20. März 2008 China hat den Ton im Tibet-Konflikt deutlich verschärft und angekündigt, hart gegen die Anhänger des Dalai Lamas vorzugehen. Der tibetische Kommunistenchef Zhang Qingli bekräftigte am Mittwoch die Vorwürfe gegen das religiöse Oberhaupt der Tibeter und nannte ihn einen Wolf in buddhistischem Mönchsgewand. Zhang sagte, der Dalai Lama sei ein böser Geist mit menschlichem Antlitz und dem Herzen einer Bestie.
Wir befinden uns mitten in einem heftigen Kampf aus Blut und Feuer, einem Kampf auf Leben und Tod mit der Clique des Dalais, sagte Zhang, der sich zugleich dafür aussprach, die politische Kontrolle in Tibet zu intensivieren. Der chinesische Ministerpräsident Wen Jiabao hatte bereits am Dienstag dem Dalai Lama vorgeworfen, die Unruhen angezettelt zu haben. Die chinesische Regierung wirft dem Friedensnobelpreisträger vor, die Proteste von langer Hand vorbereitet zu haben und die Olympischen Spiele sabotieren zu wollen.
Bei den Ausschreitungen kamen nach offiziellen chinesischen Angaben 13 unschuldige Zivilisten ums Leben. Die tibetische Exil-Regierung spricht von 99 Toten. Der Dalai Lama bestreitet die chinesischen Vorwürfe, Drahtzieher der Unruhen zu sein und hat beide Seiten zur Gewaltlosigkeit aufgerufen. Bei einem Teffen mit Aktivisten, die einen Marsch von Dharamsala nach Lhasa organisieren wollten, forderte er Zurückhaltung. Der Marsch soll aufgegeben werden, da Zusammenstöße mit chinesischen Soldaten nicht auszuschließen seien.
Polizei: Mehr als 100 Demonstranten stellen sich
Bei der andauernden Verhaftungswelle nach den schweren Ausschreitungen in Lhasa sind nach Augenzeugenberichten bisher schon mehr als tausend Tibeter festgenommen worden. Nach den Unruhen sollen sich nach chinesischer Darstellung 105 Aktivisten der Polizei ergeben haben. Diese hätten sich an gewaltsamen Ausschreitungen beteiligt, geplündert oder Gebäude in Brand gesetzt, hieß es in einer Meldung der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua. Gegen sie werde jetzt juristisch vorgegangen. Die Regierung hatte am Sonntag erklärt, dass alle Teilnehmer an den Protesten, die sich bis Montag freiwillig stellten, mit Milde rechnen könnten. Alle anderen sollten hart bestraft werden.
Die Gewaltwelle nahm in der vergangenen Woche ihren Anfang anlässlich des 49. Jahrestages des fehlgeschlagenen Aufstands gegen die chinesische Besetzung. Die Proteste gegen die chinesische Fremdherrschaft in Tibet weiteten sich derweil aus und forderten weitere Menschenleben.
Tote auch anderen chinesischen Provinzen?
Die chinesischen Streitkräfte und die Polizei verstärkten ihre massive Präsenz in Tibet und angrenzenden Provinzen, in denen mehr als die Hälfte der 5,4 Millionen Tibeter leben, weiter. Die tibetischen Gebiete in den Nachbarprovinzen, wurden für Ausländer gesperrt.
In Kardze in der Provinz Sichuan hätten chinesische Sicherheitskräfte am Dienstag das Feuer auf eine Gruppe von Demonstranten eröffnet und mindestens drei Teilnehmer getötet, berichtete das exiltibetische Zentrum für Menschenrechte und Demokratie aus Indien. Nach Protesten in Aba in der Provinz Sichuan, wo mindestens 20 Tibeter erschossen worden sein sollen, bestätigte ein Funktionär der Kreisregierung der Deutschen Presse Agentur in Peking telefonisch die Zwischenfälle. Wir warten auf Anweisung der Zentralregierung, sagte der Beamte, ob die Todeszahlen veröffentlicht werden. Alles, was mit Toten zu tun hat, ist geheim. Die Lage habe sich aber beruhigt. Geschäfte und Schulen seien wieder geöffnet.
Weitere Proteste soll es in Gannan und Sangchu in der Provinz Gansu gegeben haben. Mönche und Tibeter hätten für die Unabhängigkeit und die Rückkehr des Dalai Lama demonstriert sowie die tibetische Flagge gehisst. Die Polizei habe zum Teil Tränengas eingesetzt. Um die Proteste unter Kontrolle zu bringen, sind 20 000 Angehörige der paramilitärischen Bewaffneten Polizei (Wujing) von der Provinzhauptstadt Lanzhou an fünf Orte in den tibetischen Regionen von Gansu entsandt worden, berichtete Free Tibet Campaign. Augenzeugen hätten in Gannan 102 Lastwagen mit Polizeikräften gezählt, die mit Waffen und Tränengas ausgerüstet gewesen seien. In der Provinz Qinghai demonstrierten 200 tibetische Lehrer.
Brown will Dalai Lama treffen
Der britische Premierminister Brown hat angekündigt, er werde den Dalai Lama treffen, wenn dieser im Mai Großbritannien besucht. Brown teilte mit, er habe am Mittwoch morgen überdies mit dem chinesischen Ministerpräsidenten Wen Jiabao telefoniert und ihn klar und deutlich aufgefordert, alles zu tun, um die Gewalt in Tibet zu beenden und durch einen friedlichen Dialog zu ersetzen.
Wen habe ihm versichert, die chinesische Führung sei an diesem Dialog interessiert. Die amtliche chinesische Nachrichtenagentur Xinhua meldete ergänzend, Wen habe bei dieser Gelegenheit die Haltung Pekings bekräftigt, wonach der Dalai Lama zuvor mehrere Bedingungen erfüllen müsse. Dazu gehört unter anderem der Gewaltverzicht.
Papst wünscht Weg des Dialogs
Papst Benedikt XVI. rief derweil zum Ende der Gewalt in Tibet auf. Mit der Gewalt werden keine Probleme gelöst, sondern sie verschlimmern sich noch, sagte das katholische Kirchenoberhaupt in Rom. Alle Seiten sollten den Mut haben, den Weg des Dialogs und der Toleranz zu beschreiten.
Unterdessen kritisierte die chinesische Führung am Mittwoch die Tibet-Berichterstattung ausländischer Medien. Der tibetische KP-Funktionär Raidi sagte laut einer Meldung der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua, einige westliche Medien hätten absichtlich die Tatsachen verdreht und schwere Straftaten als eine friedliche Demonstration dargestellt.
Die legitimen Bemühungen zur Aufrechterhaltung der sozialen Stabilität seien dagegen als gewaltsame Niederschlagung bezeichnet worden. Ausländische Journalisten wurden aber weiter daran gehindert, über die Lage in Tibet zu berichten. Der Club der Auslandspresse in China (FCCC) teilte mit, er habe 30 Verhaftungen und Reiseverweigerungen registriert.
Angeblich aus Sicherheitsgründen wird ausländischen Journalisten derzeit nicht nur die Reise zur Berichterstattung nach Lhasa, sondern auch in die tibetischen Gebiete von Qinghai, Gansu und Sichuan verwehrt. Das alte Territorium von Tibet erstreckt sich heute nicht nur auf die 1965 von China gegründete Autonome Region Tibet, sondern auch auf angrenzende Gebiete dieser chinesischen Provinzen. Nachdem sich die Volksrepublik 1950 das Hochland einverleibt hatte, wurde Tibet in die heutige Autonome Region Tibet und auf die Nachbarprovinzen aufgeteilt.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, REUTERS
