Von Rainer Blasius
28. März 2008 Die Olympischen Spiele waren den Nationalsozialisten in den Schoß gefallen - und nicht nur auf Zustimmung gestoßen: Manche NSDAP-Mitglieder lehnten es ab, gemeinsam mit Negern und Juden Wettkämpfe zu veranstalten. Doch Hitler erkannte die große Chance, das Image des Dritten Reiches nach innen und außen aufzupolieren. Das IOC hatte die Spiele 1936 schon im Mai 1931 an Berlin vergeben, was es im Oktober 1933 - als die Nationalsozialisten schon an der Macht waren - bestätigte.
Hitler stockte den Etat für die Spiele von 5,5 auf 100 Millionen Reichsmark auf, damit etwas Großartiges und Schönes entstehe. In die Planungen für das Reichssportfeld griff er mehrmals persönlich ein. Ende 1933 stand das Konzept mit Vorplatz, Stadion, Aufmarschgebiet (Maifeld) und Führerturm (später Glockenturm genannt) sowie Dietrich-Eckart-Bühne (heute: Waldbühne). Das Maifeld sollte an die Foren antiker Städte anknüpfen: eine gewaltige Fläche für Großkundgebungen, eingefasst von einem Stufenwall, in dessen Mitte ein 76 Meter hoher Turm aufragt. Im Turmunterbau war eine Langemarckhalle vorgesehen, galt doch der Ort Langemarck in Flandern als Symbol für den Opfergeist von deutschen Kriegsfreiwilligen im November 1914. Die Langemarckhalle mit ihren den Heldentod verherrlichenden Inschriften sollte die deutsche Jugend abermals auf Opfertod und Krieg vorbereiten.
Hitler gelang ein Überraschungscoup
Nach der Verkündung der Nürnberger Gesetze hatte es 1935 eine Initiative des amerikanischen Olympischen Komitees gegeben, die Spiele in der Hauptstadt des Dritten Reiches wegen zahlreicher Verstöße gegen das olympische Prinzip der religiösen und politischen Gleichheit abzusagen. Als aber die schon emigrierte halbjüdische Fechterin Helene Mayer für die Spiele zurückkehren und für Deutschland antreten durfte, meinte General Charles Sherrill als einflussreichstes Mitglied des amerikanischen Komitees, nun habe er an der Vorgehensweise der Deutschen nichts mehr auszusetzen.
Während der Olympischen Spiele - vom 6. bis 16. Februar 1936 die Winterspiele in Garmisch-Partenkirchen und vom 1. bis 16. August die Sommerspiele in Berlin - verschwanden in Deutschland die Schilder Für Juden verboten, der Verkauf des antisemitischen Hetzblatts Der Stürmer wurde vorübergehend eingestellt. Viktor Kemperer notierte in seinen Tagebüchern: Im Augenblick, da hier das Olympiaspiel stattfindet, wird alles totgeschwiegen. Hinterher wird man sich an die Geiseln, an die deutschen Juden halten. Zwischen den Winter- und den Sommerspielen gelang Hitler am 7. März 1936 mit der Besetzung der entmilitarisierten Zone des Rheinlandes ein Überraschungscoup. Dieses Verhalten verurteilte der Völkerbund am 29. März, zog aber daraus keine Konsequenzen.
Man hatte das Bild eines versöhnten Europas
Am Tag der Eröffnung der Spiele, die von der Sowjetunion und von Spanien boykottiert wurden, legte Hitler in Begleitung des Reichskriegsministers einen Kranz in der Langemarckhalle nieder - was als Affront gegen Großbritannien, Frankreich und Belgien aufgefasst werden konnte. Die Spiele des Friedens blendeten eine staunende und faszinierte Weltöffentlichkeit. Hitler war Schirmherr, ließ sich feiern, so dass immer wieder olympische von nationalsozialistischen, sportliche von militärisch-chauvinistischen Ritualen überlagert wurden. Die deutschen Sportler mit ihren 33 Gold-, 36 Silber- und 30 Bronzemedaillen stellte die Propaganda als Kämpfer für die Idee unseres Führers heraus. Deutschland stand - so jubelte Reichspropagandaminister Goebbels in seinem Tagebuch - weitaus an der Spitze. Die erste Sportnation. Das ist herrlich.
Selbst auf einen kritischen Beobachter wie den französischen Botschafter André François-Poncet machten die Spiele Eindruck: Man hatte das Bild eines versöhnten Europas, das seine Streitigkeiten in Wettlauf, Hochsprung, Wurf und Speerwerfen austrug. Immerhin feierten die Berliner den farbigen Sprinter und vierfachen Gold-Gewinner Jesse Owens begeistert. Dass Hitler sich geweigert habe, dem amerikanischen Sportler die Hand zu schütteln, ist allerdings eine Legende.
Ein Fest der Propaganda
Hitler wollte von vornherein keinem der siegreichen Sportler öffentlich gratulieren, zumal das dem olympischen Protokoll nicht entsprochen hätte. Nach einer weiteren Legende sollen die französischen Athleten mit dem deutschen Gruß an Hitler vorbeimarschiert sein. Dazu schrieb François-Poncet in seinem Memoiren: An der Spitze der Franzosen marschierte ein Riese, der eine große blau-weiß-rote Fahne schwang... Als sie sich der Tribüne näherten, grüßten sie mit dem olympischen Gruß: Der herangenommene Arm wird waagerecht in Schulterhöhe ausgestreckt. Die Menge fasste diese Geste als Hitlergruß auf und als ritterliche Ehrung für das Dritte Reich und seinen Führer. Sie brach in eine überquellende Begeisterung aus, die freilich auf einem Missverständnis beruhte.
Die Regisseurin Leni Riefenstahl verstand es, die Olympischen Spiele von Berlin zum mythischen Ereignis zu verklären. Fest der Völker und Fest der Schönheit hießen ihre Filme, die von der Verwandlung des Sports in ein Werkzeug der nationalsozialistischen Politik zeugen. Denn die Olympischen Spiele 1936 waren ein Fest der Propaganda - mit dreifachem Gewinn für das Dritte Reich: viele Medaillen, eine halbe Milliarde Reichsmark Einnahmen und die Täuschung der Welt durch das Bild eines friedliebenden Führers, das bis 1939 nachwirkte.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP
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