Maigret-Marathon 65

Der Fall Nahour

Von Tilman Spreckelsen

31. Juli 2009 75 Maigret-Romane hat Georges Simenon geschrieben. Jetzt erscheinen sie in revidierter Übersetzung auf deutsch, chronologisch geordnet, ein Roman pro Woche. Tilman Spreckelsen liest mit. (Siehe auch: Warum ich jede Woche einen Maigret-Roman lesen werde)


Eigenartig, wie Spurenelemente der Moderne langsam Einzug halten und das Dekor gegenwärtiger wird, während die Maigrets immer so um die Fünfzig bleiben und mit den veränderten Zeitläuften mitschwimmen, freilich (und spürbar) als randständige, aber zähe Existenzen. Die Autos werden moderner, man kann telefonieren, ohne auf die Dienste der Vermittlerinnen angewiesen zu sein, das Fernsehen ist keine Sensation mehr, sondern Alltag. Hier schreiben wir 1966; ein Jahr noch, und wir sind Zeitgenossen, Maigret und ich. Eine seltsame Vorstellung, wenn man bedenkt, dass er 1913 bei der Polizei angefangen hat.

Die Handlung in einem Satz: Eine verletzte Frau klingelt bei Maigrets Freund, dem Arzt Pardon, und bevor der die Schusswunde noch richtig versorgen kann, ist die Dame schon verschwunden - welcher Abgrund sich dahinter verbirgt, muss dann Maigret aufklären.

Spielt in: Paris

Neues über Maigret: Dass ihn Alpträume heimsuchen, scheint gar nicht so selten zu sein.

Und Frau Maigret? Nennt ihren Gatten hier einmal „Jules“, was für dieses Ehepaar schon sehr vertraulich ist. Und sie strickt für ihn: in diesem Fall einen dicken, kratzigen Schal, der Maigret einigermaßen stört. Er trägt ihn trotzdem.

Konsum geistiger Getränke: Bier. Whisky. Burgunder.

Mehr geht leider nicht

Dass in diesem Fall alle Zeugen ständig lügen, nach Ausflüchten suchen oder rotzfrech die Mitarbeit verweigern (oder - gerade gegen Ende - die Verhörsituation einfach umdrehen und Maigret nach Herzenslust ausfragen) ist so mühsam wie evident: Warum sollten sie es auch der Polizei leichter machen als unmittelbar geboten, wo sie doch alle irgendetwas zu verbergen suchen? Wieder einmal ist es Maigrets stupende Hartnäckigkeit, die ihn vor allen anderen auszeichnet, und wenn er am Ende, nachdem der Schuldige bei einer ausgesprochen dünnen Beweislage zu immerhin zehn Jahren Gefängnis verurteilt wurde, von einem Sieg des Verbrechers spricht, dann mag man ihm kaum zustimmen. Wäre in diesem extrem schwierigen und undurchsichtigen Fall etwa mehr drin gewesen?

Lieblingssatz: „Man hätte sie für zwei Kinder halten können, die Wer-zuerst-blinzelt-hat-verloren spielten.“

Buchtitel: Der Fall Nahour
Buchautor: Simenon, Georges

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: Diogenes, Natascha Vlahovic

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