Informationsflut

Eltern beraten Eltern: Der Babybücherboom

Von Jörg Thomann

19. April 2006 Wir haben uns ein Buch über Baby-Massagen gekauft. Baby-Massagen, hatten wir gelesen, sind für das Neugeborene das Schönste überhaupt, sie sind immens wichtig für seine seelisch-geistige Entwicklung, und auch für den massierenden Elternteil gibt es kaum eine bessere Möglichkeit, sich mit dem Kleinen inniglich ver-bunden zu fühlen. Das Buch hat 96 Seiten und ein herausnehmbares Poster, das wir über die Wickelkommode gehängt haben.

Bei jedem Windelwechsel sehen wir nun die Fotos eines strahlenden Babys, das die verschiedensten Massagetechniken genießt, und können, wenn gerade Zeit ist, dieselben bei unserer Tochter anwenden. Leider ist meist gerade keine Zeit. Bei ein, zwei halbherzigen Massageversuchen ist es geblieben, gestrahlt hat die Kleine dabei nicht, und das Poster über der Kommode, das eigentlich als Vorlage gedacht war, ist mit der Zeit zu einem Mahnmal geworden, zu einer Anklage. Schaut, ruft uns das strahlende Baby auf den Bildern entgegen, was für Glücksmomente ihr eurer Tochter vorenthaltet.

Die Ratgeberliteratur füllt Regalmeter

Versagensängste kennen alle Eltern. Nirgends aber spürt man sie so stark wie beim Besuch einer ganz gewöhnlichen Großbuchhandlung. Wer nicht schon längst weiß, welch gewaltige Aufgabe es ist, ein Kind großzuziehen, der ahnt es beim Anblick eines meterlangen Regals voller Ratgeberliteratur, das nicht nur ein Dutzend Anleitungen zur Baby-Massage enthält, sondern auch etliche weitere Fachbücher, die unser Elterntum veredeln wollen. Wir haben die Wahl zwischen „Kinder gezielt fördern“ oder „Babys spielerisch fördern“, dürfen „Die 10 Gebote der Erziehung“ lernen oder auch „Die Kunst der Elternliebe“, weil es sich dabei offensichtlich um nichts Naturgegebenes handelt.

Ganz Ambitionierte unterziehen sich mit dem Werk „Der Eltern-Führerschein“ einem strengen Selbsttest und studieren, wie die „Basis-Arbeit für ein gutes Familienklima“ aussieht. Denn davor, was alles schiefgehen kann, warnen weitere Buchtitel: „Wenn Kinder nicht hören wollen“, „Wenn Kinder trotzen“, „Wenn Kinder schwierig sind“, „Wenn Kinder immer alles haben wollen“. Nicht zu vergessen ein Stoßseufzer ältester Schule: „Wie werden Kinder heute wieder tugendsam?“

Je weniger Kinder, umso mehr Elternratgeber

Die Ratgeberbranche spottet der Demographie. Je weniger Kinder die Deutschen bekommen, desto ungehemmter vermehren sich diese Bücher. Sie haben mit den Eltern leichtes Spiel. Viele derjenigen, die, wie es heute nicht unüblich ist, im stolzen Alter von Anfang, Mitte Dreißig ein Kind bekommen, haben zuvor nicht eine einzige Windel gewechselt oder einen Brei zubereitet, da es keine kleinen Geschwister, Nichten oder Neffen zum Üben gab. Und die wenigen Großfamilien, die es heute noch gibt, hat das Schicksal, das zumeist Arbeitsmarkt heißt, oft weit im Land verstreut; die Großmutter, die einst nicht nur mit Rat, sondern auch tatkräftig zur Stelle war, ist vielfach zum Telefonnotdienst degradiert worden. Und ist als solcher auch nur eingeschränkt verläßlich, hat sie doch ihr Kind, wie vor dreißig Jahren üblich, auf dem Bauch gebettet, anstatt, wie uns die moderne Medizin beschwört, auf dem Rücken.

Statt aus dem Erfahrungsschatz älterer Generationen schöpfen wir aus einem heftig sprudelnden Quell ständig aktualisierter Informationen; Google erzählt uns in Sekundenschnelle mehr über den Magen-Darm-Virus unseres Kindes als der Hausarzt nach mehrstündiger Wartezeit. Die Ängste freilich nimmt uns das nicht.

Die Frau vom Fach fordert: Naivität

Familienministerin Ursula von der Leyen, die gern angefeindet wird, weil sie trotz einer Schar von sieben Kindern nie müde aussieht und stets freundlich lächelt, hat unlängst einen bemerkenswerten Satz gesagt: In anderen Ländern sei man schon mit Dreiundzwanzig mit dem Studium fertig, in einem Alter also, in dem man „noch viel risikofreudiger, auch naiver“ sei und folglich „eher bereit, Kinder in die Welt zu setzen“. Wo viele Dreißigjährige an ihrer für die Elternschaft nötigen Reife zweifeln, fordert die Frau vom Fach: Naivität. Damit kommt sie bei uns zu spät. Wir wissen schließlich um die ungewisse Zukunft unserer Kinder in einem Land, dessen Sozialsysteme das Verfallsdatum überschritten haben, in dem der Kampf um die verbleibenden Ressourcen immer härter wird und ein jeder sehen muß, wo er bleibt - und das darf auf keinen Fall sein: unten.

Also greifen wir zu Ratgeberbüchern. Oder wir suchen Hilfe in den Foren von Internetportalen wie „Eltern.de“ oder „Rund-ums-Baby.de“, die rund dreimal so oft besucht werden wie der dazugehörige redaktionelle Teil und wo es eigene Diskussionsrunden zur korrekten Anwendung von Tragetüchern gibt. Wir setzen unser Kind schon vor seiner Geburt auf die Wartelisten der besten Kitas, nur um beim Infoabend auf eine Mutter zu treffen, die ihren Einjährigen soeben auf einer privaten Grundschule angemeldet hat. Nicht unwahrscheinlich ja, daß es das einzige Kind bliebe, und da darf man nun mal keinen Fehler riskieren.

Der Stoff, aus dem die Kolumnen sind

Und wir suchen nach Vorbildern. Solche finden wir zuallerletzt in der „Super-Nanny“ von RTL, die mit der Verve eines George W. Bush dort einschreitet, wo ein angeschlagenes Elternregime sich im Kleinkrieg mit radikalen Kindsrebellen aufreibt - und wo die Verhältnisse, sobald die Kameratrupps wieder abgezogen sind, in etwa so stabil sein dürften wie die im Irak 2006; daß die Geburtenrate hierzulande seit dem Start dieser Sendung noch einmal drastisch gesunken ist, kann kein Zufall sein. Doch auch außerhalb des kommerziellen Menschenzoos wird Elternschaft gern öffentlich ausgelebt. In einer Vielzahl von Zeitungskolumnen, die anschließend gebunden in den Ratgeberregalen landen, schreiben Journalisten an ihrer ganz persönlichen Familiensaga: Hedonistische Karrieremenschen, die ihre Reinkarnation als Elterntier bestaunen, jeden Spruch ihrer Sprößlinge glossieren und auch die Pipi-Kaka-Details nicht aussparen.

Als „Schreibtischväter“ verspottet Wiglaf Droste jene Spezies und läßt dabei die Mütter außer acht wie Amelie Fried, die uns an Wachstum und Gedeih ihrer „Störenfrieds“ teilhaben läßt. Und selbst die bis dato einzige Schauspielerin, die in der ansonsten kinderfreien Seifenoper „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ (und auch im wirklichen Leben) ein Baby bekam, schrieb sogleich ein Buch darüber, dem sie - sehr kühn angesichts der demographischen Entwicklung - den Titel „Generation Mami“ gab. Auch wer den Kinderschuhen entwächst, wird nicht aus der Beobachtung entlassen. Dann erzählt Papa eben Schnurren vom „Pubertisten“. Und bei „Focus Schule Online“ plaudert die ZDF-Fernsehgärtnerin Andrea Kiewel über die wechselnden Damenbekanntschaften ihres neunzehnjährigen Sohnes.

Elternsein kann manchmal so einfach sein

Die Blüte dieses Genres - sogar die „taz“ hat über mehrere Jahre die Kolumne eines Familienvaters gedruckt - ist so verblüffend wie symptomatisch, sie wäre in früheren Jahrzehnten undenkbar gewesen. Damals bekam man zwei, drei oder mehr Kinder, ohne großes Aufhebens darum zu machen, es war schließlich der Normalfall. Wer hingegen heute auch nur ein Kind bekommt, der tritt ein in eine Lebenswirklichkeit, die mit jener seiner meisten Bekannten und mit der eigenen, vergangenen kaum mehr etwas gemein hat. Dementsprechend wirken die Elternkolumnen wie Abenteuerberichte aus einer exotisch anmutenden Welt. Moderne Heldengeschichten, laut Selbstbeschreibung verfaßt von einem „kampferprobten Vater“ oder einer Frau, die bei ihrer „Metamorphose zur Mutter“ - Gott sei Dank - „immer sich selbst treu geblieben ist“.

Solche Selbstüberhöhung mag man belächeln; andererseits ist es vielleicht nicht das schlechteste Heilmittel für eine kinderfeindliche Gesellschaft, wenn man Vätern und Müttern einen gewissen Heldenstatus zugesteht. Zumal es sich, wie die Lektüre beweist, selten um strahlende, sondern um oft strauchelnde, komische und auch mal leicht tragische Helden handelt, die dem eigenen Idealbild nie gerecht werden können. Mit dieser Erkenntnis lebt es sich leichter; wenn sie allgemein akzeptiert wird, mag vielleicht auch die weitverbreitete Scheu vor dem Wagnis Familie schwinden. Perfektion wird uns schon in zu vielen Bereichen abverlangt, als daß wir die unbeschreiblichen Freuden von Mutter- und Vaterschaft unseren Versagensängsten opfern dürften.

Als unsere Tochter älter wurde und sich auf dem Wickeltisch munter zu drehen begann, erblickte sie eines Tages auch das Massage-Plakat, das sie fortan bei jedem Windelwechsel fasziniert anstarrte - was unsere Gewissensqual nur noch verschärfte. Wir sahen uns gezwungen, zu handeln - und haben das Poster entfernt. Erstaunlich, daß Elternsein manchmal so einfach sein kann.



Text: F.A.Z., 19.04.2006, Nr. 91 / Seite 35
Bildmaterial: Buena Vista/Cinetext

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