Von Richard Kämmerlings
13. März 2008 Wir sind hier zu Ihrer Sicherheit, sagt der Beamte der Spezialeinsatzkräfte mit der umgehängten Maschinenpistole. Gleich da vorne ist es passiert. Spaziert man nach der Eröffnung der Leipziger Buchmesse im Gewandhaus durch die derart schwerbewachte Innenstadt, dann hat man das Gefühl, aus der Sphäre großer Worte und Ideale in die europäische Wirklichkeit des Jahres 2008 zurückzukehren.
Denn Leipzig kennt momentan nur ein Thema: den Disko-Krieg, wie die Regionalzeitungen ihn nennen, bei dem sich am vergangenen Wochenende auf der Kneipenmeile in unmittelbarer Nähe der Thomaskirche bewaffnete Banden eine brutale Straßenschlacht lieferten. Private Security-Firmen gegen libanesische Mafia, Türsteher gegen Drogenhändler - die genauen Frontverläufe sind noch unklar. Jedenfalls wurde ein Unbeteiligter, der draußen vor einem Club eine Zigarette rauchen wollte, erschossen. Nun wirkt die Buchstadt an manchen Orten des Abends wie im Kriegszustand. Statt Leipzig liest nun Leipzig schießt?
Wo bleibt die friedensschaffende Macht der Kultur?
Die Welt des Buches ist eine heile Welt. Als zu den Klängen von Bachs Gloria aus Cum sancto spiritu und der Fuge Es-Dur die Buchmesse eröffnet wurde, konnte man wieder einmal für einen Moment an die friedenschaffende Macht der Kultur glauben. In seiner von kosmopolitischem Pathos nicht freien Dankesrede für den Buchpreis zur Europäischen Verständigung umriss der niederländische Publizist Geert Mak unsere Herausforderung durch das Phänomen der Virtualität; doch auch die Veranstaltung selbst hatte etwas Unwirkliches.
Die Messeeröffnung ist traditionell immer auch die ergriffene Selbstfeier eines aufgeklärten, liberalen Bildungsbürgertums, dem Sprache, Literatur und Bücher vor allem Mittel der Völkerverständigung sind, Konflikte dagegen immer nur als eine Art von höheren Übersetzungsproblemen gelten. Mak wies darauf hin, dass Sprache auch trennen kann.
Buch und Internet vereint
Erst durch das, was der englische Ausdruck Literacy beschreibe, werde der Mensch zum Menschen, erklärte dagegen mit ungebrochenem Idealismus der Chef des Börsenvereins, Gottfried Honnefelder, in seiner Begrüßung und nannte die Beförderung derselben die zentrale Aufgabe auch des Buchhandels, der selbst Teil dieser Literacy bleiben müsse. Zugleich gab er die sehr erfreulichen ökonomischen Daten der Branche bekannt: Eine Umsatzsteigerung von 3,9 Prozent für 2007 (bei allerdings leicht rückläufigen Belletristik-Verkäufen) deutet darauf hin, dass der Buchhandel nach schwierigen Jahren eine Trendwende geschafft hat.
Um die Bedeutung des Buches auch in Zukunft zu sichern, fällt jedoch neuen Medien wie dem Internet eine entscheidende Rolle zu. Der sächsische Ministerpräsident Georg Milbradt zeigte sich fasziniert von der aktuellen Debatte um Jonathan Littells Roman Die Wohlgesinnten, die durch den Reading Room dieser Zeitung von einem Gespräch unter Experten zu einer öffentlichen Angelegenheit geworden sei: Das Buch schlägt ein ganzes Land in seinen Bann, die Befürworter wie die Kritiker. Über nichts wird im Kulturbetrieb leidenschaftlicher gestritten als über Bücher. Ein größeres Kompliment kann man dem Kulturgut Buch gar nicht machen. Das sei eine große Chance für den gesamten Buchmarkt: Literatur wird durch diesen Reading Room noch lebendiger. Hier diskutieren Bücherleser miteinander, die sich ohne das Internet nie ausgetauscht hätten. Wer würde da noch behaupten wollen, dass die Papierkultur tot ist? (Siehe auch: Eröffnungsrede zur Leipziger Buchmesse: Internetforen sind große Chance)
Literacy und Security
Auch das große europäische Palaver, für das Geert Mak laut seinem Laudator Johannes Willms in seinem Werk plädiert, ohne mit der Utopie einer gesamteuropäischen Identität zu blenden, werde durch das Internet eine neue Dimension erreichen. Mak selbst schien sich schon eine Stufe weiter zu befinden und beschwor in einem globalen Horizont die Chancen wie die Gefahren der neuen virtuellen Sphäre.
Ein Wort, das man im Auge behalten sollte, ist Sicherheit, vielleicht ebenfalls in seiner englischen Version. Nicht genug, dass hier in diesen Tagen alle über Security-Firmen und arabische Mafia reden. Am Wochenende findet eine Demonstration der NPD statt, Oberbürgermeister Jung sprach schon von einer Heimsuchung: Diese Partei gehört nicht in diese Stadt. Die Buchmesse wird in diesem Jahr keine Insel der Seligen im Meer der Illiteraten sein. Deutlicher als sonst sind Konfliktlinien sichtbar, nicht virtuell, sondern ganz real, mit Schutzhelmen und Maschinenpistolen. Literacy und Security - zwischen diesen Polen leben wir heute, nicht nur in Leipzig.
Text: F.A.Z., 14.03.2008, Nr. 63 / Seite 41
Bildmaterial: AP, dpa
