit für Umsätze in Höhe von 35 Milliarden Dollar sorgen, eine gewisses Unbehagen hervor. Während Lus Frage noch nach einer Antwort sucht, arbeiten in Queensland an dem Institut des Forschers 80 Wissenschaftler an der Herstellung neuartiger Nanomaterialien für die Auto- und Kosmetikindustrie sowie für das Gesundheitswesen.

Futuristische Zukunktsträumereien

In Japan werden im Jahr 2010 bereits sechs Prozent der gesamten industriellen Produktion auf Nanomaterialien beruhen. Das prognostizierte Morinobu Endo von der Shinshu-Universität in Matsumoto. Endo war 1976 einer der ersten, der winzige Nanoröhrchen aus Kohlenstoff entdeckte und diese für die Medizin als Filter nutzbar machte. Der japanische Ingenieur gilt in der internationalen Nanogemeinde als ein heißer Anwärter für den Nobelpreis.

In Marburg gehörte er eher zu denjenigen, die Visionen entwickelten, die man nicht gerade als sanft bezeichnen kann. Er zeigte spektakuläre Bilder von riesigen Zeltdächern aus Nanomaterialien, die ganze Städte überwölben oder von winzigen Robotern, die in menschliche Körper eindringen und Krebszellen fressen - futuristische Techno-Visionen, die an die Zukunftsträumereien des Amerikaners Eric Drexler erinnerten. Für Endo ist die Nanotechnologie nicht nur ein Paradigmenwechsel in der Materialwissenschaft, sondern eine industrielle Revolution.

Weder „Hype“ noch „Furcht“

Daß man mit dem Begriff "Revolution" lieber vorsichtig umgehen sollte, mahnte hingegen Armin Grunwald vom Institut für Technikfolgenforschung und Systemanalyse (ITAS) in Karlsruhe. Das Wort lenke zwar die Aufmerksamkeit der Massenmedien auf das neue Forschungsfeld, weil wissenschaftliche Sensationen zu erwarten seien. Der Begriff "Revolution" wecke aber auch die Furcht vor unkontrollierten technologischen Umwälzungen. Die Debatte, wie sie Bill Joy vor einigen Jahren mit seinem Artikel "Warum die Zukunft uns nicht braucht" entzündete, habe deutlich gezeigt, wie schnell ein neuer Forschungsansatz vor allem Ablehnung provoziere. "Vision Assessment", also die Abschätzung von Visionen, müsse auch ein Teil von Technikfolgenabschätzung werden, forderte Grunwald.

Die sanften Gestalter der Nanotechnik waren in Marburg in der Mehrheit. Die Ethik müsse dafür sorgen, daß die Nanotechnologie "smooth" daherkommt, forderte David Baird, Philosoph von der Universität South Carolina. Weder auf einen "Hype" noch auf "Furcht" solle sich die Nanoforschung begründen, ergänzte der Brite Pidgeon. Eine Einbettung als "Governance" durch interdisziplinäre europäische Exzellenz-Netzwerke forderte der Sozialwissenschaftler Ari Rip von der Universität Twente.

Produkte, die „jungen Leuten Spaß machen“

Angesicht von soviel Gestaltungswillen stachen die realitätsgesättigten Bemerkungen des Australiers Max Lu geradezu heraus. Seiner Meinung nach werde es letztlich der Markt sein, der die Zukunft der Nanotechnologie und ihrer Produkte bestimmt. Vertrauen in die Nanotechnologie könnte man vor allem dadurch wecken, daß man Produkte herstelle, die den "jungen Leuten Spaß machen". Als Beispiel nannte er einen bereits auf dem Markt erhältlichen Tennisball, der haltbarer ist als das konventionelle Sportgerät, weil er von innen mit einem Nanomaterial beschichtet ist.

Für die Suche nach den richtigen Metaphern und Visualisierungen wurde während der Marburger Tagung auch die Kunst bemüht. Die österreicherische Medienkünstlerin Christa Sommerer arbeitet daran, die sinnlich nicht erfahrbaren Nanowelten fühlbar und sichtbar zu machen. Sie stellte einige von der Volkswagen-Stiftung geförderte interaktive Projekte vor. Das etwas irritierte Publikum sah unter anderen animierte Bilder von insektenähnlichen Nanowesen, die Buchstaben fressen und mit diesen vom Betrachter gefüttert werden können. Damit solle vor allem jungen Menschen spielerisch die neue Nanowelt nähergebracht werden, begründete ein Vertreter der Volkswagen-Stiftung diese Kunstaktion.

Während Genetiker Metaphern wie das "Buch des Lebens" für ihr Forschungsgebiet strapazieren, setzen einige Nanovermittler also auf Miniaturkreaturen, die Schriftzeichen verspeisen. Ob auf diesem Wege Vertrauen in die neue Technologie geweckt werden kann, darf bezweifelt werden. In Marburg wurde zumindest eines deutlich: Der europäische Weg der Nanoforschung und Technikvermittlung will der bessere sein. Ob das auch gelingt, bleibt abzuwarten.

"Wir können in Europa die Risiken der Nanoforschung besser thematisieren als in den Vereinigten Staaten."

Alfred Nordmann

"Letztlich wird es der Markt sein, der die Zukunft der Nanotechnologie und ihrer Produkte bestimmt."

Max Lu



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.01.2005, Nr. 14 / Seite 34
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb

 
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