Unruhen in Tibet

Der Dalai Lama - ohnmächtig oder allmächtig?

Von Petra Kolonko, Peking

18. März 2008 Kann der Dalai Lama Einfluss auf und in Tibet ausüben? Die chinesische Regierung bezichtigt ihn der Planung und Organisation der jüngsten Unruhen. Die Sprecher der Exilregierung dagegen weisen darauf hin, dass der Dalai Lama sich in Tibet kein Gehör verschaffen könne, weil jeder Kontakt von Peking unterbunden werde.

Man macht sich nicht die chinesische Lesart der Dinge zu eigen, wenn man daran zweifelt, dass der Dalai Lama in Tibet nicht gehört wird. Zwar versuchen in der derzeitigen Situation nach den Demonstrationen und Ausschreitungen die chinesischen Behörden mehr denn je, Tibet von der Außenwelt und besonders von Kontakten mit den Exil-Tibetern abzuschirmen. Doch die chinesische Kontrolle über Kommunikation und Nachrichten ist auch in Tibet nicht mehr allumfassend. Und in normalen Zeiten gab und gibt es auch für den Dalai Lama und seine Anhänger, die seit fast sechzig Jahren im indischen Exil leben, durchaus Möglichkeiten, Kontakte mit Tibet zu halten.

Mönche in Lhasa zeigen sich gut informiert

46000 Mönche gibt es in Tibet, viele haben Mobiltelefone. Das Internet breitet sich auch in Tibets Städten aus und ermöglicht Kontakt und Informationsaustausch über die Grenze. Die Zensur kann das nicht komplett unterbinden. Die Klöster in Tibet und in den tibetischen Regionen anderer Provinzen stehen untereinander in Kontakt. Die Grenzen nach Nepal und Indien sind durchlässiger geworden. Ein Grenzübergang nach Indien ist geöffnet worden. Neben Händlern kommen auch Tibeter über die Grenze.

Einige Tibeter sind aus dem Exil zurückgekommen. Nicht alle werden glühende Befürworter der chinesischen Politik sein. Auch von den Touristen, die nach Lhasa kommen, wird manch einer schon in Dharamsala, dem Sitz der tibetischen Exilregierung in Indien, gewesen sein. Seit die neue Qinghai-Tibet-Eisenbahn täglich Touristen auf das Dach der Welt bringt, kommen immer mehr Besucher aus anderen Provinzen nach Tibet. Mit ihnen kommen auch Informationen. Die meisten Nachrichten über politische und religiöse Entwicklungen in Tibet, auch über die jüngsten Unruhen, sind über Exil-Tibeter und die tibetischen Unterstützergruppen schnell ins Ausland gekommen. Man darf wohl annehmen, dass der Nachrichtenfluss durch deren Kanäle nicht nur in eine Richtung verläuft. Mönche in Lhasa zeigen sich, wenn sie von chinesischen Beobachtern unbewacht sind, gewöhnlich gut informiert über die aktuellen Stellungnahmen, Aktionen und Reisen des Dalai Lamas.

Dalai Lama kann Getreuen Anweisungen geben

Wie schnell sich Anweisungen und Gebote des Dalai Lamas auch in Tibet ausbreiten können, zeigte sich zuletzt im Jahr 2006. Damals forderte das religiöse Oberhaupt der Tibeter seine Anhänger dazu auf, keine wilden Tiere mehr zu jagen, um deren Fell zu verwerten. In ganz Tibet verbrannten daraufhin Tibeter Felle und Kleidungsstücke mit Fell. Die chinesische Regierung zeigte sich schockiert und ließ die Aktionen sofort verbieten.

Selbst in der Zeit, in der Tibet noch nicht mit Mobiltelefonen und Internet ausgestattet war, hatte der Dalai Lama Möglichkeiten, mit den Mönchen zu kommunizieren und Anweisungen weiterzugeben. Bei der Suche nach der Reinkarnation des Panchen Lama vor dreizehn Jahren, die die britische Journalistin Isabel Hilton dokumentiert hat, konnte der Dalai Lama ihm getreuen Mönchen Anweisungen geben und sogar die Suche aus der Ferne leiten. Freilich ignorierte die chinesische Regierung seine Wahl und inthronisierte ihren eigenen Kandidaten.

Die Tibeter kennen auch die Forderung des Dalai Lamas, auf Gewalt zu verzichten. Gewaltanwendung komme einem Selbstmord gleich, hat er gesagt. Dass es jetzt trotzdem zu Ausschreitungen kam und Tibeter offenbar nicht nur chinesisches Eigentum geschädigt, sondern auch Chinesen angegriffen haben, entspricht nicht den Anweisungen des Dalai Lamas.

Fremde im eigenen Land

Dies zeigt vor allem, dass selbst sein Wort es schwer hat gegenüber der Wut, die sich aufgestaut hat. Viele Tibeter leiden unter der Diskriminierung, die sie besonders in Lhasa zu Fremden im eigenen Land gemacht hat. Sie sind verbittert darüber, dass die Errungenschaften der wirtschaftlichen Verbesserung vor allem den Chinesen in Tibet zugutekommen.

Man kann aber annehmen, dass nicht nur der Dalai Lama, sondern auch die Stimmen anderer Exil-Tibeter in Tibet gehört werden, denen das Vorgehen des Dalai Lamas zu moderat ist. Besonders der „Tibetische Jugendkongress“, der jetzt auch den Marsch an die Grenze Chinas geplant hatte, fordert ein anderes Vorgehen. Seine Anhänger verlangen ganz offen ein „freies Tibet“ und wollen sich mit den Autonomieforderungen des Dalai Lamas nicht zufriedengeben.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP

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