Entrümpelung

Nanamaus und die Frikadellen

Von Christian Schwägerl

Geschmackvoll? Plakat der CMA

Geschmackvoll? Plakat der CMA

01. September 2005 Ob „Nanamaus 18 W“ etwas vom Absatzfondsgesetz weiß, das der Bundestag 1969 beschlossen hat? Mit achtzehn Jahren ist die weibliche Nanamaus vielleicht zu jung dafür und außerdem hat sie nicht die Internetseite www.alleine-kochen-ist-doof.de angesteuert, um zu erfahren, was „Flaschenhalsbetriebe“ sind, sondern um einen Kochpartner zu finden, vielleicht sogar einen „Brät Pitt“.

Denn wie summten doch die beiden jungen Frauen eine Weile lang von jedem zweiten Werbeplakat den männlichen Passanten zu: „Frikadellen sind der Hit - Bist Du unser Brät Pitt?“ Wohin solche Fragen führen sollen, zeigte ein anderes Plakat der „Centralen Marketing-Gesellschaft der deutschen Agrarwirtschaft“, CMA. Darauf hielt sich eine Frau einen Schaschlikspieß an den Mund und fragte den neben ihr stehenden Mann: „Kleine Schweinerei gefällig?“

Einmachen und Anmache

Die CMA, ein privates Unternehmen mit hundertfünfzig Mitarbeitern, versucht mit solchen Kampagnen, sich ein modernes Antlitz zu geben. Früher kam die Marketingorganisation eher deutschtümelnd daher und befand alle Agrarprodukte für gut, solange sie nur auf deutschem Boden herangewachsen waren. Als die EU den Nachweis verlangte, daß „deutsch“ ein Qualitätsmerkmal sei, wurde der Kurs fix gewechselt: Seither geht es sowohl um Einmachen (für „Einmach-Partys“ bietet die CMA spezielle Einladungsvordrucke an) als auch um Anmache (dafür stehen Internetforen bereit).

Nun könnte die CMA plakatieren, drucken und ins Internet stellen, was sie will, würde sie nicht auf staatlicher Stütze ruhen, wie sie typisch ist für den von Lobbygruppen gekidnappten Subventionsstaat: „Der Absatzfonds wurde 1969 nach Verabschiedung des Absatzfondsgesetzes gegründet, um über eine zentrale Absatzförderung die Wettbewerbsfähigkeit und die Erlössituation der deutschen Land- und Ernährungswirtschaft zu verbessern. Der Absatzfonds hat die Aufgabe, den Absatz und die Verwertung von Erzeugnissen der deutschen Land- und Ernährungswirtschaft zentral zu fördern.“

Gesetzlich erzwungene Beiträge

So lautet die offizielle Daseinsberechtigung des Fonds, der das hundert Millionen Euro umfassende Jahresbudget der CMA stellt - durch gesetzlich erzwungene Beiträge. „Die Erhebung der Beiträge erfolgt durch die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung im Molkereibereich zum Teil durch die in den Bundesländern für die Erhebung der Umlage nach dem Milch- und Fettgesetz zuständigen Behörden“, lernen wir weiter, und: „Das Geld wird in sogenannten Flaschenhalsbetrieben erhoben. Darunter versteht man die engste Stelle des Marktes, die ein landwirtschaftlicher Rohstoff auf seinem Weg zum Verbraucher durchläuft. Solche Flaschenhalsbetriebe sind zum Beispiel Schlachthöfe, Molkereien, Eierpackstellen, Zuckerfabriken, Ölmühlen oder Brauereien. Die Beiträge zum Absatzfonds belaufen sich im Durchschnitt auf 0,4 Prozent des Warenwertes. Die Flaschenhalsbetriebe können die Beiträge an den Absatzfonds ihrerseits an die Lieferanten weitergeben.“

Wieder einmal mehr erfahren über unseren entrümpelungsbedürftigen Staat, der nebenbei unfähig ist, die Forschungsausgaben zu erhöhen, weil das Geld den Landwirten versprochen ist? Dann bleibt noch die Frage, wozu es der CMA überhaupt bedarf. Werbung für spezifische Produkte darf sie nicht betreiben, nicht einmal für spezifisch deutsche Produkte. Sie kann Werbung dafür machen, daß die Deutschen grundsätzlich nicht aufhören, Lebensmittel zu konsumieren, weil das dem Landwirt an sich, der als Einzelner nicht die Finanzkraft hat, vor der Tagesschau Werbespots zu schalten, sicher nicht gelegen käme. Doch mit einem kollektiven Hungerstreik ist nicht zu rechnen, eher wird der Durchschnittsdeutsche immer dicker. Auch die Gefahr, daß die Milch als solche aus der Mode kommt oder Schweinefleisch einfach nicht mehr nachgefragt wird, weil alle nur noch Känguruh wollen, geht gegen Null.

Produkt des Kalten Krieges

Der Daseinszweck ist vielmehr der Daseinszweck: Es gibt die CMA nun mal, sie ist im Kalten Krieg entstanden, und weil es sie gibt und weil das so schön funktioniert mit dem Einsammeln der Beiträge durch die Bundesanstalt und die nach Fettgesetz zuständigen Länderbehörden und weil in den Behörden Einsammelbeamte sitzen, die gefragt würden, wenn jemand die CMA abschaffen wollte, gibt es sie.

Die staatliche Gebühreneintreiberei für die CMA abschaffen, den Onlinekochrezepteservice und andere Schweinereien wirklich privaten Anbietern überlassen? Die Chancen dafür, daß diese Entrümpelung klappt, stehen leider nicht besonders gut. Natürlich hat der Absatzfonds einen Verwaltungsrat und natürlich gehören dem die Agrarpolitiker aller Bundestagsfraktionen an und natürlich ist Gerda Hasselfeldt dabei, die Kompetenzfrau der CDU/CSU für das Amt des Landwirtschaftsministers, und natürlich gibt man im Klientelstaat kein Amt auf, das einen mit Lobbyisten, den Subventionsempfängern und Spendenzahlern so eng verbindet. Oder traut sich doch jemand, „Nanamaus 18 W“ lieber eine gute Universität zu finanzieren als die Agrarlobby in ihren vielen Erscheinungsformen? In den Worten der CMA-Milchwerbung sei dem künftigen Agrarminister zugerufen: „It's up to muh!“

Text: F.A.Z., 01.09.2005, Nr. 203 / Seite 35
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb

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