Von Georg Giersberg und Rüdiger Köhn
21. April 2008 Die deutsche Industrie hat auf der Hannover Messe einen Kontrapunkt zur gegenwärtig sich verschlechternden Stimmung in der Wirtschaft gesetzt und präsentiert sich in robuster Verfassung. Große Übereinstimmung herrscht über alle Branchen hinweg, dass der Aufschwung andauern werde. Angesichts der positiven Meldungen aus den Einzelbranchen bleibt die Bundesvereinigung der Deutschen Industrie (BDI) dabei, dass in diesem Jahr insgesamt in Deutschland ein Wachstum von bis zu 2 Prozent möglich ist, betonte BDI-Präsident Jürgen Thumann in Hannover.
Manfred Wittenstein, Präsident des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), bestätigte die Prognose für ein reales Wachstum der Produktion von 5 Prozent in diesem Jahr, die bereits im Oktober vergangenen Jahres aufgestellt worden war, obwohl sich in der Zwischenzeit die Rahmenbedingungen mit dem Ausweiten der Finanzkrise und einem schwachen Dollar aber deutlich verschlechtert haben. Zugleich schraubt der Maschinenbau als größter deutscher industrieller Arbeitgeber seine Beschäftigungsprognose nach oben: Der VDMA erwartet nun 30.000 statt der bisher genannten 10.000 neuen Stellen in diesem Jahr.
ZVEI erwartet sogar eine Verdoppelung der Wachstumsgeschwindigkeit
Der Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI) erwartet für das laufende Jahr sogar eine Verdoppelung der Wachstumsgeschwindigkeit auf 4 Prozent. Für den Einzelmarkt der Automationstechnik, auf den weltweit etwa 250 Milliarden Euro entfallen, geht der Verband auch mittelfristig von einem Wachstum um die 5 Prozent aus. Der Druck der Globalisierung, des Klimaschutzes und der steigenden Rohstoffpreise lasse hier auch in absehbarer Zeit ein hohes Auftragsvolumen erwarten. Allerdings kommt es in diesem Bereich zu ersten Investitionsverschiebungen.
Die deutsche Stromwirtschaft wird nach Aussage des BDEW Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft e. V. in diesem Jahr ihre Investitionen weiter von 6,7 Milliarden Euro auf 8,9 Milliarden Euro erhöhen.
Die Prognose des BDI bewegt sich oberhalb der Erwartungen der Bundesregierung und der wissenschaftlichen Forschungsinstitute, während die anderen Industriebereiche deutlich höhere Zuwächse zugrunde legen. BDI-Präsident Thumann betonte aber, die Prognose gelte unter dem Vorbehalt, dass sich die Risiken aus der internationalen Finanzkrise, dem starken Euro, den steigenden Rohstoffpreisen und der drohenden Rezession in den Vereinigten Staaten nicht verstärke. Bisher sei dies vor allem für die Finanzkrise nicht zu erwarten. Bis heute gibt es kein einziges Unternehmen, das keinen Kredit für Investitionen bekommen hat, betonte Thumann.
Die große Finanzkrise wird nicht eintreten
Bisher sei die Krise in der Finanzbranche gut abgefangen worden. Er gehe zwar von weiteren Wertberichtigungen bei den Banken aus, aber die große Finanzkrise wird nicht eintreten, fügte er hinzu. Es müssten aber Konsequenzen gezogen werden. Das Geschäftsmodell der öffentlichen Landesbanken habe sich als nicht mehr funktionsfähig erwiesen. Die deutsche Industrie brauche zudem neben der einen großen Privatbank, die derzeit als einzige in der Lage ist, die deutsche Industrie in die Welt zu begleiten, eine oder zwei weitere große deutsche Privatbanken.
Gerade die Finanzkrise habe gezeigt, wie wichtig die industrielle Basis für Deutschland sei. Nur deshalb schlage die Krise hierzulande nicht so stark durch wie in Ländern mit höherem Dienstleistungsanteil wie den Vereinigten Staaten oder Großbritannien. Aus dieser wiedergewonnenen Bedeutung der Industrie - Thumann sprach von der Renaissance der Industrie - leitete er Forderungen an die Politik ab, die Rahmenbedingungen zu verbessern. Dazu gehöre eine stärkere Förderung von Innovationen, eine bessere Bildungspolitik, steuerliche Entlastung für Arbeitnehmer und eine Umweltpolitk mit Augenmaß. Der BDI unterstütze das Ziel, bis 2050 die CO2-Emissionen zu halbieren. Dazu müssten aber zunächst mal die schon vorhandenen Techniken eingesetzt werden, bevor die Politik unerfüllbare Forderungen stelle. Würden alle Elektromotoren in den Fabriken der Welt auf den neuesten Stand gebracht, könnten im Jahr 360 Millionen Tonnen CO2 gespart werden. Das entspricht dem jährlichen Ausstoß von Belgien und den Niederlanden zusammen, sagte Thumann.
Wir profitieren vom Stellenabbau in anderen Wirtschaftsbereichen
Derweil entwickelt sich der deutsche Maschinen- und Anlagenbau immer mehr zum Auffangbecken für Menschen, die ihren Arbeitsplatz verlieren. Wir profitieren vom Stellenabbau in anderen Wirtschaftsbereichen, sagte VDMA-Präsident Manfred Wittenstein auf der Pressekonferenz in Hannover. Die werden mit dem überraschenden zusätzlichen Bedarf an Arbeitskräften auch dringend benötigt. Zum Jahresende wird der Maschinenbau 965.000 Mitarbeiter beschäftigen gegenüber 935.000 Beschäftigten Ende 2007. So groß war die Maschinenbau-Belegschaft seit der ersten Hälfte der neunziger Jahre nicht mehr. Zuletzt hatte die Branche im Jahr 1995 durchschnittlich 942.000 Mitarbeiter auf der Lohnliste. Und: Damit haben wir den kontinuierlichen Beschäftigungsrückgang in den zurückliegenden 13 Jahren aufgeholt, sagte der VDMA-Präsident. Bereits 2007 hatten die Unternehmen rund 50.000 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze geschaffen.
Der Stellenaufbau gelingt trotz des chronischen und seit Jahren währenden Fachkräftemangels. Der VDMA-Präsident spielte nun auf die Abbaupläne etwa in der Automobilindustrie an, deren qualifizierte Mitarbeiter dringend benötigt werden. Auch die hohe Arbeitslosigkeit in Ostdeutschland helfe, die Defizite im Westen aufzufangen. Bislang hat die Branche verstärkt Leih- und Zeitarbeiter fest angestellt.
Die Unternehmen sind wirklich optimistisch
In dem über Erwarten starken Stellenaufbau in diesem Jahr kommt die ungebrochene Zuversicht der 6000 meist kleinen und mittelständischen Firmen zum Ausdruck, dass sich der Maschinenbau - im Gegensatz zu der gegenwärtigen allgemeinen Stimmungslage - weiterhin positiv auch in das nächste Jahr hinein entwickeln wird. Die Unternehmen sind wirklich optimistisch, sonst würden sie ja nicht einstellen, ergänzte VDMA-Hauptgeschäftsführer Hannes Hesse.
Dies war schon in den ersten zwei Monaten deutlich zu erkennen: Zwischen Ende Dezember 2007 und Ende Februar erhöhte sich die Belegschaft um 12.000 auf 947.000 Mitarbeiter. Hinzu kommen noch 50.000 Leih- und Zeitarbeiter, deren Zahl sich bis Ende dieses Jahres nach Ansicht von Wittenstein noch einmal erhöhen könnte. Wir brauchen diese Atmungsreserve, auch für den Fall, dass sich das Wachstum einmal deutlich verlangsamen könnte. Ermüdungstendenzen seien nicht zu beobachten, sagte Wittenstein zur Lage im Maschinenbau. Nun geht sie in das fünfte Rekordjahr. Auch die Finanz- und Kreditkrise habe sich bei den Unternehmen etwa durch eine restriktive Vergabe von Krediten noch nicht bemerkbar gemacht. Im vergangenen Jahr steigerte die exportabhängige Branche bereits die Produktion um 11 Prozent auf 180 Milliarden Euro.
Rezessionsängste und der starke Euro könnten dennoch ein Risiko sein
Aber: Der Zuwachs wird sich verlangsamen und es im Jahresverlauf nur noch einstellige Raten im Auftragseingang geben, sagte er. Das Wachstumspotential ist nicht unendlich. Wittenstein warnt: Es gibt Einflussfaktoren, die die Konjunktur schnell einbrechen lassen könnten. Er nennt neben den Rezessionsängsten und dem starken Euro überhöhte Lohnabschlüsse als zusätzliches Risiko.
Für 2008 indes kann dem Maschinenbau wenig passieren. Die Auftragsbücher sind so gefüllt, dass die Beschäftigung der Betriebe zwischen fünf und 6,6 Monate gesichert ist. Unverändert hoch ist die Kapazitätsauslastung mit 92 Prozent. Es werde vor allem in den Ausbau der Produktion investiert. Die ist allein in den ersten zwei Monaten um 13,5 Prozent gestiegen. Schon von daher ist angesichts der bislang noch nicht weggebrochenen Aufträge die Wachstumprognose nach unten abgesichert.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Jesco Denzel - F.A.Z.
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Solar-Investoren in Warteschleife
Ein Hoch auf das Ende der Rezession
| Tops | in % | |
| FMC | +2,10% | |
| Infineon | +1,35% | |
| ThyssenKrupp | +1,23% |
| Flops | in % | |
| MAN | −0,79% | |
| Volkswagen | −1,85% | |
| Commerzbank | −2,58% |
Sigmar soll es richten (der 8. Vorsitzende seit Willy)
17:24Denken und teilen im verschuldeten Staat
17:14@R. Damoisy - die Zeche der Linken müssen leider immer die Armen zahlen