CD der Woche: Wilco

In den Krach muss man sich hineinsteigern

Von Edo Reents

Hörprobe: „You Never Know“

26. Juni 2009 Wilco sind eine der wenigen Bands, auf deren neue Platten eine in sich längst gespaltene, den unterschiedlichsten Stilen zusprechende Kritikerschaft insgesamt immer noch recht gespannt ist. Sie haben die Rockmusik erweitert, transzendiert, aufgehoben, negiert. Der Post-Stempel (im Sinne des „Post-Rock“) prangt so unverkennbar an Jeff Tweedys breitem Schädel, dass sich niemand dem Verdacht der Rückständigkeit aussetzt, der sich für seine Musik interessiert. Selbst die altmodischsten Kritiker können die Entwicklung, die der wenig duldsame Personalchef als Songschreiber und Instrumentalist genommen hat, ohne Befremden, eher noch mit Bewunderung verfolgen, weil Tweedy ihnen das Gefühl gibt, sie urteilten durchweg auf der Höhe der Zeit, wenn sie sich über ihn äußern, auch wenn Wilco immer noch als Traditionalisten gelten.

Dies sind sie seit „Yankee Hotel Foxtrot“ nur noch in einem sehr eingeschränkten Sinne, der kaum noch etwas mit der Musik zu tun hat, sondern eher mit der Tatsache, dass hier ihre oder sagen wir lieber: Tweedys dauernde Suchbewegung nach einem Stil, der allenfalls zufällig noch etwas mit dem Begriff „Rock“ zu tun hat, an die Oberfläche kam. Das war ungefähr so, wie man einem Radiosender herumdreht, bis man den richtigen Sound gefunden hat - ein Effekt, den diese Platte auch klanglich nachzubilden suchte. Diese Platte vom Frühjahr 2002 bedeutete eine Abkehr von fast allen bisherigen Spielweisen und markierte einen Bruch, welcher der Band aber einen Schub verpasste, den die drei zuvor erschienenen Alben zusammen nicht erzielten.

Ein fast beängstigend präzises Spiel

Hörprobe: „I''''ll Fight“

Tweedy nutzte dabei die Gelegenheit, den letzten noch verbliebenen Mitspieler, der den alternativen Countrysound mitgeprägt hatte, loszuwerden (den unlängst verstorbenen Jay Bennett, F.A.Z. vom 27. Mai) und schlug auf den folgenden beiden Platten „A Gost Is Born“ und Sky Blue Sky“ einen Kurs ein, der oberflächlich betrachtet eine Wiederannäherung an die alten Klänge sein mochte, Tweedys Ideen in Wirklichkeit aber noch radikalisierte: ein ungemein vielseitiges, dabei fast beängstigend präzises Spiel, in dem gefällige Melodien und Harmonien genauso ihren Platz hatten wie abrupteste Wechsel und die rüde Lärmorgie, in die die meisten Lieder am Ende ohnehin übergingen (F.A.Z. vom 19. Juni 2004 und 12. Mai 2007).

Mit herkömmlichen Songstrukturen hatte das meistens nicht mehr viel zu tun, und doch klang es nach einem streng durchdachten Konzept, in dem es, der oft wie unkontrolliert hervorbrechenden Kakophonie zum Trotz, keine freie Note mehr zu geben schien. Dies trug mit dazu bei, dass Wilco-Musik seit „Yankee Hotel Foxtrot“ an Wärme und Kommunikationskraft eingebüßt hat und eher unter dem Aspekt technischer Könnerschaft imponiert, auf die Tweedy seine sorgfältig ausgewählten neuen Mitstreiter mit aller Gewalt eingeschworen haben muss; anders ist ein solch homogener Ensembleklang kaum zu erklären. Im Rückblick versteht man auch die Anekdote besser, die Karl Bruckmaier aus einem zu Zeiten von „Being There“ und „Summer Teeth“ geführten Interview berichtete, der Tweedy in wohlmeinender Absicht sagte, wie sympathisch es ihm sei, dass Wilco nie Angst hätten, sich lächerlich zu machen, woraufhin Tweedy augenblicklich einschnappte: „You say, we're not cool or what?“

Der Blues wurde vor Urzeiten getilgt

Die siebte Studioplatte ist jedenfalls ein Dokument der Verfeinerung, das insofern wenig Überraschungen bereithält - eine für Wilco-Verhältnisse eher kurze, knapp dreiviertelstündige Platte, die im Titel Bescheidenheit oder Größenwahn signalisiert, je nachdem: „Wilco (the album)“. Das der in affektierten Klammern stehende Zusatz ausdrücklich klein geschrieben ist, deutet weniger auf eine Namens-, vielmehr auf eine gleichsam schon kanonische Gattungsbezeichnung hin, und insofern ist es wohl doch eher Größenwahn: Es ist nicht ein Album, das zufällig „Wilco“ heißt, sondern das Album schlechthin, auch unter den sehr vielen anderen Alben, die nicht von Wilco sind.

Stolpern tut man auch über das Label: eine Torte, auf der „Happy Birthday“ steht, offensichtlich eine Grußadresse an „Let It Bleed“. Mit den Rolling Stones aber, die damals amerikanischer klangen, als es die Queen erlaubte, haben Wilco schon lange nichts mehr zu tun; der Blues wurde vor Urzeiten getilgt (wenn er überhaupt jemals zählte für diese Band) und der Rock, wie gesagt, inzwischen auch. Dass es dennoch ein wichtiges, gelungenes Album geworden ist, liegt an Tweedys Einfallsreichtum , der wieder alle Lieder geschrieben hat, der makellosen, in Neuseeland vorgenommenen Produktion (durch die Band selbst und Jim Scott) sowie abermals an der erstaunlichen Beherrschung aller Instrumente, über die im Booklet buchhalterisch-kauzig mitgeteilt wird: „Wilco playdes rock band and non-rock band instruments and sang.“ Zu den nicht rockkompatiblen gehört wahrscheinlich auch die Jazzgitarre von Nels Cline, die hier wieder Unglaubliches abliefert, beispielsweise die eleganten Läufe auf „One Wing“ oder die sich wie ein Raubtiergebiss ins Ohr schlagenden Akkorde auf „Bull Black Nova“, einem suggestiv-monoton puckernden Lied, das sich, passend zum darin verhandelten Blutrausch, in einen beachtlichen Krach hineinsteigert.

Kontrolle ist wichtiger als Vertrauen

Gleich mehrmals lassen es Tweedy und die Seinen ruhig angehen. „Deeper Down“, „You and I“ (im zärtlichen Duett mit Leslie Feist) und vor allem „Solitaire“ sind Meditationen von auffälliger Selbstversunkenheit, die mit persönlichen Bekenntnissen vorsichtig sind. „I'll Fight“ ist sicherlich der melodiös gefälligste Song während „You Never Know“ zumindest am Anfang, im Zusammenspiel zwischen Klavier und Gitarre, bei Ben Kwellers Meistersong „Run“ geklaut ist, so (dezent) mitreißend klingt er in seiner George-Harrison-wird-produziert-von-Phil-Spector-Haftigkeit - ein Eindruck, der dem Album ansonsten aber abgeht.

Wieder war Tweedy Kontrolle wichtiger als Vertrauen, und wem die Perfektion hier schon zu eisig ist, der mag sich versöhnen lassen mit der unlängst erschienenen „Wilco Live - Ashes Of American Flags“, auf der die Band ihr Repertoire zwar auch absolut fehlerfrei einspielt, die Selbstbeherrschung aber doch, der Bühnensituation entsprechend, hier und da aufgibt. Hervorzuheben wäre dabei wieder Nels Cline, der schätzungsweise drei Mal so schnell spielt wie früher Alvin Lee.

Dass aber die Band auf ihrem neuen Album ganz zutraulich anfängt und in „Wilco (the song)“ versichert „Wilco will love you, baby“, ist wohl eher ein Witz. Womöglich ist die für die Band eigentlich untypische Selbstreferentialität ein Wink an all die Fans, die es noch nicht getan haben, endlich nach der Bedeutung ihres Namens zu fragen, die sich aus „will comply“ ableitet, was sich umgangssprachlich übersetzen ließe mit „geht klar“. Das lässt sich von dieser Platte auch sagen, wenn nicht mehr.

Wilco (the album), Nonesuch 516608 (Warner)



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: Nonesuch (Warner)

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Planen Sie Ihren Urlaub einmal etwas anders. Buchen Sie eine abwechlungsreiche Event-Reise im FAZ.NET-Ticketportal!

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche