Das Glück der Seegurken

28. März 2004 Die Luft gehört den Vögeln, das Land den Käfern, das Meer den Fischen. Doch über den Ozeanboden herrscht die Seegurke. So gehören auf der Porcupine-Tiefsee-Ebene im Nordatlantik in 4800 Meter Wassertiefe über neunzig Prozent aller makroskopischen Lebewesen zu den an Gemüse erinnernden Verwandten von Seeigel und Seestern. Die fressen sich dort durchs Sediment und verdauen Krümel organischen Abfalls, der aus höheren, freundlicheren Stockwerken des Meeres in die lichtlose Tiefe fällt. Ein stilles Dasein, weitab der Turbulenzen der übrigen Biosphäre.

Doch irgend etwas stimmt nicht da unten. Seit 1996 beobachten Ben Wigham und seine Kollegen vom Southampton Oceanographic Centre (SOC) auf der Porcupine-Ebene eine Bevölkerungsexplosion. Seltsamerweise betrifft sie vor allem eine der sieben Arten, die die britischen Meeresforscher untersuchten: Amperima rosea, ein zwischen einem und acht Zentimeter großes Geschöpf, dessen Darmtrakt rötlich durch den transparenten Leib schimmert. Noch 1994 gehörte Amperima zu den selteneren Species der Porcupine-Ebene; auf jedem Hektar fanden sich im Schnitt knapp vier Exemplare. Heute sind es mehrere hundert.

Die Forscher standen vor einem Rätsel. Denn weder handelt es sich bei dem rosigen Tiefseegürkchen um eine neu eingewanderte Art, noch haben die Tiere dort unten irgendwelche Freßfeinde, deren Dezimierung die Vermehrung hätte auslösen können. Und wenn ein plötzlich verbessertes Nahrungsangebot dahintersteckt, warum vermehrt sich dann vor allem Amperima?

In einem Artikel für die Fachzeitschrift Progress in Oceanography sind Wigham und seine Kollegen nun einer Lösung des Rätsels auf die Spur gekommen. Sie untersuchten die Nahrungsrückstände in gefangenen Tiefseegurken und stellten fest, daß offenbar nicht alle Arten das gleiche fressen, wie man bisher annahm. Vielmehr konzentrieren sich manche auf bestimmte Fraktionen des herabregnenden Mülls.

"Wir vermuten, daß sich Amperima sehr effizient auf die feinkörnigeren Partikel spezialisiert hat", sagt Wigham. Darunter finden sich auch Reste von Cyanobakterien - photosynthesetreibender Mikroben aus dem lichtdurchfluteten Oberflächenwasser. Diese enthalten besonders viel Carotinoid-Farbstoffe, die sich direkt auf die Fruchtbarkeit der Seegurken auswirken. "Wir glauben, daß diese Stoffe den gleichen Effekt auch auf die Fortpflanzungsorgane anderer Arten hätten, wenn diese ausreichend Zugang dazu bekämen." So aber kommt der Carotinoid-Segen erst mal Amperima zugute. Diese durchkaut dann zahlreicher das Sediment, und für die anderen Seegurken bleibt offenbar erst recht nichts übrig. Ihre Zahl erhöht sich trotz des Schwebeteilchen-Mannas nicht.

Diese Entdeckung ist ein weiterer Schlag gegen die Vorstellung, Tiefseefaunen gediehen weitgehend unbeeinflußt von dem Geschehen an der Oberfläche. Vielmehr können bereits leichte Änderungen in der Chemie des Meeresmülls heftige Verschiebungen in der Tiefsee-Ökologie auslösen. Die weitere Ursachenkette hinter der gegenwärtigen Amperima-Blüte ist allerdings noch unklar. Wahrscheinlich steckt zunächst eine Zunahme der Populationen anderer seltsamer Meeresbewohner dahinter: der Salpen. Das sind bis zu handtellergroße gallertartige Verwandte der Seescheiden. Salpen leben in den oberen Wasserschichten und ernähren sich von Cyanobakterien. Ihr Kot dürfte es daher sein, der gegenwärtig die Amperima-Populationen vier Kilometer tiefer düngt.

Hinter der Salpenblüte wiederum könnten zyklische Schwankungen des Meeresklimas stehen. "In Frage käme die Nordatlantische Oszillation" sagt Wolf Arntz vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven. "Die hat eine Periode von einigen Jahrzehnten und steckt auch hinter Schwankungen anderer Meerestier-Populationen." Dazu würde ein anderer Befund passen: "Vor 1996 gab es nur einen Bericht über eine drastische Zunahme bei Amperima: 1911 auf der Tiefsee-Ebene vor Portugal", sagt Ben Wigham. Leider hat man damals nicht auch über die Salpen Buch geführt.

Könnte der Seegurken-Boom auch etwas mit der globalen Erwärmung zu tun haben? "Es gibt immer mehrere Faktoren, und es ist meist sehr schwierig, die auseinanderzudröseln", sagt Arntz. Eines allerdings tritt immer deutlicher zutage: Klimaänderungen, ob natürlich oder menschengemacht, wirken sich am Ende auch auf den entlegensten Winkel unseres Planeten aus: auf das Reich der Seegurke.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 28.03.2004, Nr. 13 / Seite 68

 
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