20. Dezember 2009

Von Mobbing bis Bossing

Wenn der Job zur Hölle wird

Von Christiane Habermalz




16. Mai 2005 
Für immer mehr Menschen in Deutschland ist der tägliche Weg zur Arbeit eine Qual, weil sie dort systematisch schikaniert, geschnitten oder angeschwärzt werden. Sich wehren ist schwierig - denn Mobbing-Methoden sind subtil, der Nachweis schwierig, und in vielen Fällen ist der Vorgesetzte selbst am Mobbing beteiligt.

Nicht jeder Konflikt im Büro ist gleich Mobbing. Doch manchmal wird aus dem Streit um die Sache eine persönliche Auseinandersetzung, in deren Verlauf eine einzelne Person zur Zielscheibe wird - mit fatalen Folgen für den Betroffenen. Das Opfer wird nicht mehr gegrüßt, in der Kantine geschnitten, Gerüchte werden verbreitet, Informationen zurückgehalten, die Arbeit ständig kritisiert. In mehr oder weniger großen Abständen werden Sticheleien verabreicht, die eine noch so stabile Persönlichkeit zerstören können. Beschwert sich der Gemobbte beim Arbeitgeber, gilt er schnell als Querulant oder Problemfall. Am Ende steht meist der Verlust des Arbeitsplatzes - und schwere gesundheitliche und psychische Störungen beim Opfer, die nicht selten zu dauerhafter Arbeitsunfähigkeit führen, manchmal sogar zu Selbstmord.

Die Quälerei am Arbeitsplatz ist kein Randphänomen der Gesellschaft: Der Deutsche Gewerkschaftsbund geht von 1,5 Millionen Betroffenen in Deutschland aus. Gemobbt wird von Kollegen, von Untergebenen, von einer Gruppe oder von Einzelnen. Ist der Vorgesetzte selbst der Drangsalierer, spricht man von Bossing. Nach einer Studie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA), dem „Mobbing-Report", gehen über 50 Prozent der Fälle entweder allein von Vorgesetzten aus oder werden von ihnen mitgetragen. Hier ist es für Betroffene besonders schwierig, sich zur Wehr zu setzen. „Häufig werden dem Opfer zu Unrecht schlechte Leistung attestiert, er gerät in die Defensive und muß im Personalgespräch oder vor Gericht das Gegenteil be-weisen", beschreibt der Münchener Rechtsanwalt Thomas Etzel, der seit Jahren Mobbing-Opfer vor Gericht vertritt, die oft ausweglose Lage der Betroffenen. Und die Reaktionen des Opfers auf die Quälerei scheinen die Sichtweise des Aggressors im nachhinein zu bestätigen: Der ständig Kritisierte wird immer verunsicherter, macht häufiger Fehler, traut sich nichts mehr zu, wird zum psychischen Wrack.

Mobbing als perfide Form des Personalabbaus

Doch auch Führungskräfte sind nicht gegen den Psychoterror am Arbeitsplatz gefeit. Sie stehen unter besonderem Druck, und je höher man die Karriereleiter emporklettert, desto größer wird die Notwendigkeit, sich gegen den Konkurrenten zu behaupten. „Oft trifft es über 50jährige in Leitungspositionen, die eine hohe Gehaltsstufe erreicht haben und nach einem Wechsel in der Geschäftsführung durch Jüngere ausgetauscht werden sollen", beschreibt Margit Ricarda Rolf, Leiterin der Hamburger „Mobbing-Zentrale". Der Abteilungsleiter eines Ministeriums berichtet von jahrelanger Schikane durch Unterbeschäftigung: Weil er das „falsche" Parteibuch besaß, wurde er bei Entscheidungen systematisch umgangen und jahrelang mit unwichtigen Aktenvorgängen abgespeist. Auch er wurde krank, ließ sich vorzeitig pensionieren. Vor Gericht stoßen die Opfer oft auf erhebliche Probleme. Denn den Nachweis zu erbringen, daß man tatsächlich systematisch gequält wurde, ist sehr schwierig. Viele Richter nehmen das Phänomen nicht ernst genug. So bescheinigte das Landesarbeitsgericht Thüringen in seiner dritten Entscheidung im vergangenen Jahr einem Mobbing-Geschädigten zwar, daß er „subjektiv Unrecht erlitten" habe. Jedoch gehöre der Vorfall zum „kommunikativen Lebensrisiko des Arbeitslebens", für das die Gerichte leider nicht zuständig seien. Und warum wird gemobbt? Die Ursachen sind vielfältig, bestimmte Täter- und Opfermerkmale spielen ebenso eine Rolle wie die hierarchische Struktur in den Betrieben oder mangelnde Führungsqualitäten bei Vorgesetzten. Studien zufolge wird jedoch dort viel gequält, wo der Druck besonders groß ist: In Abteilungen etwa, in denen „umstrukturiert" wird, oder in Zeiten, in denen Kündigungen drohen. Besonders gefährdet sind Berufseinsteiger und ältere Arbeitnehmer. Und: Je sicherer der Arbeitsplatz, desto größer das Risiko, von Mobbing betroffen zu werden - etwa im öffentlichen Dienst oder in sozialen Organisationen. Denn oft wird systematisch gepiesackt, um einen Mitarbeiter loszuwerden, dem man nicht kündigen kann. Manche Vorgesetzte, erläutert Mobbing-Forscher Dieter Zapf, hätten gar von oben gedeckt den Auftrag, Personal aus der Abteilung herauszuekeln. „Dabei werden Formen negativen Handelns, die für sich genommen noch kein Mobbing sind, systematisch angewandt, ohne den Vorgang zu sehr eskalieren zu lassen", beschreibt Zapf diese perfide Form des Personalabbaus. Mit Erfolg: Schikanehandlungen, über einen längeren Zeitraum und wohldosiert verabreicht, machen am Ende fast jeden mürbe.

Für die Betroffenen bedeutet Mobbing oft das Ende der Karriere. Entweder kündigen die Opfer selbst, weil sie es nicht mehr aushalten, oder sie werden vom Arbeitgeber unter einem Vorwand gekündigt. Andere willigen in einen Aufhebungsvertrag ein. Viele landen in psychiatrischer Behandlung. Laut „Mobbing-Report" des BAuA gaben 43 Prozent der betroffenen Personen an, infolge des Mobbings krank geworden zu sein, 20 Prozent von ihnen dauerhaft. 11 Prozent waren nach dem Vorfall langfristig arbeitslos. Und nicht selten bleibt der Ruf so nachhaltig beschädigt, daß es schwierig ist, einen neuen Job zu finden. „Viele müssen ganz umsatteln", beschreibt Rolf von der Mobbing-Zentrale, „weil Personalchefs untereinander telefonieren oder sich herumgesprochen hat, daß jemand ein „Problemfall" ist."



Links:

http://www.mobbing-am-arbeitsplatz.de http://www.dgb.de http://www.juracity.de Link: Mobbing.



Buchtips: Heinz Leymann: „Mobbing. Psychoterror am Arbeitsplatz und wie man sich dagegen wehrt" Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2002, 188 Seiten, 5 Euro



Oswald Neuberger: „Mobbing. Übel mitspielen in Organisationen" Hampp Verlag, 1999, 3. Auflage, 248 Seiten, 19,74 Euro



Ihno Schild, Andreas Heeren: „Mobbing, Konflikteskalation am Arbeitsplatz" Hampp Verlag, 2003, 200 Seiten, 29,80 Euro

Text: Hochschulanzeiger Nr. 78, 2005
Bildmaterial: C. Fellehner, Labor