16. Mai 2005
Statistisch läuft jeder vierte Arbeitnehmer Gefahr, einmal im Verlauf seines Arbeitslebens gemobbt zu werden. Bevor man jedoch nach juristischen Lösungen ruft oder gar überlegt, den Job hinzuschmeißen, sollte man sich über die zahlreichen Hilfsangebote für Mobbingopfer informieren. Für erfolgsversprechend halten Experten besonders die Anti-Mobbing-Strategien der Schlichtung, Vermittlung und Mediation.
Wie ich lese, geht es hier vielen so wie mir", schreibt eine junge Frau unter dem Namen Tatjana" im Gästebuch der Web-Initiative mobbing-am-arbeitsplatz.de". Ich werde seit Monaten gemobbt und weiß nicht mehr weiter. Bin schon so weit, daß ich mir vornehme, mit meinem Leben abzuschließen. Keiner versteht und unterstützt mich in der Familie. Deren größte Angst ist, daß ich arbeitslos werde."
Interaktive Anti-Mobbing-Netzwerke wie das private Portal Mobbing am Arbeitsplatz" des Pädagogen Ihno Schild sind häufig die erste Anlaufstelle für Opfer von Schikane am Arbeitplatz. Geboten werden Veranstaltungstermine, Gesetzestexte und Links zu Beratungsstellen. Die Hauptelemente sind jedoch Chatrooms und Foren. Ihno Schild, der Gründer der Netzinitiative, weiß um die Vorteile: Im Chatroom herrscht ein vertrauensvoller Umgang. Im Schutz der Anonymität können Betroffene Erfahrungsberichte austauschen und anderen Fragen stellen." Denn nicht selten ziehen sich Mobbingopfer innerlich zurück, aus Scham verschweigen sie selbst Freunden und Partnern die täglichen Qualen am Arbeitsplatz. Viele Opfer treffen aber auch auf Unverständnis oder gut gemeinte, aber wenig hilfreiche Tips wie Du mußt Dich halt wehren".
Ich werde seit Monaten gemobbt und weiß nicht mehr weiter.
Studien des Arbeitspsychologen und Mobbingforschers Dieter Zapf von der Universität Frankfurt (siehe auch Interview) belegen aber auch den umgekehrten Fall: Statt zu verschweigen entwickeln manche Mobbingopfer ein fast zwanghaftes Verhalten und erzählen immer und immer wieder über ihre Erlebnisse - bis es auch die engsten Vertrauten nicht mehr hören wollen.
Ob schweigen oder zuviel reden, die Folgen sind demnach ähnlich: Nicht nur am Arbeitsplatz, sondern auch im Privatleben isolieren sich Betroffene mehr und mehr.
Was also kann man tun, wenn reden allein nicht mehr hilft? Beim Verein gegen psychosozialen Streß und Mobbing (VPSM) in Wiesbaden setzt man voll auf die Verfahren der Schlichtung, Vermittlung und Mediation. Der Leiter der Beratungsstelle, die seit einigen Jahren neben der Hilfe auch eine Ausbildung zum Konflikt- und Mobbingberater anbietet, ist der Sozialpädagoge Lothar Drat. Eine Generalmethode, wie man Abhilfe schaffen kann, verbietet sich wegen der unterschiedlichen Konfliktfälle." Drat ist es wichtig, nicht nur das Mobbingopfer anzuhören, sondern stets beide Seiten zur Beratung einzuladen. In den häufigsten Fällen erteilt mittlerweile der Arbeitgeber den Beratungsauftrag und übernimmt auch die Kosten, die zwischen 40 und 60 Euro pro Stunde liegen. In einigen Fällen bezahlen auch die Krankenkassen. Generell warnt der Sozialpädagoge davor, den Mobbing-Vorwurf zu leichtfertig zu erheben.
Der Weg, den Betroffene bei der Bewältigung gehen, ist selbstbestimmt und wird von Pädagogen, Psychologen, wenn nötig auch Juristen oder Fachmedizinern begleitet. Dem ersten Schritt, der Situationsanalyse, in der der Konflikt auf seine Genese zurückverfolgt wird, folgt die wichtigste Entscheidung seitens der Involvierten: Sie müssen klären, ob ihr Ziel eher der Angriff oder die Flucht aus der verhaßten Situation ist. Drat unterscheidet zwischen verschiedenen Kategorien von Konfliktfällen, die jeweils andere Methoden erfordern:
Die erste Kategorie liege bei 70 Prozent aller Konfliktfälle am Arbeitsplatz vor. Häufig, so seine Erfahrung, steht hier eher ein Unfall am Anfang, an dem beide beteiligt sind. Dennoch suchen die Streitenden die Schuld beim jeweils anderen, hier muß das System am Arbeitsplatz an einem runden Tisch analysiert werden."
Eine erfolgreiche Schlichtung führt dazu, daß die streitenden Parteien sich wieder versöhnen und weiter zusammenarbeiten. Ist das nicht möglich, weil sich die Konflikte zu weit verselbständigt haben, versuchen die Berater beim VPSM in dem langwierigeren Prozeß der Vermittlung wenigsten die Situation zu verbessern. Die Konfliktparteien einigen sich auf Verhaltensregeln - vorausgesetzt, sie wollen weiter zusammenarbeiten. Zur Mediation raten die Experten dann, wenn die Beteiligten mehr über die eigentlichen Konfliktursachen und deren Folgebündel wissen wollen. Jedoch sei die Bereitschaft, sich so intensiv miteinander auseinanderzusetzen, sehr gering, sagt Drat. Die meisten, die zu uns kommen, wünschen sich eine Lösung an einem Nachmittag."
Wenn jemand systematisch rausgeekelt werden soll, nützt kein runder Tisch etwas.
Bei den schlimmsten Fällen von Mobbing, die gleichzeitig auch die seltensten sind, helfen aber auch diese Verfahren wenig. Wenn jemand systematisch und oft sogar mit ausdrücklicher Ansage rausgeekelt werden soll, nützt kein runder Tisch etwas", sagt Drat. Im Gegenteil: Oft könne der Rat Setzen Sie sich zusammen und sprechen Sie mit Ihrem Gegenüber" sogar gefährlich sein, weil der Betroffene weiter geschwächt werden kann.
Im Extremfall kann Mobbing sogar im Selbstmord enden. Auch so ist die Reihe der psychosomatischen Erkrankungen von Gemobbten lang: Je länger und intensiver das Opfer der systematischen Schikane ausgesetzt ist, desto stärker entwickeln sich chronische Krankheiten, beispielsweise des Herz- und Kreislaufsystems und des Magen- und Darmtraktes. In solchen mörderischen" Fällen gilt es, die Parteien so schnell wie möglich zu trennen und dem Betroffenen medizinische sowie juristische Hilfe zu vermitteln.
Eine gute Rechtshilfe bei Mobbing gestaltet sich allerdings schwierig. Die meisten Fälle, so auch das Ergebnis des Deutschen Gewerkschaftsbundes zur rechtlichen Bewertung von Mobbing, sind nicht justiziabel. Der Kernpunkt ist die Beweisbarkeit des Mobbing-Geschehens, dessen Wesen ja gerade in der Subtilität liegt. Um Schadensersatz zu erhalten, müssen nicht nur die Mobbing-Handlungen lückenlos dokumentiert werden, sondern auch die Kausalität zwischen ihnen und der Erkrankung belegt werden. Hinzu kommt, daß die bisherige Rechtssprechung je nach Landesarbeitsgericht (LAG) sehr unklar ist. Die beiden wichtigsten aktuellen Urteile des LAG Thüringen und des LAG Rheinland-Pfalz widersprechen sich diametral. Aufgrund des hohen Risikos raten Experten deshalb, die Rechtsmittel wie die strafrechtliche Ahndung von Mobbing oder auch das Geltendmachen von zivilrechtlichen Ansprüchen gegen Mobber nur dann auszuschöpfen, wenn die Chancen auf jede weitere Zusammenarbeit ohnehin verwirkt sind.
Weitere Informationen unter:
http://www.vpsm.de
Der Verein gegen psychosozialen Streß und Mobbing (VPSM-Wiesbaden) bietet Mobbing-Beratung, Schlichtung, Vermittlung, Mediation sowie Fortbildung, Training, Schulung und Weiterbildung.
Tel.: 06 11/54 17 37
Fax: 06 11/957 03 81
Mobil: 01 72/613 38 57
Links von weiteren Selbsthilfegruppen:
http://www.mobbing-zentrale.de http://www.mobbing-help.de http://www.mobbing-abwehr.de
http://www.dgb.de
Der Deutsche Gewerkschaftsbund bietet auf seiner Seite sehr hilfreiche Anmerkungen zum neuen Arbeitsschutzgesetz. Zudem: Unter http://www.dgb.de/idaten/mobbing.doc kann man aus Informationen zur Angestelltenpolitik 03/1997 den Artikel Mobbing und Konflikte am Arbeitsplatz" (Word-Dokument, 106 KB) runterladen.