Automobile

"Der Besitz eines Automobils ist ein Grundrecht in Australien"

08. Januar 2004 Jeder in der australischen Automobilbranche kennt die Geschichte der Sirene für Daimler-Chrysler. Sie geht so: Als der Automobilkonzern Sirenen brauchte, sein Zulieferer diese aber nicht in der gewünschten Güte lieferte, bat Daimler die Robert Bosch GmbH einzuspringen. Dort war guter Rat teuer, denn der Liefertermin für die Hörner drängte. Ausgerechnet bei ihrem am weitesten entfernt liegenden Ableger wurden die Stuttgarter fündig: Bosch Australia in Melbourne lieferte nach nur vier Tagen einen Prototyp, Bosch erhielt den Auftrag.

"Das ist eine unserer Stärken - unsere Mitarbeiter sind extrem flexibel und einfallsreich", sagt Krister Mellve, Präsident von Robert Bosch in Australien. In die gleiche Kerbe schlägt auch Alan Goodwin. Er ist General Manager des jüngsten deutschen Neuankömmlings der Automobilbranche auf dem fünften Kontinent: der Mahle-ACL Piston Products, eines Tochterunternehmens des Stuttgarter Zulieferers Mahle GmbH.

Australien leistet sich den Luxus vier eigener Hersteller

Auf den ersten Blick wundert die Präsenz der Deutschen in einem Markt wie Australien. Fern der Heimat und mit niedrigen Absätzen, gemessen an anderen Regionen der Erde. Nicht einmal auf eine Million Fahrzeuge im Jahr kommen die Australier. Und doch sind sie autovernarrt: "Der Besitz eines Automobils ist hier eine Art Grundrecht", sagt Franz Sauter, Managing Director der BMW-Gruppe in Australien. Abgefedert durch ein Jahrzehnt des Wachstums, getrieben durch niedrige Zinsen und gute Aussichten, sind die Automobilabsätze in Australien 2003 um 10,4 Prozent auf den Rekordstand von knapp 910 000 Einheiten gestiegen. Damit war Australien - abgesehen von China - einer der am schnellsten wachsenden Märkte der Erde, wenn auch auf niedrigem Niveau.

Dabei leistet er sich den Luxus, gleich vier eigene Hersteller zu haben: Toyota und das General-Motors-Tochterunternehmen Holden liefern sich mit einem Marktanteil von 20,5 und 19,3 Prozent ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Dahinter rangieren Ford (13,9) und Mitsubishi (8). Das verbliebene Quartett ist gezwungen, Effizienz zu beweisen: Die Senkung der Importzölle von 40 Prozent Anfang der neunziger Jahre auf 15 Prozent im Jahr 2003 und der starke Dollar machen ausländische Fabrikate günstiger.

Victoria - dort schlägt das Herz der Automobilindustrie

Das Herz der Automobilindustrie "down under" schlägt in Victoria. Das Bundesland im Süden mit seiner Metropole Melbourne ist das industrielle Zentrum des Kontinents. Fast 60 Prozent der rund 17 Milliarden Dollar (10,3 Milliarden Euro) schweren Automobilproduktion werden hier erwirtschaftet, 70 Prozent der Wertschöpfung der Zulieferer. 340 000 Automobile verlassen die Fabriken in Victoria jährlich - wenig im Vergleich zu einem Werk von Volkswagen, viel für Australien. Ford, Toyota und Holden haben hier Fabriken, Zulieferer wie Bosch und Siemens VDO, Delphi, Hella oder Denso gruppieren sich in der Umgebung.

Besonderen Wert legt Melbourne darauf, Forschung und Entwicklung anzusiedeln: Ford fertigt hier den in Australien entwickelten Falcon und exportiert ihn. Holden exportiert von hier jährlich 200 000 Vier- und Sechs-Zylinder-Motoren in die ganze Welt, Toyota siedelte einen gewichtigen Teil seiner Design- und Entwicklungsgesellschaft für Asien hier an. Der Wert der Automobilexporte aus Victoria liegt bei knapp 3 Milliarden Dollar jährlich, auch wenn sie vor allem in zweitrangige Märkte wie etwa Saudi-Arabien (32 Prozent Anteil) gehen.

Melbourne - die Mischung macht's

Warum aber gerade Melbourne? Die Mischung scheint es zu machen. Eine internationale Vergleichsstudie von IBM Business Consulting siedelt Melbourne beim Verhältnis Kosten zu Qualität weit vor den Traditionsstandorten Detroit, Stuttgart und Tokio an. Für das Automobildesign liegt Melbourne sogar an der Spitze. Die Vorteile liegen in der Industriedichte, dem guten Zugang und günstigen Boden, dem hohen Standard der Arbeitnehmer, ihrer Flexibilität, ihres Sprachvermögens und ihrer Verfügbarkeit sowie im allgemeinen Geschäftsumfeld. Die knapp 200 Mitarbeiter von Mahle in Melbourne stammen aus 25 verschiedenen Ländern. "Spätestens beim gemeinsamen Grillen finden sie zusammen", sagt Goodwin.

Sommertests zur Winterzeit

Das Lebensgefühl in Australien sorgt für ausgefallenes Design von Weltrang - was dank der steigenden Modellvielfalt der Branche immer interessanter wird. Gegensätzliche Jahreszeiten zu Europa und Amerika lassen hier Sommertests zu, wenn es in Stuttgart schneit. Nicht nur Bosch - das verstärkt mit dem malaysischen Hersteller Proton zusammenarbeiten will - setzt auf die relative Nähe zu Asien. Und schließlich bemüht sich Victoria mit Macht und Steuererleichterungen, Industrie an sich zu binden. "New South Wales - in dem die Metropole Sydney liegt - hat sich auf seine Lorbeeren verlassen. Victoria ringt um die Industrie, hat als einziges Bundesland auch ein Verbindungsbüro in Deutschland", sagt einer aus Victoria, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte.

Agenda 2010 - von der Ungleichheit des Gleichen

Dabei zeigt sich das Bundesland mit dem Erreichten nicht zufrieden - auch in Victoria gibt es eine Agenda 2010. Allerdings liest sie sich anders als ihr deutscher Namensvetter: Denn das australische Bundesland hat sich vorgenommen, seine Exportumsätze in den kommenden sechs Jahren um 50 Prozent auf knapp 30 Milliarden Dollar zu steigern, die Zahl seiner exportierenden Unternehmen auf 25 000 zu verdoppeln und in der Rangliste der OECD von Platz elf auf Platz sieben bei der Produktivität pro Kopf vorzurücken. Der Automobilindustrie kommt dabei eine Schlüsselfunktion zu.



Text: che., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.01.2004, Nr. 6 / Seite 14
Bildmaterial: AP

 
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