Von Joseph Croitoru
11. November 2004 Die palästinensischen und die israelischen Reaktionen auf den Tod des Palästinenserführers Jassir Arafat könnten kaum gegensätzlicher sein. Sie zeigen auf dramatische Weise, wie groß inzwischen die Kluft zwischen beiden Völkern geworden ist.
Im staatlichen israelischen Rundfunk war gestern wiederholt zu vernehmen, Arafats Tod eröffne endlich eine Chance auf den Frieden. Arafats Bemühen um den Frieden wurde indes totgeschwiegen: Das Bild des ewigen Terroristen gehört zu jenen tendenziösen Botschaften, die die Regierung Scharon mit Hilfe einer bereits erfolgten politischen Flurbereinigung im Rundfunk unters Volk bringen will.
Historische Wende in der Geschichte
Symptomatisch hierfür war nicht nur die Übertragung von Scharons Statement, Arafats Tod könnte eine historische Wende in der Geschichte des Nahen Ostens bewirken; oder auch die Aussage von Justizminister Joseph Lapid, sein Haß auf Arafat habe sich nicht gegen dessen Person gerichtet, sondern gegen den, der aus Terrorismus System machte. Selbst Schimon Peres, Arafats einstiger Gesprächspartner, beteuerte, der Palästinenserführer habe sich geirrt, weil er den Weg des Terrors wählte.
In diesen Stimmenchor reihte sich auch der prominente israelische Schriftsteller A. B Jehoschua ein. Im morgendlichen Talkprogramm des Staatsrundfunks äußerte er, er habe zwar Verständnis für die Trauer der Palästinenser, doch beschrieb er den Palästinenserführer eher als Karikatur: Arafat sei ihm schon immer wie ein hilfloses Kind vorgekommen, das vergebens seine arabischen Brüder zu Hilfe rief. Seine Kindlichkeit habe auch sein äußeres Erscheinungsbild mit der lächerlichen Uniform ausgedrückt.
Ungehäuerliche Äußerungen
Für palästinensische Ohren sind solche Äußerungen eine Ungeheuerlichkeit. Ihren verstorbenen Revolutionsführer und Präsidenten mit dem Kriegsnamen Abu Ammar haben die palästinensischen Medien bereits gestern zum Märtyrer für Jerusalem erhoben. Damit hat sich der Wunsch Arafats, als Märtyrer in die Geschichte einzugehen, erfüllt, und der Kampf um Jerusalem als palästinensische Hauptstadt und um Arafats Beisetzung dort ist offiziell eröffnet.
Allseits spricht man auf palästinensischer Seite von dem großen Symbol, das Arafat für sein Volk war, und davon, daß sein politisches Erbe Bestand haben werde: Wir sind alle aus derselben Schule, sagte der palästinensische Arbeitsminister Ghassan al-Khatib im Hinblick auf eine eventuelle Wiederaufnahme der Friedensverhandlungen mit Israel. Doch wie auf israelischer Seite, so ist Arafats Figur nur wenige Stunden nach seinem Tod bereits zum Gegenstand politischer Instrumentalisierung geworden, etwa in der Äußerung eines Vertreters der radikalislamischen Hamas-Organisation, die Israelis hätten Arafat vergiftet. Ansonsten versuchen die Palästinenser jetzt Einigkeit zu demonstrieren.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.11.2004, Nr. 265 / Seite 36
Bildmaterial: AP