Von Tilman Spreckelsen
26. April 2008 Mannmannmann, was für eine krude Geschichte! Dabei sind die ersten fünfeinhalb Seiten ganz großartig:
Die Handlung in einem Satz: Maigret verfolgt aus einer Laune heraus eine abgerissene Gestalt, die sich dann vor seinen Augen erschießt, und findet die Ursache dafür in einem einstigen Freidenkerverein, dessen Mitglieder längst im tiefsten Bürgertum angekommen sind.
Spielt in: Paris, Bremen, Reims und Lüttich
Neues über Maigret: Er kann ein bißchen Deutsch.
Konsum geistiger Getränke: Zögerlich. Lieber schaut er zu, wie andere sich betrinken.
Geigenlärm im Nebenraum
Der Anfang also führt rasant in den Fall hinein, ohne dass man darin eine Masche witterte: Maigret beobachtet einen Verdächtigen, folgt ihm durch mehrere Länder, mogelt sich in jeden Zug, den der arme Kerl besteigt, stiehlt den Koffer, den er so sehr hütet, mit Raffinesse und Geschick - und wird von dem plötzlichen Selbstmord seines Opfers in einer Bremer Pension ebenso überrascht wie wir. Immerhin fühlt er sich schuldig, er hat auch Grund dazu, aber dann: Dann kommen diejenigen ins Spiel, die auch irgendwie verstrickt sind, es wird wirrer und wirrer, es geht um weltumstürzlerische Studenten, die in Entgrenzungsphantasien schwelgen, das schließt natürlich Mordgedanken mit ein, aber als sie das dann in die Tat umsetzen, ist es mit der Bohème auch nicht mehr weit her. Am Ende verzichtet der Kommissar darauf, die Schuldigen vor den Richter zu bringen, denn ihre Tat wäre sowieso bald verjährt, und schließlich haben die Ex-Bohemiens mittlerweile Kinder, ganz goldige sogar, die im Nebenraum brav Geige üben, während sich ihre Väter um Kopf und Kragen reden ...
Und warum Simenon auch in seinem dritten Roman auf Namenswechsel als vertuschungstechnisches Allheilmittel setzt, bleibt sein Geheimnis - die Frequenz dürfte selbst bei Edgar Wallace niedriger sein.
Lieblingssatz: 'Geht es um ein Verbrechen?' fragte Madame Maigret friedfertig und ohne ihre Näharbeit zu unterbrechen.
Bildmaterial: Natascha Vlahovic, FAZ.NET