Wettstreit um die Ingenieure

Wer bietet mehr?

Von Anna Polcher und Christoph Hus

21. April 2008 Wenn es darum geht, Ingenieure für einen Job im Unternehmen zu begeistern, hat der Berliner Photovoltaik-Anbieter Solon regelmäßig einen Nachteil: Konkurrenten im Wettbewerb um die begabtesten Ingenieure zahlen zum Teil deutlich höhere Gehälter als der Mittelständler - vor allem international tätige Konzerne. "Das erleben wir immer wieder", sagt Anke Hunziger, Personalvorstand von Solon. Doch im Kampf um Talente hat Hunziger deshalb nicht unbedingt verloren. "Wir versuchen, ein attraktives Gesamtpaket zu schnüren", sagt sie. Denn die Höhe des Gehalts ist zwar ein wichtiges Kriterium, nach dem Ingenieure ihren Arbeitgeber auswählen - aber nicht das einzige. So wirbt der Mittelständler mit flachen Hierarchien, schnellen Aufstiegsmöglichkeiten und flexiblen Arbeitszeiten um Maschinenbauer und Elektrotechniker.

Viele Arbeitgeber stehen vor ähnlichen Herausforderungen wie Solon. Wer Ingenieure beschäftigt, muss sich mit der großen Nachfrage und dem geringen Angebot auf dem Arbeitsmarkt arrangieren. Im vergangenen Jahr klagten deutsche Unternehmen über mehr als 24.000 unbesetzte Arbeitsplätze für Ingenieure, weiß der Verband Deutscher Ingenieure (VDI). Das bleibt nicht ohne Folgen: Das Gerangel der Arbeitgeber um die vergleichsweise wenigen Ingenieure führt dazu, dass Unternehmen immer tiefer in die Tasche greifen müssen.

Durchschnittliches Gehalt um 4,1 Prozent gestiegen

Im vergangenen Jahr ist das durchschnittliche Ingenieursgehalt um 4,1 Prozent gestiegen, belegt eine Studie der Unternehmensberatung Kienbaum. "Die angespannte Lage auf dem Arbeitsmarkt treibt Unternehmen dazu, sich gegenseitig bei den Gehältern zu überbieten", sagt Kienbaum-Vergütungsexperte Christian Näser. "Vielen Arbeitgebern fällt es schwer, sich diesem Wettbewerb zu entziehen."

So verdienen Ingenieure meist schon im ersten Job deutlich mehr als Absolventen anderer Studienfächer. So erhalten beispielsweise Berufseinsteiger beim Automobilkonzern Audi bis zu 49000 Euro im Jahr. Im Durchschnitt kommen junge Ingenieure auf ein Jahresgehalt von 43000 Euro, belegt die Kienbaum-Untersuchung. Absolventen mit BWL-Diplom dagegen müssen sich mit 1000 Euro weniger begnügen. Grundsätzlich gilt: Die Bandbreite der Ingenieurgehälter ist groß. "Das gilt für Berufsanfänger und erfahrene Mitarbeiter gleichermaßen", sagt Kienbaum-Experte Näser. Wer Absolvent eines besonders gefragten Ingenieurstudiums ist oder Expertenwissen in einem Bereich erworben hat, kann mit einem deutlichen Gehaltsaufschlag rechnen.

Vergleich der Angebote zahlt sich aus

Wie hoch die Unterschiede der Ingenieurgehälter im Einzelnen sind, hat das Hamburger Unternehmen Personalmarkt untersucht. Danach bekommen Berufseinsteiger je nach Fachrichtung und Größe des Unternehmens ein Einstiegsgehalt zwischen 37.000 und 49.000 Euro. Bei erfahrenen Mitarbeitern sind die Unterschiede im Gehalt für vergleichbare Positionen ähnlich hoch. Das bedeutet für Angestellte: Für Ingenieure lohnt es sich besonders, die Angebote verschiedener Arbeitgeber miteinander zu vergleichen. Denn unter Umständen zahlt ein Unternehmen für eine ähnliche Aufgabe ein Gehalt, das mehr als 30 Prozent über dem schlechtesten Angebot liegt.

Als Faustregel gilt: Kleine und mittelständische Unternehmen zahlen deutlich niedrigere Gehälter als internationale Konzerne. Und: Wer Führungsverantwortung hat, wird besser bezahlt als ein Spezialist - und sei er nur der Leiter eines kleinen Projektteams. Auch die Art der Ausbildung entscheidet über die Höhe des Gehalts. So verdienen Ingenieure in Fachpositionen, die eine Promotion vorweisen können, im Durchschnitt 69000 Euro pro Jahr. Wer nur einen Diplomabschluss einer Universität oder Fachhochschule hat, bekommt 60000 Euro. Der gleiche Zusammenhang gilt für Führungspositionen. Angestellte mit Doktortitel verdienen im Schnitt 116.000 Euro, während Diplomabsolventen von Universitäten in Führungspositionen nur 97000 Euro verdienen. Fachhochschulabsolventen kommen gar nur auf 92.000 Euro.

Zudem zahlen bestimmte Industriezweige höhere Gehälter als andere: Büromaschinenhersteller etwa zählen zu den Spitzenreitern. Hier verdienen Mitarbeiter in Fachpositionen durchschnittlich 70000 Euro pro Jahr. Auch Chemie- und Pharmaunternehmen zahlen vergleichsweise gut. Maschinenbauunternehmen sowie die metallverarbeitende Industrie liegen im Mittelfeld. Schlusslicht im Verdienst sind Angestellte von Ingenieurbüros, die nur 45000 Euro im Jahr erhalten.

Soft Skills wirken sich aus

Neben den harten Fakten beeinflussen die sogenannten Soft Skills der Mitarbeiter das Gehalt: "Ingenieure dürfen heute nicht mehr nur technologieverliebt sein", sagt Martin Hofferberth, Vergütungsexperte der Unternehmensberatung Towers Perrin. Gerade Berufseinsteiger müssten das unter Beweis stellen, wenn sie nach einem hohen Einstiegsgehalt streben, weiß der Berater. "Am besten sammeln sie schon während des Studiums Auslandserfahrung und absolvieren Praktika", sagt Hofferberth. Denn so beweisen sie, dass sie auch unter schwierigen Arbeitsbedingungen leistungsfähig sind und in fremden Teams arbeiten können.

In den vergangenen Jahren haben viele Arbeitgeber die Entlohnung von Ingenieuren radikal umgestellt. Oftmals bekommen Angestellte heute nicht mehr nur ein Fixgehalt, sondern zusätzlich variable Vergütungsbestandteile. Besonders weit verbreitet ist diese Praxis bei den Gehältern von Führungskräften: Hier erhalten schon 71 Prozent der Ingenieure ein erfolgs- oder leistungsabhängiges Gehalt. Unter Fachkräften ist der Prozentsatz deutlich geringer. Doch auch hier haben 44 Prozent der Ingenieure Boni oder Gratifikationen auf dem Gehaltszettel.

Kleine Unternehmen locken mit anderen Vorteilen

Unternehmen setzten die variable Vergütung inzwischen als ein Argument im Wettbewerb um begehrte Arbeitskräfte ein, weiß Kienbaum-Experte Näser. Denn vor allem junge Mitarbeiter schätzen die leistungsabhängige Bezahlung. "Die variable Vergütung ist deshalb eine interessante Möglichkeit, aufstrebende Mitarbeiter für ein Unternehmen zu begeistern", sagt Näser. In den kommenden Jahren werde die Bedeutung variabler Gehälter für Ingenieure deshalb weiter zunehmen, prognostiziert der Berater. Und als Folge dieser Entwicklung werde sich auch die Spannweite der Ingenieursgehälter vergrößern.

Die grundlegenden Gehaltsgesetze gelten jedoch auch weiterhin. So werden Mittelständler auch in Zukunft im Durchschnitt geringere Gehälter zahlen als Konzerne - selbst wenn sie eine erfolgsabhängige Vergütung einführen. Kleinen Unternehmen gelingt es, hochbegabte Mitarbeiter mit anderen Vorteilen zu locken. "Viele Mittelständler bieten ihren Angestellten Gestaltungsmöglichkeiten, von denen sie bei Konzernen nur träumen könnten", sagt Michael Schwartz vom Verein Deutscher Ingenieure (VDI). "Hinzu kommt eine große Flexibilität."

Darauf setzt auch der Berliner Solaranlagenbauer Solon - zum Beispiel, was das Thema Familie angeht. "Wir wollen ein besonders familienfreundliches Unternehmen sein", sagt Personalchefin Anke Hunziger. So bereitet Solon gerade eine Notfallkinderbetreuung vor. Wenn der Nachwuchs krank ist oder der Babysitter ausfällt, kümmert sich ein eigens dafür abgestellter Mitarbeiter um den Nachwuchs.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z., F.A.Z. - Cyprian Koscielniak

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