Von Tilman Spreckelsen
18. April 2008 Über siebzig Maigret-Romane hat Georges Simenon geschrieben. Jetzt erscheinen sie in revidierter Übersetzung auf deutsch, chronologisch geordnet, ein Roman pro Woche. Maigret-Novize Tilman Spreckelsen liest mit. (Siehe auch: Warum ich jede Woche einen Maigret-Roman lesen werde.)
Ich beneide Sie aufrichtig um Ihren Selbstversuch, schreibt ein freundlicher Leser und fügt noch einen Vorschlag hinzu: Nicht vergessen sollten Sie in Ihrer Kurzzusammenfassung zu erwähnen, was Maigret trinkt! Aber gern!
Die Handlung in einem Satz: Der Vertreter Emile Gallet wird in einem Hotelzimmer in der Provinz ermordet aufgefunden, und am Ende stellt sich heraus, dass an der ersten Hälfte dieses Satzes so gut wie nichts stimmt.
Spielt in: Paris, Saint-Fargeau und Sancerre
Neues über Maigret: Er ist jetzt, am 27. Juni 1930, 45 Jahre alt, und wiegt 100 Kilo, oder, nach einer anderen Textstelle, 210 Pfund. Im ersten Band war er noch muskulös, jetzt ist er korpulent. Er wohnt in Paris, Boulevard Richard Lenoir.
Konsum geistiger Getränke: Moderat. Hin und wieder fällt der Satz Trinken wir einen Aperitif, dann steht bald ein eisgekühltes Bier vor Maigret. Aber bei der zweiten Flasche Sekt, die ihm ein Verdächtiger offeriert, mag er dann schon nicht mehr mithalten.
Die Gier der Kleinbürger
Der erste Maigret war zum Warmwerden, eigentlich beginnt meine Serienlektüre erst jetzt: Der erste Band war so schön reduziert, wie nebenbei erzählt, ganz ohne Prätention, der zweite fällt dagegen ein bisschen ab, und zwar immer da, wo Simenon nicht mehr darstellt, sondern erklärt, was in den Figuren vorgeht. Und bilden sich eigentlich schon irgendwelche Muster heraus?
Der Fels in der Brandung, wie noch im ersten Fall, ist dieser Maigret jedenfalls nicht, er ist ungeduldig und reizbar, das liegt vielleicht am Klima: Während es im ersten Band ständig regnete, wird den Figuren hier die Junihitze zu viel. Und ist das Ende wirklich überraschend? Oder ist die Zeit einfach über einen Plot wie diesen hinweggegangen? Immerhin sind da die Nebenfiguren, Gallets Familie, die Simenon offenbar so wenig mag wie sein Kommissar, die aber in ihrer selbstbewusst getragenen kleinbürgerlichen Gier eigentlich den ganzen Roman tragen. Das - zusammen mit der liebevoll ausgemalten Langeweile der Provinz - bringt einen mühelos über die 200 Seiten.
Lieblingssatz: Ich stelle Ihnen diese Fragen, weil ich gestern erfahren habe, dass Ihr Mann seit achtzehn Jahren nicht mehr für die Firma Niel tätig war.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: Natascha Vlahovic, FAZ.NET, Verlag
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