Kinderfeinde

Nicht vor meinem Haus

Von Martina Lenzen-Schulte

04. Januar 2006 Wenn Deutschland immer wieder zu einem der kinderfeindlichsten Länder Europas ausgerufen wird, so möchte niemand diesen Begriff in dem Sinne wörtlich nehmen, daß die Deutschen ein Volk von Kinderfeinden wären. Nein, es handele sich nicht um das Empfinden von einzelnen, erklärt die Familienwissenschaftlerin Uta Meier von der Justus-Liebig-Universität in Gießen. Vielmehr verweise die Formel auf eine „strukturelle Rücksichtslosigkeit“, die diejenigen benachteilige, die sich für ein Leben mit Kindern entschieden.

Dennoch sind sie auf der Welt, jene tatsächlich kinderfeindlich empfindenden Menschen, die immer öfter laut und vernehmlich ihre Ansichten über die im besten Fall noch als störend empfundenen Bälger in ihrer Umgebung kundtun. So beispielsweise einer der Mitautoren des amerikanischen Blogs „childfreeghetto“, der es begrüßen würde, wenn endlich eine Art akustischer Kinderschreck in Serienproduktion ginge.

Ultraschall gegen die Jüngsten

Das von ihm empfohlene Gerät, Mosquito genannt, gibt Ultraschallfrequenzen von sich, die nur für junge Ohren extrem unangenehm und sogar schmerzhaft sind. Es läßt das bereits für diesen Frequenzbereich abgestumpfte Erwachsenengehör jedoch unbehelligt. Vielleicht regen solche Vorschläge findige Geschäftsleute zu noch wirkungsvolleren Kinderfallen an, chemische Cordons für Grundstücke zum Beispiel, die als unsichtbare Grenzpfosten nur die Jüngsten umnebelt niedersinken lassen. Oder surrealistisch überdimensionierte Kinderklebestreifen, an denen sie hängen bleiben wie früher die Fliegen über dem Küchenherd.

Nicht nur unter der Adresse „childfreeghetto“ verbirgt sich ein sicheres Refugium für jene, die endlich einmal hemmungslos darüber herziehen wollen, wie satt sie es haben, daß es überall um sie herum nur um Kinder geht. Vieles klingt vergleichsweise harmlos. Man klagt zum Beispiel fundamentale Menschenrechte ein wie das, im Restaurant ungestört sein zu dürfen, ohne als Kinderfeind beschimpft zu werden. Dort darf man Mütter mit vielen Kindern ungestraft „Kuh“ nennen und sich über widerliche Eltern empören, wobei man zugleich resigniert zugibt, daß die doch mit ihrer Brut die Zukunft garantieren sollen.

Soziale Foren für Kinderlose

Einer der ältesten und zahlenmäßig erfolgreichsten Zusammenschlüsse ist „nokidding“, der aus einem bereits 1984 erfolgreich im kanadischen Vancouver gegründeten Club für Kinderlose hervorgegangen ist und seit den neunziger Jahren auch mit nokidding.net eine der international meistverbreiteten Internetplattformen besitzt. Wenngleich ausdrücklich betont wird, daß es durchaus Mitglieder gebe, die nichts gegen Kinder hätten, will man doch - so der Gründer in aller Offenheit - beim Telefonieren nicht ständig von Kindern unterbrochen werden, sich spontan und nicht erst, wenn der Babysitter gefunden sei, verabreden können und nicht endlose Gespräche über triefende Nasen und verfärbten Stuhlgang von Kindern führen müssen. In einer Gesellschaft, die von Kindern geradezu „besessen“ sei, hätten solche sozialen Foren für Kinderlose, die sich zu Unrecht als gefühlskalt, einsam oder unausgefüllt charakterisieren lassen müßten, immer mehr Zulauf. So lautet jedenfalls eine der Erklärungen für die wachsende Beliebtheit des „childfree movement“.

Wenngleich nicht mit ebenso nachhaltigem Erfolg wie der dieser Tage in der katholischen Kirche gefeierte „Tag der heiligen Familie“ wurde auch schon ein „Welttag der Kinderfreien“ ausgerufen. Jährlich soll der erste Sonntag im Juni als nationaler „Childfree Adult Day“ in den Vereinigten Staaten zelebriert werden. Man wünscht sich, so heißt es bei Worldchildfree.org (Kinderlose aller Länder, vereinigt euch!), einen öffentlichkeitswirksamen Gegenpol zu jenen Familientagen, die den Eindruck entstehen ließen, nur diejenigen, die sich fortgepflanzt hätten, verdienten Anerkennung. Man solle doch bitte, so heißt es in einem der Forumbeiträge, endlich ein angemessenes Pendant zu den beruflichen Kinderbetreuungspausen einführen, sogenannte „Individualitätsferien“, in denen man ebenso wie die erziehenden Mütter oder Väter bezahlt werde, aber nicht arbeiten müsse.

Feministische Schlagseite

Das ökonomische Neidleid bricht sich auch in Argumenten Bahn wie denen, daß man ja schließlich seinen Job mache, zum Bruttosozialprodukt beitrage und die „anderen“ nur die Kinderwagen schöben, sie im Zweifelsfall einem auch noch in die Hacken rammten. Ab und an erhält das Ganze eine - ebenfalls unausgegorene - feministische Schlagseite. Zu den dreizehn guten Gründen, kinderlos zu bleiben, zählen für die Internetnutzerin namens Alexandra Scheußlichkeiten zu vermeiden wie die, jemanden im eigenen Leib aufwachsen zu fühlen und ihn dann in einem Schwall Blut auszuspeien. Ein Widerspruch fällt ins Auge: Einerseits werden die Eltern wegen ihres Haftens an körperlich konkreten, zum Teil und naturgemäß nicht stets appetitlichen Aktivitäten - Windelwechseln, Naseputzen, Popoabwischen - geschmäht, andererseits aber zeigen die Internetbeiträge einen gewissen Hang zur Fäkaliensprache.

Die Beiträge geben sich gern drastisch und schwächen dann mitunter - ist es Erschrecken vor der eigenen Courage? - in einem letzten Schlenker alles als nicht so ernst gemeint ab wie der Blogger, der Kinder gern im Sommer eingesperrt sähe, von schulischen Hausaufgaben am Herumrennen im Freien gehindert. Er fühlt sich überdies massiv in seinen Internetaktivitäten und beim Fernsehen beeinträchtigt, alles sei durch die Zensur potentiell kindergefährdender Inhalte derart beschränkt, daß es sich schon gar nicht mehr lohne zu versuchen, an wirklich interessante Unterhaltung heranzukommen. Wer dann im Detail die Kommentare zu solchen Haßtiraden liest, der betet bei manchen Beiträgen im stillen, daß hier hoffentlich niemand dahintersteckt, der sich für seine Schandtaten ein Ventil gesucht hat.

Gegen die tobende Jugend

Die deutsche Website von nokidding.org ist so erbärmlich übersetzt, daß man sich fragen muß, ob es sich dabei um ein absichtliches Abschreckungsmanöver handelt. Offensichtlich hat sich noch niemand bereit gefunden, hier sprachglättend der Netzgemeinschaft der Kinderlosen unter die Arme zu greifen. Überhaupt geht es im deutschen Sprachraum, da wo man denn auf deftige Klagen stößt, eher im wahrsten Sinne des Wortes bodenständig zu. Der Hausbesitzer etwa, dem „natürlich klar war, daß in einem Neubaugebiet auch Kinder sein werden und es zwangsläufig auch etwas lauter werden kann“, sucht aber dennoch im Internet Rat, wie er bolzende Kinder von einem der freien Grundstücke fernhalten kann. Bereits die ernste Diskussion darüber, wie man hier die Lärmschutzbestimmungen ausnutzen kann oder ob die hingestellten Tore „überwiegend ortsfest“ benutzt werden und darin womöglich ein juristisches Hintertörchen gegen die tobende Jugend konstruiert werden kann, gibt immerhin zu denken.

Vor allem wird eines deutlich. Die Parteien sind in ihrem emotionalem Empfinden so weit voneinander entfernt - und hier geht es eben doch um subjektive Antipathien und nicht allein um strukturelle Rücksichtslosigkeiten -, daß sie offenbar argumentativ nicht mehr zueinanderfinden. Wen es - und das sind ja nicht nur Eltern, sondern all die vielen Menschen, die Kindern gegenüber wohlwollend sind - einfach nicht stört, daß Kinder auch physisch vorhanden sein müssen, um virtuell als spätere Rentenzahler verbucht werden zu können, der spürt instinktiv, daß er nicht mehr weiß, wie er diejenigen, die nur in Kategorien des Gestörtwerdens denken können, überhaupt erreichen kann.

Unklar ist, inwieweit zwischen den offen bekennenden Kinderhassern und jenen, die sich nur „belästigt“ fühlen, eine sichere Trennwand liegt oder es zu schleichenden Übergängen kommen könnte. Der Ton der Beschwerden wird jedoch zunehmend unerbittlich. Wenn die Kaffeetafel des sonnigen Samstagnachmittags auf der Terrasse in einem Wohngebiet mit Kindern, die im Nachbargarten ein Planschbecken erstürmen, derart gestört wird, daß man diesen Vorgang in einer Art und Weise beschreibt, die einen an das Aufsteigen der im Erdinnern verborgenen extraterrestrischen Dreibein-Maschinen im „Krieg der Welten“ erinnert, dann möchte man nur noch mit Tom Cruise seine Kinder packen und ganz schnell weglaufen.



Text: F.A.Z., 04.01.2006, Nr. 3 / Seite 29
Bildmaterial: picture-alliance / dpa

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