Von Claudia Hangen
05. Februar 2008 Bei der Preisverleihung in Oslo war Natalia Nowoshilowa überrascht. Obgleich sie schon einige Auszeichnungen erhalten hat, darunter den in Russland angesehenen Artem-Borovik-Preis für Ehre, Mut und Meisterarbeit, glaubte sie bis zur Verleihung des Gerd Bucerius-Förderpreises, andere hätten ihn eher verdient.
Journalisten, die über Fremdenfeindlichkeit und Nationalismus schreiben, seien in Russland selten und alle wert, ausgezeichnet zu werden. Nicht nur in ihrem Fall wähle der Chefredakteur lieber Stücke aus, die für ihn und die Redaktion unverfänglich seien. Ein falsches Wort gegen die Machthaber, und es gibt keine Anzeigen mehr.
Angst vor Macht und Mafia
Mein Redakteur will keine Konflikte mit der Macht und mit der Mafia. Und so handeln heute alle Redakteure. Aus diesem Grund haben viele meiner Kollegen diesen Job aufgegeben. Sie arbeiten jetzt in Pressestellen der Unternehmen oder staatlichen wie städtischen Einrichtungen. Und sie hoffen - vergleichbar den Bären, die den Winter in Höhlen verbringen -, die Zeiten der Unfreiheit zu überstehen. Doch wer einmal den Weg des Konformismus wählt, kann ihn nicht mehr verlassen, sagt Natalia Nowoshilowa.
Kollegen nennen sie die Politkowskaja aus Wladimir. Das ist ein gutgemeinter Vergleich, der ihr jedoch nicht behagt. Die ermordete Publizistin Anna Politkowskaja habe unvergleichliche Arbeit geleistet, meint sie. Doch schaut man sich an, wie Natalia Nowoshilowa arbeitet, scheint der Vergleich nicht hergeholt. Sie hört auf ihr Gewissen, schreibt und gerät deshalb in Gefahr, die gegen sie gerichteten Drohungen schiebt sie beiseite.
Sie sind doch alle feige
Ich denke nicht an die Risiken, sagt Natalia Nowoshilowa. Was passieren soll, soll passieren. Ich will, dass nicht wir vor Rassisten Angst haben, sondern sie vor uns. Sie sind doch alle feige. Sie überfallen einen in einer Gruppe und mit Waffen.
Russland bietet dagegen kaum Schutz. Wer sich offen gegen Nationalismus und Ausländerfeindlichkeit wendet, kann auf staatliche Unterstützung nicht hoffen. Gerichte, Polizei und Politik bezeichnen das Problem häufig als Rowdytum oder unterstützen rechtsextreme Organisationen sogar.
Durch die Tür hindurch erschossen
Die Journalistin Galina Tus aus der südrussischen Stadt Stawropol etwa musste für einige Jahre außer Landes, weil sie ein Buch über faschistische Umtriebe in der Provinz verfasst hatte und Morddrohungen erhielt. Der Menschenrechtsaktivist Nikolai Michailowitsch Girenko aus Sankt Petersburg sorgte als Gutachter vor Gericht dafür, ethnisch motivierte Gewalttaten von gewöhnlichen Delikten zu unterscheiden.
Seine Gutachten trugen dazu bei, dass die Mörder des aserbaidschanischen Melonenhändlers Mamed Mamedow vor Gericht kamen. Girenko sagte in Prozessen gegen Rechtsextremisten aus. Im Juni 2004 wurde er durch seine Wohnungstür hindurch erschossen.
Kriege haben den Ausländerhass verstärkt
Rassenhass und Ultranationalismus sind mit dem Zerfall der Sowjetunion sichtbar geworden, mit der Entstehung der freien Republiken haben sie sich weiter ausgebreitet, sagt Natalia Nowoshilowa. Der Tschetschenien-Krieg habe den Hass gegenüber Menschen im Kaukasus und allen, die nicht ,weiß' sind, verstärkt.
Über Anschläge auf Synagogen und Menschenrechtsaktivisten berichten auch unabhängige Menschenrechtsorganisationen in Moskau. Sie kritisieren die Brutalität national-radikaler Gruppen und Skinheads in beinahe jeder russischen Großstadt. In Wladimir, einer Stadt mit rund 350.000 Einwohnern, etwa 190 Kilometer östlich von Moskau gelegen, beobachtet Natalia Nowoshilowa die radikalen Nationalisten, die durch die Straßen marschieren. Täglich liest sie die Statistiken über schwere Körperverletzungen und Morde an Ausländern oder Menschen, die sich äußerlich von typischen Einwohnern unterscheiden.
Bisherige Gerichtsverfahren endeten für Nowoshilowa mit Freispruch
Seit 1994 prangert die Journalistin in der lokalen Tageszeitung Prisyw (7000 Exemplare) und in den letzten Jahren für die Zeitung Tomiks (12.000 Exemplare) den organisierten und diffusen russischen Nationalismus an. 1994 schleuste sie sich inkognito in eine Zelle der Russischen Nationalen Einheit, um über die Organisation zu berichten. Später wandte sie sich insbesondere gegen Igor Artjomow, einen rechtsextremen Abgeordneten im Parlament der Region Wladimir.
Artjomov sei einer der Drahtzieher des blutigen Angriffs auf die Homosexuellenparade in Moskau Anfang 2007 gewesen. Mehrere Gerichtsverfahren, die er und andere Rechtsextreme aus Wladimir gegen Natalia Nowoshilowa angestrengt haben, endeten mit einem Freispruch. Jedoch könne sie, sagt Natalia Nowoshilowa, in der Zeitung Tomiks wegen des Drucks des Abgeordneten Artjomow über ihn nicht mehr schreiben.
Ihre Texte verteilt sie nun auf Handzetteln
Sie darf zwar noch den Gouverneur von Wladimir kritisieren, nicht aber den Bürgermeister oder die Beamten der Stadt. Sonst könnte sie hinter Gittern landen, denn die Kritik an den Beamten kann als Delikt wider die Sicherheit des Staates verfolgt werden. Inzwischen druckt Natalia Nowoshilowa ihre Artikel auf Handzettel und verteilt sie an die Passanten auf der Straße, etwa als sie gegen einen Faschisten protestierte, der ins Parlament gewählt werden wollte. Ich fürchte, dass es nicht mehr lange dauert, bis ich meine Flugblätter nachts auf Wände und Mauern kleben muss wie eine illegale Partisanin, sagt sie.
An der Universität von Wladimir habe sie sich gegen die Diskriminierung afrikanischer Studenten engagiert. Diese seien vielfachen Erniedrigungen ausgesetzt und würden von den zahlreicher werdenden Skinheads verfolgt. 2001 habe sie durch eine öffentliche Aktion die Reimmatrikulation mehrerer Studenten erreicht, die wegen ihrer Hautfarbe von der Universität verwiesen worden waren. Als langfristiges Resultat dieser Kampagne entstand eine Gruppe von Jugendlichen, die sich inzwischen landesweit in einem Menschenrechtsnetzwerk engagieren.
Die Familie wird bedroht
Die negative Konsequenz war, dass der Rektor der Universität ihrem Vater den Arbeitsvertrag kündigte, woraufhin dieser einen Herzinfarkt erlitt. Und als ihr Sohn ein eigenes Unternehmen gründen wollte, gestand man ihm in Wladimir keinen Mietraum zu.
Um ihre Familie vor weiteren Repressalien zu schützen, lebt Natalia Nowoshilowa inzwischen allein, mit einem kargen Monatseinkommen von 120 Euro, von dem sie nicht einmal die kaputten Fenster ihrer Wohnung reparieren lassen kann. Sie hat weder einen Schreibtisch noch eine Schreibmaschine, geschweige denn einen Computer. Die äußere Bedrängung nimmt täglich zu, nur innerlich, sagt Natalia Nowoshilowa, fühle sie sich noch frei.
Text: F.A.Z., 05.02.2008, Nr. 30 / Seite 38
Bildmaterial: Claudia Hangen, dpa
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