Von Eric Pfeil
20. November 2009 Im Sommer 2007 weilte der texanische Musiker Devendra Banhart zu Interviewzwecken in Deutschland. Er trug rote Samtballerinas, stopfte sich unentwegt Kautabak in den Mund, sprach von indischen Comicfiguren und somalischen Königen und verbarg weite Teile seines hübschen Gesichts hinter einem imposanten Bart. Diesen, so Banhart, trage er lediglich, um seine männliche Seite mehr zum Vorschein zu bringen, eigentlich nämlich sei er eine Frau.
Doch die Gender-Debatten, die sich daran entzündeten, interessierten den Musiker ebenso wenig wie stilistische Beschränkungen. Smokey Rolls Down Thunder Canyon, sein damals frisches Album war ein einziges musikalisches Dickicht, durch das man sich nur mit einer gehörigen Portion Angstlosigkeit vor Hippie-Klischees und einer gleichzeitigen Vorliebe für Crosby, Stills&Nash, die freakigen Kunstfilme Alejandro Jodorowskys, Glamrock, Tropicália, indische Mythologie, Reggae, Novelty-Pop, Batikhemden und Spinner-Folk durcharbeiten konnte. Wer offene Ohren hatte, der wurde von Banharts Ideenreichtum mehr als belohnt.
Die dunkle, verrückte Alternative
Sein neues Album What Will We Be, das erste für ein Major-Label, ist längst nicht mehr so wild, stellt aber alle hippiefeindlichen Reflexe immer noch auf die Probe: Can't Help, der Auftaktsong, ist entspannte Veranda-Musik, die sanft bekifft irgendwo zwischen Texas und Südamerika herumklimpert; Angelika ist ein süßes Folk-Liedlein, das nach knapp zwei Minuten Platz macht für eine Caetano-Veloso-artige Improvisation, nur um nach einer weiteren Minute kurz wieder ins Ausgangsthema zurückzufinden. Ansonsten gibt es: Westcoast-Rock, Funk, verhallte Balladen, zartes Gezupfe, stampfenden Glam-Pop und schweren Psychedelic-Blues. Bei Stücken wie Chin Chin&Muck Muck oder 16th&Valencia verliert er sich wieder ganz in diesen Parallelwelten, zu denen nur er Zutritt zu haben scheint.
Gemeinhin wird unter Kritikern gerne deutlich zwischen dem zupfgeigenhanseligen Frühwerk Banharts und seinen üppiger produzierten neueren Platten unterschieden. Aber ganz so weit von seinen frühen Platten, die an eine Kreuzung aus Charles Mansons Lie-Album, Syd Barrett und dem ganz jungen Marc Bolan denken ließen, ist das alles letztlich gar nicht entfernt. Ob akustisch oder prall instrumentiert: Banharts Musik deutet auf eine Vorliebe für eine Ära hin, die Musik noch als organische, intuitive Angelegenheit betrachtete.
Trotzdem ist zu fragen, wo Banhart mit seiner blumigen, bunten, aber auch um Düsterkeit nicht verlegenen Musik auf die Dauer hin will. Für die Kauz-Nische ist er viel zu talentiert, seine hohe Musikalität dürfte sich auch nur schwer in den Grenzen des Independent-Rock einpferchen lassen. Aber für echten Mainstream-Erfolg ist diese Musik entschieden zu wild, rankend und, auch wenn Banhart bei dieser Bezeichnung vor Wut der Bart bebt, zu hippieesk. Vielleicht kann er ja so etwas werden wie die dunkle, verrückte Alternative zu den unter Abiturientinnen so beliebten Beach-Barden Jason Mraz, Jack Johnson, Donavon Frankenreiter oder Milow. Einen Spinner braucht es schließlich immer.
Devendra Banhart, What Will We Be. Warner 522411
Bildmaterial: Cody Peterson, Warner Bros.