Maigret-Marathon 12

Das Schattenspiel

Von Tilman Spreckelsen

28. Juni 2008 75 Maigret-Romane hat Georges Simenon geschrieben. Jetzt erscheinen sie in revidierter Übersetzung auf deutsch, chronologisch geordnet, ein Roman pro Woche. Maigret-Novize Tilman Spreckelsen liest mit (siehe auch: Warum ich jede Woche einen Maigret-Roman lesen werde und Maigret-Marathon: die bisherigen Folgen).

Wenn einer tagaus tagein nur durchs Fenster zu schauen braucht, um immer wieder aufs neue zu sehen, was für ein Riesenidiot man doch war - sollte man darüber nicht wahnsinnig werden? Das sagt sich leicht. Aber Simenon zieht das in diesem bedrückenden Roman durch, mit furchtbarer Konsequenz.

Die Handlung in einem Satz: Ein ermordeter Fabrikant hinterläßt drei Witwen: Die Ehefrau, die Ex-Frau und die Geliebte, die nun mit wechselndem Einsatz um's Erbe rangeln.

Spielt in: Paris, hauptsächlich Place des Vosges 61.

Neues über Maigret: Der Kommissar trägt einen Mantel mit Samtkragen. Man konstatiert an ihm einen „zu kurzen Hals“. Und offenbar lautet der Vorname seiner Mutter „Hermance“.

Und Frau Maigret? Ist eine ganz schlechte Kartenspielerin. Wenn ihre Schwester aus dem Elsass zu Besuch nach Paris kommt, bringt sie Mirabellenschnaps und einen geräucherten Schinken mit. Ihr Mann André besitzt eine Ziegelei.

Konsum geistiger Getränke: Maigret wird ein Glas Wermut aufgenötigt. Er durchschaut die Absicht.

Dieser eine blöde Fehler

Der Ermordete? Ein netter Kerl, nach langer Durststrecke zu Geld gekommen, der andere großzügig daran teilhaben lässt. Die anderen aber, die diesen Roman bevölkern, will man nicht unbedingt näher kennen lernen. Da sind die schrecklichen Aristokraten, die es sich leisten können, selbst ungünstiges Beweismaterial rauszurücken, weil sie ja doch jeden Prozess gewinnen. Da sind der lasche Sohn und sein Stiefvater, der ängstliche Beamte, beide im Bann der berechnenden Ex-Frau des Opfers, die sich ein einziges Mal verrechnete, als sie den scheinbaren Versager verließ und nun, da es zu spät ist, täglich dessen Reichtum sehen muss. Reden wir gar nicht von der Concierge.

Und Maigret, der all das Elend in sich aufsaugen muss, um den Fall zu lösen, würde vermutlich irgendwann mit voller Wucht schwere Gegenstände an die Wand werfen, wären da nicht die Abende zuhause mit Schwägerin, Schwager und Gattin, die beim Kartenspiel so entzückend verliert wie niemand sonst: „Auf Maigret wirkte das alles so beruhigend wie ein heißes Bad.“

Lieblingssatz: „Er dachte nicht mehr an Madame Martin, die ein Krankenwagen nach Sainte-Anne brachte, während ihr Mann schluchzend im leeren Treppenhaus zurückblieb.“



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: Natascha Vlahovic, FAZ.NET

 
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