Energieforschung

Wege in eine sichere Energieversorgung

Von Manfred Lindinger

Energie, geothermisch: Ein Geysir kurz vor dem Ausbruch

Energie, geothermisch: Ein Geysir kurz vor dem Ausbruch

22. Oktober 2009 Ursprünglich wollte man mit der Veröffentlichung der Studie zur Energieforschung bis nach der Bundestagswahl warten. Doch als Mitte September das Gerücht kursierte, Annette Schavan halte eine von ihr in Auftrag gegebene „Atomstudie“ zurück, in der mehr als hundert Wissenschaftler für den Neubau von Kernkraftwerken plädierten, mussten die Nationale Akademie der Wissenschaften (Leopoldina), die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften (Acatec) und die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften notgedrungen reagieren, und sie haben daraufhin ihr „Konzept für ein integriertes Energieforschungsprogramm für Deutschland“ sogleich ins Internet gestellt. In der vergangenen Woche wurde das Papier in Berlin der Öffentlichkeit vorgestellt.

Bei der Lektüre der siebenundfünfzig Seiten umfassenden Studie sucht man vergeblich nach dem unterstellten Bekenntnis der Wissenschaftler zur Kernenergie oder nach einer direkten Forderung nach neuen Kernkraftwerken. Vielmehr werden alle möglichen Optionen für eine sichere und nachhaltige Energieversorgung in Deutschland sorgsam ausgelotet - basierend auf drei Modulen: erneuerbaren Energiequellen, fossilen Energieträgern und Kernenergie. Letztere dürfe man bei den Betrachtungen natürlich nicht aussparen, sagte Ferdi Schüth vom Max-Planck-Institut für Kohleforschung in Mühlheim, einer der vier Koordinatoren der Studie. Allein schon aus sicherheitstechnischen Gründen und Fragen der Endlagerung von radioaktiven Brennmaterial seien Forschungsanstrengungen auf diesem Gebiet weiterhin unerlässlich. Auch wenn Deutschland an dem geplanten Ausstieg festhält, dürfe es seine Kompetenzen in der Kernenergietechnik schon aus Eigeninteresse nicht verlieren.

Die Entscheidungen trifft die Politik

Die Studie will laut Schüth bewusst keine Empfehlung für die eine oder andere Energiequelle aussprechen, sondern ausschließlich Entscheidungshilfe für die Politik sein, die ja schließlich die energiepolitischen Weichen zu stellen habe. Die Module sind deshalb gezielt im Sinne von „wenn-dann“-Beziehungen formuliert worden. Sollte die Energiepolitik beispielsweise verstärkt auf Wind- und Sonnenenergie setzen, dann müssten entsprechende Energiespeicher und Stromnetze entwickelt werden, um die auftretenden Fluktuationen auszugleichen und eine Versorgung sicherzustellen. Würde man dagegen weiterhin Erdöl und Erdgas als Energieträger favorisieren, sollte nach effizienten Wegen gesucht werden, wie sich die damit einhergehenden Kohlendioxidemissionen verringern ließen und wie das klimaschädliche Gas abgetrennt und sicher in unterirdischen Lagerstätten verwahrt werden könne.

Unabhängig davon, für welche Energieoption sich die Politik langfristig entscheidet, gibt es nach Ansicht der an der Studie beteiligten Wissenschaftler essentielle Forschungsschwerpunkte, die schon jetzt in jedem Fall angegangen werden müssten. Dazu zähle die Steigerung der Energieeffizienz im Verkehrssektor und bei Gebäuden sowie die Entwicklung leistungsfähiger Batterien für Elektroautos. Ziel ist es, den Verbrauch an fossilen Energieträgern zu verringern und gleichzeitig den Ausstoß von Kohlendioxid zu minimieren. Auf Dauer wird sich der steigende Energiebedarf nach Einschätzung der Wissenschaft jedoch nicht durch Effizienzsteigerungen kompensieren lassen. Dann seien neue Strategien gefragt, etwa die verstärkte Nutzung der erneuerbaren Energiequellen Wind und Biomasse.

Auch die Sozial- und Geisteswissenschaften sind gefragt

Unabdingbar sei laut Studie deshalb auch die Entwicklung leistungsfähiger Energiespeicher und verlustarmer Stromnetze, die es ermöglichen, auf Schwankungen bei der Energieerzeugung durch Wind und Sonne flexibel zu reagieren. Derzeit sind in Südspanien große solarthermische Kraftwerke im Bau oder in Planung, in denen Konzepte für Wärmespeicher und Gleichstromnetze getestet werden. Große Priorität habe auch die Entwicklung von Instrumenten und Maßnahmen, mit denen die Akzeptanz von Energiesparmaßnahmen und die Einführung neuer ressourcenschonender Technologien gesteigert werden kann. Besser verstanden werden müssten auch die Mechanismen, die bewirken, dass eine Gesellschaft Innovationen akzeptiert.

Neben den technischen Lösungen werden bei der künftigen Energieversorgung auch soziologische und juristische Fragestellungen zunehmend an Bedeutung gewinnen. Als Beispiel führt Ferdi Schüth das Projekt „Desertec“ an. Hierbei will man in der Sahara mittels einer gewaltigen solarthermischen Anlage elektrischen Strom produzieren und möglichst verlustfrei nach Europa transportieren. Dies sei eine technische, aber auch eine gesellschaftspolitische Herausforderung. Schließlich müssten viele Fragen geklärt werden, die sich bisher noch nie gestellt hätten - von der Akzeptanz des Projekts bei der heimischen und der europäischen Bevölkerung und den sich daraus ergebenden politischen Abhängigkeiten bis zu den Gefahren durch terroristische Anschläge und der damit verbundenen Versorgungsunsicherheit. Nicht zu vernachlässigen seien Fragen der zwischenstaatlichen Regelungen beim Bau neuer Trassen von Stromnetzen in den Ländern Europas.

Energieforschung aus einem Guss

Diese Vielzahl von komplexen Aufgaben könne nur durch eine Neuausrichtung der Energieforschung in Deutschland bewältigt werden. Die Autoren fordern eine Bündelung der Kompetenzen und mehr interdisziplinäre Zusammenarbeit, die alle Disziplinen von den Ingenieur- und Naturwissenschaften bis zu den Sozial-und Geisteswissenschaften einbeziehen müsse. Deutschland brauche mindestens ein großes Energieforschungszentrum, das eine kontinuierliche interdisziplinäre Forschungsarbeit gewährleistet und Innovationen bis zur Marktreife begleitet. Die Struktur der Energieforschung zerfalle derzeit noch zu stark in universitäre und außeruniversitäre Forschung. Die einzelnen Institute und Einrichtungen arbeiteten weitgehend unabhängig voneinander. Daher komme es noch immer zu ineffizienter Doppelforschung, so das Fazit der Studie. Einen großen Stellenwert habe die Ausbildung von wissenschaftlichem Nachwuchs.

Derzeit wird die Energieforschung von sechs Bundesministerien, zahlreichen Landesministerien sowie von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und privaten Stiftungen gefördert. Es gebe kaum Abstimmung zwischen den Förderern und den Geförderten, beklagen die Wissenschaftler. Sie empfehlen daher einen Ausschuß, der die Förderung der Energieforschung koordiniert. Über die Schaffung eines neuen Ministeriums, das sich ausschließlich allen relevanten Aspekten der Energieforschung einschließlich der Klimafrage widmet, sollte nachgedacht werden.

Die Wissenschaftler haben seit der Anfrage aus dem Bundesforschungsministerium im vergangenen Herbst ihre Hausaufgaben gemacht. Nun ist es an den Entscheidungsträgern in Berlin, die entsprechenden energiepolitischen Weichen für die Zukunft zu stellen. In Zeiten knapper Kassen und kurzfristig ausgerichteten politischen Denkens ist das ein schwieriges Unterfangen. Die Verwirklichung des Energieforschungsprogramms bedarf schließlich großer, auf Jahrzehnte ausgelegter Investitionen in die Grundlagenforschung, ohne dass schnell Rendite zu erwarten ist. Bleibt zu hoffen, dass der Energieforschung nicht das gleiche Schicksal droht wie der Klimapolitik: Viele Absichtserklärungen, aber nur wenige politische Taten.

Text: FAZ.net

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