21. Dezember 2009

Jung und unerfahren

Berufseinsteiger sind besonders gefährdet

Von Polly Schmincke




16. Mai 2005 
Wenn gefrustete Kollegen nach einem geeigneten Mobbing-Opfer suchen, an dem sie sich abreagieren können, sind unsichere Anfänger ein leichtes Ziel. Sie kennen noch keine Kollegen, die sie unterstützen könnten, wissen nichts von den Hintergründen und haben noch nicht das nötige Selbstbewußtsein, um sich angemessen gegen Angriffe zu wehren. Mit vorbeugenden Maßnahmen können Berufseinsteiger das Risiko reduzieren.

Die berufliche Zukunft sah für Andreas Reichert* rosig aus. Der 28jährige hatte sein Informatikstudium mit Auszeichnung beendet und schnell einen Job gefunden. Seine erste Aufgabe: Er sollte eine ganze Abteilung technologisch modernisieren. Die drei älteren Abteilungsleiter jedoch, die sich offenbar durch den jungen Kollegen bedroht fühlten, bremsten ihn mit allen Mitteln aus. Sie sabotierten ihn, implantierten Viren in seinen Computer und manipulierten so lange, bis Reichert mit den Nerven am Ende war. Da er von der Verschwörung gegen ihn nichts ahnte, dachte er, er selbst mache nur noch Fehler, könne die leichtesten Aufgaben nicht mehr meistern. Er traute sich bald nichts mehr zu und fühlte sich ständig überfordert. Am Ende reichte er die Kündigung ein und landete beim Therapeuten.

„Manche Hochschulabsolventen glauben, alles besser zu können als die älteren Kollegen.“

„Berufseinsteiger bilden eine besondere Mobbing-Risikogruppe", weiß die Psychologin Ulla Dick. „Manche Hochschulabsolventen glauben, alles besser zu können als die älteren Kollegen. Sie kennen sich nicht mit den Gepflogenheiten am Arbeitsplatz aus, und es fehlt ihnen noch an sozialer Kompetenz, die Dinge zu durchschauen", sagt Dick, die als Lehrbeauftragte an verschiedenen Universitäten und als Trainerin, Beraterin und Mediatorin in Ministerien und Unternehmen arbeitet. In ihrem Buch „Keine Angst vor Mobbingfallen" hat sie den Berufsanfängern ein ganzes Kapitel gewidmet.

Aber nicht nur arrogantes oder besserwisserisches Auftreten eines „Neuen" provoziert entsprechende Reaktionen bei den altgedienten Mitarbeitern eines Unternehmens oder einer Institution. Allein das Jungsein eines neuen Kollegen, der für den Arbeitgeber billiger ist, kann bei den älteren schon Konkurrenzängste auslösen. Der erfahrene und teurere Angestellte bangt um seinen Arbeitsplatz, manchmal auch der Vorgesetzte. „Wo Jung und Alt zusammentreffen, gibt es immer ein Konfliktpotential", so Dick. Manchmal kann auch schlicht der unterschiedliche Wissensstand zu Streit oder Mißverständnissen führen. Stärkeres Konkurrenzverhalten und -denken in Arbeitsmarktkrisen erhöhen das Mobbing-Risiko zusätzlich. Um nicht versehentlich andere zu verärgern - beispielsweise indem man in ihre Kompetenzbereiche greift - sei es wichtig, sich bei Arbeitsbeginn genau zu erkundigen, welche Kollegen für was zuständig und verantwortlich sind, raten Mobbing-Experten. Eine fehlende oder unzulängliche Einarbeitung erhöhe das Risiko für Konflikte. Vom Vorgesetzten sollte ein neuer Mitarbeiter verlangen, ihm genau zu sagen, was von ihm erwartet wird, bis wohin seine Kompetenzen reichen und wo er anderen in die Quere kommen könnte.

„Wenn Mobbing zwischen Kollegen entsteht (44 Prozent der Fälle), ist der Vorgesetzte gefragt", heißt es beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). „Er hat nicht nur die Weisungsbefugnis, sondern auch eine Fürsorgepflicht für alle seine Mitarbeiter. Ein guter Vorgesetzter wird schnell merken, wenn einzelne Kollegen gemobbt werden, und er wird rechtzeitig eingreifen. Je früher er eingreift, um so besser sind seine Chancen, den Mobbing-Prozeß schon im Ansatz zu stoppen."

Je nach Niveau einer Tätigkeit unterscheiden sich auch die Mobbing-Methoden. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin hat in ihrem „Mobbing-Report" die Mobbing-Handlungen bei Arbeitern, Angestellten und Beamten verglichen: Während Arbeiter und Angestellte vor allem Gerüchte und Lügen über ihr Opfer verbreiten, verweigern verbeamtete Mobber ihren Opfern wichtige Informationen, die sie zur Arbeit brauchen. So wird jemand zum Beispiel in einer Besprechung bloßgestellt, weil jemand seinen Namen aus einer Verteilerliste gestrichen hat und ihm so wichtige Daten vorenthalten wurden. Gerade für einen Anfänger ist eine solche Situation fatal, weil sie dazu führen kann, daß man ihn für schlecht vorbereitet hält und ihm weniger zutraut. Schlimmstenfalls kann er durch die Probezeit fallen.

Im wesentlichen gebe es vier Gründe, die für die Entstehung von Mobbing verantwortlich sind, heißt es in einer DGB-Schrift zum Thema. Dabei trete selten einer der Gründe allein auf, sondern es handele sich häufig um eine Mischung aus verschiedenen Gründen. Mängel in der Organisation der Arbeit sind demnach die erste Ursache für Mobbing: Unbesetzte Stellen, hoher Zeitdruck, starre Hierarchie mit unsinnigen Anweisungen, hohe Verantwortung bei geringem Handlungsspielraum, geringe Bewertung der Tätigkeit.

„Der Berufseinsteiger hat noch kein Lobby im Unternehmen.“

Die zweite Ursache liege im Führungsverhalten der Vorgesetzten. In einigen Fällen geht Mobbing direkt vom Vorgesetzten aus, in anderen ignorieren sie Spannungen unter den Mitarbeitern oder fördern Mobbing unbewußt durch ungenaue oder widersprüchliche Anweisungen. Eine besondere soziale Stellung, die dritte Ursache, hat der Berufseinsteiger schon durch sein junges Alter und durch die Tatsache, daß er neu im Unternehmen ist - auch wenn er möglicherweise besser ausgebildet ist als die älteren Kollegen. Oft trifft Mobbing sozial Schwächere, alleinerziehende Mütter beispielsweise. Als vierte Ursache gilt das moralische Niveau des Einzelnen. Eher selten ist echte Boshaftigkeit der Grund für Mobbing, aber selbst wenn dies der Fall ist: Ermöglicht wird es dadurch, daß andere es dulden. „Mobbing kann durch ein mutiges Auftreten von Kollegen und Vorgesetzten, die klar ihre Meinung sagen, verhindert werden", schreibt der Autor der DGB-Studie. Auch hier habe es der Berufseinsteiger schwerer, weil er noch keine Lobby hat. „Berufsanfänger sind zwar besonders gefährdet", sagt auch Mobbing-Experte Dieter Zapf, „doch eskaliert der Konflikt bei ihnen nicht so stark, weil sie eher abspringen." Allerdings werden in der heutigen Arbeitsmarktsituation selbst die mobilen und flexiblen jungen Arbeitnehmer nicht mehr so schnell kündigen. „Früher habe ich Opfern schon mal geraten, lieber zu gehen, als jahrelang unter Schikanen von Kollegen oder Vorgesetzten zu leiden", sagt Mobbing-Beraterin und Psychologin Rita Metzner aus Berlin. Aber inzwischen könne man das ja kaum noch jemanden empfehlen. „Heute krallt sich jeder an seinen Job."



*(Name von der Redaktion geändert)

Text: Hochschulanzeiger Nr. 78, 2005
Bildmaterial: C. Fellehner, Labor