Kindsmörderinnen

Sie schaffen die Hölle, die sie vermeiden wollten

Spielzeug im Garten der getöteten Kinder in Darry

Spielzeug im Garten der getöteten Kinder in Darry

07. Dezember 2007 Wieder zwei schreckliche Fälle von Kindsmord. Was geht in Müttern vor, die ihre eigenen Kinder töten? Karl Kreutzberg, forensischer Psychiater, erklärt den Wahn, der zum Unerklärlichen führt.

Herr Kreutzberg, warum töten Mütter ihre Kinder?

Meine Erfahrungen im Umgang mit Müttern, die ihre Kinder getötet haben, zeigen, dass es niemals das einfache Überschreiten einer Hemmschwelle ist, sondern die Mütter psychisch schwer erkrankt sind. Nur eine Entfremdung vom Kind, eine tiefgreifende psychische Störung also, ermöglicht es überhaupt, die enge Bindung zum Kind aufzugeben und es zu töten.

Es gibt also zunächst eine biologische Bindung zwischen Mutter und Kind, die gesprengt werden muss?

“Der Mutter erscheint die Tat innerhalb ihres Wannsinns als sinnvoll“: Karl Kreutzberg

"Der Mutter erscheint die Tat innerhalb ihres Wannsinns als sinnvoll": Karl Kreutzberg

Richtig. Oxytocin heißt das Hormon, das die Bindungsfähigkeit der Mutter zu ihrem Kind bewirkt. Beim ersten Stillen nach der Geburt wird dieses Hormon bei Frauen vermehrt ausgeschüttet, so dass auf natürliche Weise eine große Bindung aufgebaut wird. Ja, man könnte fast sagen: eine Bindungssucht, die zugleich die Hemmschwelle gegen die Kindstötung aufbaut. Bei Frauen, die ihre Schwangerschaft dissoziativ erleben, also von sich abgespalten und das Kind als Fremdkörper wahrnehmen, fehlt diese Bindung und dann kann eine Dynamik entstehen, die zu Tötung führt. Diese Frauen bringen ihre Säuglinge meist wenige Stunden oder Tage nach der Geburt um.

Ist das eine ausgeprägte Form der postnatalen Depression, die ja durchaus verbreitet ist?

Das ist eine Möglichkeit. Das Leben der Depressiven ist für sie unerträglich geworden. Sie wünscht sich den Tod und will auch ihr Kind vor der schrecklichen Zukunft erlösen. Der Mutter erscheint die Tat innerhalb ihres Wahnsinns als absolut sinnvoll, normal und gerechtfertigt. Es gibt aber auch traumatisierte Frauen, die eine Schwangerschaft nicht wahrhaben wollen, weil sie diese als größte Katastrophe ansehen. Davor schützt sich die Psyche, indem sie die Frau die Schwangerschaft gar nicht erst wahrnehmen lässt. Die Geburt ist quasi der Moment der Wahrheit, in dem dann das ganze Wahngebäude implodiert. Dabei kann es dann zu solchen Verzweiflungstaten kommen.

Man kann kaum begreifen, dass eine Frau ihre Schwangerschaft nicht bemerkt.

Das stimmt. Früher nannte man das Hysterie. Davon ist man abgekommen. Jetzt spricht man von dissoziativen Zuständen. Da werden wie in einer Autosuggestion von der Psyche ganz eigene Realitäten aufgebaut, Wolkenkuckucksheime, die eben vorgaukeln, eine Schwangerschaft sei nicht vorhanden.

Was stellen Sie fest, wenn Sie Frauen begutachten, die ihre Kinder getötet haben?

Die Diagnose beschäftigt sich meistens mit der traumatisierenden Sozialisation der Frauen, die sich dann als Persönlichkeitsstörung manifestiert. Anhand der biografischen Analyse versuchen wir, das Unfassbare in wissenschaftliche Begriffe zu bringen. Häufig findet eine eingeschränkte Steuerungsfähigkeit zum Zeitpunkt des traumatisierenden Ereignis statt, der Geburt also, die dann meist verborgen, in abgelegenen Winkeln, geschieht. Von der Geburt überfallen, kann es unter der enormen emotionalen und körperlichen Belastung zur Tötung kommen. Dabei handelt es sich um ein Verbrechen, ein Verbrechen aber, das nicht als solches bestraft werden kann, weil zur Tatzeit eine psychische Erkrankung vorlag.

Wenn nun eine Mutter ihre fünf Kinder im Alter von drei bis neun Jahren tötet, indem sie diese erst betäubt und dann erstickt, dann muss ihr dies doch bewusst gewesen sein. Oder wie kann man so zielorientiert handeln, wenn man zugleich ganze Bewusstseinsströme ausschaltet?

Hier liegt eine psychische Erkrankung vor, die zu der Tat motiviert. Wir sprechen vom rationalen Handeln innerhalb eines irrationalen, weil wahnhaft bestimmten Rahmens. Von außen betrachtet erscheint die Handlung völlig wahnsinnig - das ist sie ja auch. Das Wahnhafte daran ist aber schon die Motivation. Das können zum Beispiel depressive Verarmungs- oder Verschuldungsängste sein: Die Kinder haben keine Zukunft, denken diese Frauen. Das Leben sei zu Ende, weil sie ihre soziale Situation nicht in den Griff bekommen. Die Dinge wachsen ihnen über den Kopf, die Männer haben sie verlassen. In der depressiven Einengung ins Katastrophische glauben sie, ihre Kinder davor bewahren zu müssen. Meist beginnt die Tat als erweiterter Selbstmordversuch. Erst wollen sie ihre Kinder umbringen und dann sich selbst. Wenn sich der aggressive Affekt im Tötungsakt der Kinder abgearbeitet hat, verbleibt oft nicht mehr die Kraft, Hand an sich selbst zu legen. Über das Leben dieser überlebenden Mütter dürfen wir uns indes keine Illusionen machen: Es ist die Hölle, die sie sich im Wahn vorgestellt haben.

Sie führen herbei, was sie durch die Tat beenden wollten?

Genau. Das ist das Entsetzliche daran, dass sie konstruieren, was sie vermeiden wollten. Entweder im depressiven Wahn oder durch endzeitartige Vorstellungen, wo Weltuntergang droht oder die Übernahme der Herrschaft durch finstere Mächte. All das wird realitätsnah und handlungsleitend erlebt, was dann auch die Kräfte für die Tat verleiht. Zuvor kam es zu einem sadomasochistischen Regelkreis, der dazu führte, sich immer mehr vom Kind zu entfremden und es zu objektivieren. Erst wird die Bindung schrittweise abgebaut, dann aus dem Gedächtnis gestrichen und dann tötet man es.

Als vor einiger Zeit ein Kind verhungerte, stellte sich heraus, dass die Eltern nicht in verwahrlosten Verhältnissen lebten, sondern in einer aufgeräumten Wohnung. Kommt es auch zu Kindstötungen, wenn das Kind den Lebensentwurf der Eltern stört?

Auch hier muss man von einem schwer gestörten Eltern-Kind-Verhältnis ausgehen. Oft genug enden Körperverletzungen auch deshalb tödlich, weil der Täter den Zeugen des Übergriffs, der zugleich Opfer ist, beseitigen möchte. In ganz entsetzlichen Fällen erleben wir, dass sogar Vorkehrungen getroffen werden, um Augenzeugen zu entfernen, indem etwa dem toten Opfer die Augen ausgestochen werden. Es entspricht kindlicher Logik, zu glauben, wenn man den Zeugen beseitigt, könne man auch die Tat ungeschehen machen. Anschließend sorgt die Psyche dafür, dass das Gedächtnis aktiv ausgeschaltet wird. Das sind die psychogenen Amnesien, psychogene Erinnerungslücken, mit denen sich die Strafkammern herumschlagen müssen, um herauszufinden, ob der Täter sich wirklich nicht erinnert oder sich nicht erinnern will, oder ob er sich nicht erinnert, weil er sich die Tat nicht eingestehen kann.

Immer wieder erklären Nachbarn nach solchen Verbrechen, sie hätten nichts bemerkt. Deuten sich diese Wahnsinnstaten, wenn sie solch psychotische Vorgeschichten haben, nicht an?

Jein. Ich kann Ihnen aus jahrzehntelanger Erfahrung sagen, dass der Wahnsinn auch hinter ganz normalen Haustüren haust. Da merken Sie nichts davon. Es gibt Akademikerfamilien, in denen Kinder gezwungen werden, ihr Erbrochenes zu essen. Und da hat niemand etwas bemerkt oder geahnt, nicht in der Schule, nicht in der Nachbarschaft. Die Abgründe finden in unserer Realität statt, nicht nur im Theater. Aber freilich trägt die Isolation von Menschen dazu bei, dass man psychisches Leid übersieht.

Wie muss man sich das vorstellen, wenn Sie Frauen begutachten, die ihre Kinder getötet haben?

Es ist ein kritischer Zeitpunkt, wenn wir auf die Patientinnen treffen. Die Verhandlung steht bevor, es wird ein Urteil geben. Wir wägen ab, wie viel Offenheit wir verlangen können, ohne die Patientin zu gefährden. Selbstmord ist zu diesem Zeitpunkt eine große Gefahr. Wir versuchen, ein Verstehen der Situation zu ermöglichen und das Überleben der Täter.

Haben Verbrechen an Kindern zugenommen oder ist man heute sensibilisiert?

Als ich in den Siebzigern studierte, hieß es an der medizinischen Fakultät: Jeden Tag wird ein Kind totgeschlagen. Aber damals hat das niemanden interessiert. Es ist wohl die gewachsene Medienpräsenz, die uns diese Fälle heute immer wieder ins Bewusstsein bringt.

Wie ist Ihre Prognose für die Mutter, die ihre fünf Kinder umgebracht hat?

Sie wird nicht ihr Leben lang in der Psychiatrie bleiben müssen, wenn ihre Krankheit zum Stillstand gebracht werden kann. Sie wird vermutlich vor Gericht gestellt, dann aber wohl nicht verurteilt werden, weil sie schuldunfähig ist, sondern in den Maßregelvollzug eingewiesen, die Psychiatrie für Straftäter. Wenn hier der Gefährlichkeit genügend entgegengearbeitet ist, wird sie entlassen werden. Die schwierigste therapeutische Klippe bei ihr wird aber vermutlich sein, sie davon abzuhalten, sich umzubringen.

Das Gespräch führte Sandra Kegel.

Text: F.A.Z., 07.12.2007, Nr. 285 / Seite 44
Bildmaterial: ddp, Kay Herschelmann

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