Maigret-Marathon 75

Monsieur Charles

Von Tilman Spreckelsen

16. Oktober 2009 75 Maigret-Romane hat Georges Simenon geschrieben. Jetzt erscheinen sie in revidierter Übersetzung auf deutsch, chronologisch geordnet, ein Roman pro Woche. Tilman Spreckelsen liest mit. (Siehe auch: Warum ich jede Woche einen Maigret-Roman lesen werde)

Als ich vor vielen Jahren eine Menge Zeit mit der Transkription von Fouqués „Parcival“ aus der Handschrift verbracht habe, kam ich nach gut einem Vierteljahr Fronarbeit im Lesesaal der Berliner Staatsbibliothek auf die letzte Seite des Manuskripts. Und da stand dann unter der Überschrift „Abschied vom freundlichen Leser“ folgendes: „Ihr kamt zu mir in frischer Morgen Blüthe / Ihr geht hinaus im ernsten Abendstrahl; / Willkommen rief ein Kind in seel'ger Güte / Fahr wohl; sagt Euch ein Mann im starren Strahl.“ Und so weiter; wer Fouqué kennt, kann sich ungefähr ausmalen, wie's weitergeht. 75 Romane, eineinhalb Jahre - natürlich ist jetzt auch mal gut. Und trotzdem werden mir „der kleine Lapointe“ und „der dicke Torrence“ fehlen, Lucas und Janvier, der überarbeitete Arzt Pardon und die Maigrets. Was für ein Glück, dass demnächst ein Band mit 27 Maigret-Kurzgeschichten erscheint, der über 1000 Seiten umfasst.

Die Handlung in einem Satz: Weil sie sich um das Ausbleiben ihres Mannes sorgt, meldet sich eine Notarsgattin bei Maigret, und wie sich dann erst die Leiche, dann der Mörder, dann das Motiv findet, ist schon große Klasse.

Spielt in: Paris.

Neues über Maigret: Er ist seit 40 Jahren Polizist, soll in drei Jahren in den Ruhestand gehen und vorher noch Direktor der Kriminalpolizei werden, was er ohne darüber nachzudenken ablehnt (zum Vergleich: der „kleine Lapointe“ ist jetzt 10 Jahre dabei, verheiratet und mit 2 Kindern gesegnet). Maigret mag Pot-au-feu.

Und Frau Maigret? Antwortet ihrem Mann auf das Souveränste: Er müsse am Abend noch „zwei, drei Nachtlokale besuchen“, sagt er ihr. Und sie: „Das wird dich hoffentlich auf andere Gedanken bringen.“

Konsum geistiger Getränke: Pastis, Bier, Martini, Gin, Portwein, Cognac, Pflaumenschnaps.

Das Beste zum Schluss

Ganz am Ende, im letzten „Maigret“, präsentiert uns Simenon in der ewig besoffenen jungen Witwe noch eine unvergessliche Figur. Wie sie durch den Roman schwankt, wie sie zwischen ungehemmter Aggression und selbsthasserischer Resignation pendelt, macht ihrem Autor so schnell keiner nach. Wer so abtritt - Chapeau!

Lieblingssatz: „Ich bin auf der Suche nach einem Mann, den ich nie gesehen habe, über den ich bis gestern nichts wusste, und muss nun versuchen, mir ein Bild von ihm zu machen.“

Demnächst als Buch bei Diogenes: Der Maigret-Marathon in 75 FAZ.NET-Kolumnen
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Buchtitel: Monsieur Charles
Buchautor: Simenon, Georges

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: Diogenes, Natascha Vlahovic

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