Maigret-Marathon 11

Die kleine Landkneipe

Von Tilman Spreckelsen

20. Juni 2008 75 Maigret-Romane hat Georges Simenon geschrieben. Jetzt erscheinen sie in revidierter Übersetzung auf deutsch, chronologisch geordnet, ein Roman pro Woche. Maigret-Novize Tilman Spreckelsen liest mit (siehe auch: Warum ich jede Woche einen Maigret-Roman lesen werde und Maigret-Marathon: die bisherigen Folgen).

Langsam wird es Zeit: Zehn Folgen lang hat Madame Maigret im Hintergrund gewirkt, hat gewartet, gekocht, gestickt, verzweifelte Angehörige getröstet und ihr freundliches, hellwaches Auge schweifen lassen. Grund genug, das Raster, unter dem hier die Romane Simenons betrachtet werden, um ein Element zu erweitern, das nur dieser tapferen Dame gewidmet ist.

Die Handlung in einem Satz: Eine Gruppe von Wohlhabenden trifft sich regelmäßig in einer kleinen Landkneipe, um sich die Langeweile mit albernen Spielen zu vertreiben, bis einer von ihnen ermordet wird und ein anderer unter Mordverdacht gerät.

Spielt in: Paris und zwischen Morsang und Seineport.

Neues über Maigret: Der Kommissar tanzt „niemals“ und spielt Bridge, aber nicht gut.

Und Frau Maigret? Verbringt jedes Jahr einen Monat bei ihrer Schwester im Elsass.

Konsum geistiger Getränke: Eigentlich ja Bier. Nur lässt er sich hier zum Pernodtrinken verführen. Und bereut es sofort.

Paare, Passanten

„Il n'y a pas d'amours heureux“ singt Georges Brassens, und was sich in diesem Roman abspielt, scheint den Satz zu bestätigen. Denn das zärtlichste Paar sind die Maigrets, die aber fast den ganzen Roman über voneinander getrennt sind und sich allenfalls liebevoll traurige Telegramme schreiben: Madame Maigret macht Urlaub im Elsass, ihr Mann sollte eigentlich längst nachgekommen sein, aber er muss einen Fall untersuchen, der sich als kompliziert und langwierig herausstellt, und so bleibt es beim Telegrammschreiben. Der Kommissar übernachtet sogar gelegentlich im Hotel, weil er keine Lust hat, in seine leere Wohnung zurückzukommen, während ein Tatverdächtiger jeden Tag ein paar Stunden aus seiner Wohnung flüchtet, um seiner Frau zu entkommen. Auch die anderen Mitglieder jener Müßiggängergemeinschaft, die sich jedes Wochenende in der titelgebenden „kleinen Landkneipe“ trifft, sehen die Ehe ziemlich lax: Gleich zu Beginn beobachtet Maigret zwei von ihnen beim heimlichen Rendezvous in einem Stundenhotel, danach gerät er in eine wahre Walpurgisnacht, und als er am Ende den Mörder schließlich dingfest gemacht hat, der Spuk also vorbei ist, scheint niemand dann den Elsass-Urlaub so nötig zu haben wie er. Aufs Forellenfischen freut er sich sehr. Und seine Frau empfängt ihn am Bahnhof mit Holzschuhen, die sie in Colmar für ihn gekauft hat. Anziehen muss er sie sofort.

Lieblingssatz: „Man sagt, es tut gut, sein Herz zu erleichtern ... Alles Gerede. Es wäre gut, sein Leben von vorn zu beginnen, nochmals ein Säugling in der Wiege zu sein.“

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: Natascha Vlahovic, FAZ.NET

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