19. Dezember 2009

Interview

„Nur ein soziales Netzwerk schützt effektiv"

Von Tina Hüttl



Prof. Dieter Zapf
16. Mai 2005 
Dieter Zapf ist Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt. Einer seiner Arbeitsschwerpunkte ist die Mobbingforschung, die seit Mitte der 80er Jahre existiert. Dieter Zapf ist Autor zahlreicher Studien zu den Ursachen von Mobbing und hat die geschlechtsspezifischen Aspekte, das Vorkommen von Mobbing in unterschiedlichen Branchen sowie die betrieblichen und gesundheitlichen Folgen erforscht. Mit ihm sprach Tina Hüttl.

? Früher sprach kein Mensch von Mobbing, heute ist der Begriff in aller Munde. Ging man früher netter miteinander um?
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Zunächst muß man klar feststellen, daß Mobbing als Modebegriff eine außerordentliche Karriere gemacht hat. Ich kannte den inzwischen verstorbenen Begründer des Mobbingkonzeptes, Heinz Leymann, noch persönlich. Anfang der 90er wußte kaum einer etwas mit dem Begriff anzufangen, heute steht er im Duden. Daran kann man ablesen, wie sich der Begriff verbreitet hat. Die Leute benutzen ihn so gerne, weil mit dem Begriff ein großer Denkfehler einhergeht: Nämlich eine Dichotomie zwischen Schuld und Unschuld. So klar sind die Ursachen allerdings in den seltensten Fällen. Die Forschung zeigt eher, daß bei einer ganzen Reihe von Mobbingfällen die Ursache in erster Linie auch beim Opfer gesucht werden muß.

? Mit anderen Worten: Ich bin also selbst schuld, wenn ich gemobbt werde?
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Nein, die Ursachen von Mobbing können in der Organisation, in spezifischen Einzeltätern, im sozialen System und manchmal eben auch beim Opfer liegen. Bei den Opfern muß man zwei Grundmodelle unterscheiden: Es gibt Opfer, die in die Einflußsphäre eines „Predators" kommen, wie mein Kollege Stle Einarsen es beschreibt, also eines Jägers, der mit allen Mitteln seine Machtsphäre aufrechterhalten will. Hier ist das Opfer beliebig austauschbar und unschuldig. Bei einem anderen Modell dagegen, das an das Konflikteskalationsmodell von Friedrich Glasl angelehnt ist, stehen am Anfang eher sachliche Auseinandersetzungen zwischen zwei Personen, die nicht lösbar sind und sich zu einem persönlichen Konflikt ausweiten. Wenn hier dann noch bestimmte Persönlichkeitsmerkmale hinzukommen, kann es leicht zu Mobbingprozessen eskalieren.

? Welche Personen sind denn besonders anfällig für Mobbing - sowohl als Täter als auch als Opfer?
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Mobbing hat viel mit Selbstwertbedrohung zu tun. Innerlich stabile Personen sind in der Lage, Kritik zu verarbeiten und ihren Selbstwert wieder herzustellen. Personen mit einem wankelmütigen Selbstwertgefühl werden durch Kritik jedoch sehr stark verunsichert, sie neigen dazu, sich mit aggressiven Handlungen zu verteidigen. Psychologische Untersuchungen zeigen, daß Täterpersönlichkeiten gerade Menschen mit einem hohen, aber gleichzeitig sehr instabilen Selbstwertgefühl sind. Unter den Opfern dagegen finden sich ganz unterschiedliche Typen, erwartungsgemäß Menschen mit niedrigem Selbstwertgefühl und mangelnden sozialen Kompetenzen. Aber es trifft oft auch besonders leistungsstarke und gewissenhafte, aber rigide Persönlichkeiten.

? Studien belegen, daß zwei Drittel aller Mobbingopfer Frauen sind. Wie ist das zu erklären, ist gar die Sozialisation von Frauen schuld?
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Das ist sicherlich eine Ursache, ein wichtiger Punkt ist aber auch, daß Frauen schlicht häufiger darüber reden. Frauen signalisieren eher Hilfsbereitschaft nach außen, so daß hier mehr Fälle dokumentiert sind. Gezeigt hat sich auch, daß Mobbing häufig in typischen Frauenbranchen stattfindet, beispielsweise in der öffentlichen Verwaltung, im Sozial- und Gesundheitswesen. Auf dem Bau oder in der klassischen Produktion kommt es dagegen selten vor. Die Überrepräsentation von Frauen hat also auch etwas mit den Nischen zu tun, in denen sie arbeiten.

? Wenn Mobbing gerade in Frauenbranchen so verbreitet ist, heißt das in der Konsequenz ja auch, daß Frauen nicht nur häufiger Opfer sind, sondern auch öfter selbst mobben.
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Ich bin in letzter Zeit etwas unsicher geworden, ob es wirklich keine geschlechtsspezifischen Phänomene gibt. Bemerkenswert ist immerhin, daß Frauen stärker auf der Beziehungsebene agieren. Sie sprechen am Arbeitsplatz eher mal über persönliche Probleme. Männer dagegen können jahrzehntelang zusammenarbeiten, ohne überhaupt zu wissen, ob der andere verheiratet ist. Dazu gehört eben auch, daß Männer eher Ärger unterdrücken, während Frauen Konflikte offener austragen. Je höher die Anzahl von Konflikten ist, so meine Hypothese, um so größer ist auch die Wahrscheinlichkeit, daß einer dieser Konflikte unkontrolliert zu Mobbing eskaliert. Dagegen spricht aber: Mobbing hängt auch mit der beruflichen Position zusammen und geht meist von Vorgesetzten nach unten. Gerade in den Führungspositionen, auch in typischen Frauenbranchen, sind ja aber mehr Männer.

? Mobbing beschreibt ja den Endpunkt einer langen Eskalationskette. Oft geht es über Jahre hinweg und alle Beteiligten wurden an einem Punkt massiv gekränkt und verletzt. Ist die Bewältigung oder gar die Versöhnung denn realistisch?
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Die Konflikteskalationsforschung ist sich einig, daß ab einer bestimmten Schärfe die soziale Beziehung nicht mehr reparabel ist. Als einziger Ausweg bleibt dann eigentlich nur, die Konfliktpartner zu trennen, sei es durch Versetzung oder Kündigung einer Partei. Nur in etwa 20 von 300 von uns dokumentieren Fällen geben Mobbingopfer an, sich wieder so wie vor dem Mobbinggeschehen zu fühlen. Bei diesen wenigen erfolgreichen Fällen hat meist eine dritte, neutrale Anlaufstelle eingegriffen und vermittelt. Ein häufiger Fehler ist, daß man die Tragweite der Mobbing-Netzwerke unterschätzt. Sich bei Mobbing an den Vorgesetzen zu wenden, kann problematisch sein, denn in 70 Prozent aller Fälle sind die Vorgesetzen mitbeteiligt.

? Wie können sich - auch und gerade Berufsanfänger - präventiv vor Mobbing schützen?
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Jeder muß sich klar machen, daß eine Organisation immer auch aus einem sozialen System besteht, in das man sich integrieren muß. Zu Anfang gleich forsch mit eigenen Positionen vorzupreschen, kommt meist schlecht an. Viel wichtiger ist, erst mal zuzuhören und nachzufragen. Von seiten der Unternehmen ist es wichtig, daß sie Programme zur Einarbeitung neuer Mitarbeiter haben. Gut sind Mentoren- und Coaching-Programme, damit neue Mitarbeiter Ansprechpartner haben. Solange jemand über ein soziales Netzwerk verfügt, ist es schwer, diese Person zu mobben. Mobbing funktioniert nur, wenn eine Person isoliert ist.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 78, 2005
Bildmaterial: Universität Frankfurt