Von Tilman Spreckelsen
13. Juni 2008 75 Maigret-Romane hat Georges Simenon geschrieben. Jetzt erscheinen sie in revidierter Übersetzung auf deutsch, chronologisch geordnet, ein Roman pro Woche. Maigret-Novize Tilman Spreckelsen liest mit (siehe auch: Warum ich jede Woche einen Maigret-Roman lesen werde und Maigret-Marathon: die bisherigen Folgen).
Maigret steht über dem Buch, die Leser sollen es ja kaufen, der Kommissar aber kommt erst spät offen ins Spiel, auch wenn er schon zuvor sein Wesen treibt. Es scheint, als hätte Simenon diesmal nur Augen für die armen, verwirrten Siebzehnjährigen, die, vielleicht allzu klug, ganz sicher aber allzu nervös, im beschaulichen Lüttich etwas erleben wollen. Können sie etwas dafür, dass sie bei ihren Eskapaden im Nachtklub an Menschen geraten, die unvermutet Ernst machen? Am Ende landet einer der Jungen im Kongo, der andere im Irrenhaus, und das ist für beide nicht schön.
Die Handlung in einem Satz: Ein Mann wird in einem Nachtklub ermordet, den zwei Jugendliche regelmäßig besuchen, weil sie in eine dort beschäftigte Tänzerin verliebt sind, was sie natürlich verdächtig macht.
Spielt in: Lüttich.
Neues über Maigret: Der Kommissar ist kein schlechter Schauspieler. Diesmal täuscht er seinen Selbstmord vor.
Konsum geistiger Getränke: Bier. Das wirkt in der portwein- und champagnerseligen Kaschemme reichlich deplaziert. Soll es wohl auch.
Er wäre so gern ein richtiger Spion
Wenn es etwas gibt, das Maigret auszeichnet, dann seine ungeheure Durchschnittlichkeit. Und die, die in diesem Buch unter die Räder geraten, sind davon besessen, nicht mehr Durchschnitt zu sein: Die beiden Jungen sowieso, aber auch das Mordopfer, ein reicher Müßiggänger, der so gern etwas Aufregendes wäre, dann aber, als er sich einem Spionagering an den Hals wirft, sofort wieder kalte Füße bekommt und sein Heil bei der Polizei sucht. Posen überall, und Simenon wendet einigen Fleiß daran, deren Fadenscheinigkeit in grelles Licht zu rücken.
Lieblingssatz: Ich schwöre Ihnen, dass ich keine Ahnung hatte, was sie da eigentlich ausheckten ... Aber man muss schließlich leben, nicht wahr?
Bildmaterial: Natascha Vlahovic, FAZ.NET