Abwägend: Juli Zeh

Ein Gespräch über Handke

Lob und Tadel des Verschweigens

Wo der eine für jene Wahrheit büßen muß, die er all die Jahre verschwieg, würgt der andere an den Halb- und Unwahrheiten, die er seit Jahren nicht verschwiegen hat: Eine Berliner Debatte über Handke wird zu einer über Grass.

Lesermeinungen zum Beitrag

24. August 2006 22:54

Die Gedanken sind frei

Julius Franzot (JFranzot)

Wenn Günther Grass früher seine Beichte abgelegt hätte, wäre die ganze deutsche Kulturszene um einen hervorragenden Literaten ärmer gewesen. Handke hat seine Meinung, die eines gereiften Mannes, öffentlich bekundet und ist gerade dann zur Unperson geworden, als die internationale Welt gerade dabei war, seine Stärken zu entdecken.
Beide Opfer eines gekünstelten Zeitgeistes, der sich anmaßt, bestimmen zu dürfen, wer in die oberen Etagen darf und wer nicht. Auf unsere Zunft bezogen, wer Kunst, als Ausdruck seiner inneren Gedankenwelt, produziert, und wer nur ein "politischer" Schreiberling ist.
Ist es nicht ein Bisschen ungerecht? Sind wir nicht schon genügend vom Wohlwollen der Journalisten, der Lektoren, der Agenturen, und, vor allem, vom Vitamin B abhängig?
Hätte heute Nietzsche Chancen, oder würde man ihn als üblen Faschisten untergehen lassen? Und der Freimaurer Goethe? Igittigitt! Der Häftling Schiller? Naja, vielleicht bei einem extremen grünen Verlag...
Martin Walser hatte schon die Nagel auf dem Kopf getroffen: parteiische Literaturkritik macht sich letzten Endes unbeliebt und treibt den von der Kritik Gemobbten in den Nimbus zwischen Depression durch Gewaltverzicht und Gewaltbereitschaft. Überspitzt, natürlich.

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