FAZ.NET-Fernsehkritik

Ach, die Frau Christiansen

Von Jörg Thomann

25. Juni 2007 Am kommenden Sonntag um viertel vor zehn wird Horst Köhler an Sabine Christiansen denken, und zwar „mit einem traurigen Auge“. Das sagte der deutsche Bundespräsident gestern abend in der Sendung „Sabine Christiansen“ zu Sabine Christiansen, deren einziger Gast gestern abend Horst Köhler war.

Sabine Christiansen, so sagte Köhler weiter zu Sabine Christiansen, habe Fernsehgeschichte geschrieben, und das würden auch die Zuschauer merken: Je weiter ihr Abschied zurückliege, desto mehr werde das Publikum sich denken: „Ach, die Frau Christiansen.“ Wir aber, die wir Sabine Christiansens letzten Auftritt in „Sabine Christiansen“ verfolgten, dachten in diesem Moment, ganz ohne trauriges Auge: „Ach, der Herr Köhler.“

Es war ein cleverer Schachzug der „Christiansen“-Redaktion, zum Finale ausgerechnet den Bundespräsidenten einzuladen. Der erste Mann im Staate zu Gast bei der lange Zeit ersten Frau im Fernsehen: Diese Konstellation schien den Abgang der Talkmasterin geradezu zum Staatsakt zu erhöhen. Wobei die Gastgeberin, die ihr Amt zehn Jahre lang innehatte, wenig Zweifel daran ließ, wer hier Routinier war und wer der Frischling. Er sei ja nun, sagte sie einmal gönnerhaft, auch schon lange „im Betrieb, wenn ich das so salopp ausdrücken darf“. Natürlich durfte sie.

Auf der sicheren Seite

Laut einer von Christiansen vorgestellten Erhebung finden zweiundachtzig Prozent der Bundesbürger Köhler sympathisch, während ihn nur fündundfünfzig Prozent für eine starke Führungspersönlichkeit halten. Und nett wie immer war Köhler auch am Sonntag, vor allem zu Sabine Christiansen, wobei er mit seiner Huldigung - wie so häufig bei seinen Wortmeldungen - auf der sicheren Seite stand. Zuvor hatte schließlich schon die Bundeskanzlerin Christiansen gewürdigt, da sie „Themen gesetzt und Diskussionen angestoßen“ habe - so ein originelles Lob für eine Talkmasterin muss einem erstmal einfallen. Und auch Guido Westerwelle, der als „Christiansen“-Rekordgast auf ewig im Guinness-Buch verweilen wird, schickte einen Abschiedsgruß: „Alle, die meckern, werden es erst einmal besser machen müssen.“ Müssen sie zum Glück nicht: Wenn jeder Christiansen-Kritiker plötzlich gezwungen wäre, eine eigene Sendung zu starten, wären sämtliche deutschen Fernsehkanäle auf Jahre hinaus vollgestopft. Ach, der Herr Westerwelle!

Doch zurück zu Herrn Köhler und Frau Christiansen. Schon nach fünf Minuten hatte Christiansen ihren investigatorischen Moment, als sie Köhler fragte, ob er eine zweite Amtszeit anstrebe: Dazu wollte sich Köhler aber noch nicht äußern. Wohl aber zu den anderen Themen, einem bunten Medley aus Christiansen-Klassikern der vergangenen zehn Jahre: dem Reformstau, den Managergehältern, der Integration, den Bundeswehr-Auslandseinsätzen, der Pisa-Studie.

Mal sorgenvoll mahnend, mal präsidial preisend sprach Köhler zu und von „den Menschen“ oder „den Bürgern“, behauptete, dass sich die Politik „zum Besseren“ verändert habe, sprach sich für eine Direktwahl des Bundespräsidenten aus, erklärte, dass die „Reformen zu wirken beginnen“, und unterstrich die Bedeutung der Bildung, der man die „Top-Aufmerksamkeit“ schenken müsse. Im Laufe der Sendung immer leutseliger schwäbelnd, forderte er, der Dritten Welt „auch 'ne Perschpektive auf Verbesserung“ zu geben, denn nur so „können wir den Planeten auch retten“.

Keine Nachfragen

Nur einmal hätte es doch noch spannend werden, hätte man das Staatsoberhaupt zu einer harten realpolitischen Aussage drängen können. Auf die EU-Erweiterung angesprochen, sagte Köhler: „Die Türkei ist ein anderer Kulturkreis. Das ist erst einmal ein Fakt.“ Weitere Fakten zu diesem Thema wollte Sabine Christiansen nicht hören, sie fragte jedenfalls nicht nach. Statt dessen durften fünf ausgewählte Menschenbürger - ein pensionierter General, eine Studentin türkischer Herkunft, ein Hartz-IV-Empfänger, ein Fernmeldetechniker der Telekom und ein dreizehn Jahre altes Mädchen - dem Bundespräsidenten ganz persönliche Fragen stellen und unsere Top-Aufmerksamkeit auf eine harte Probe stellen. Gewiss gut gemeint und sympathisch war das, doch war zugleich der Erkenntnisgewinn so gering wie bei zahllosen „Christiansen“-Sendungen zuvor.

Vieles ist gesagt und geschrieben worden über Christiansen und „Christiansen“, über die Sendung als Ersatzparlament, über den Moderationsstil, der den Gästen mehr behagte als den Kritikern, über die Nähe zu den Mächtigen, die die Moderatorin suchte und fand (siehe auch: Sabine Christiansen: Wie eine Unpolitische Politik machte). Man muss das alles nicht wiederholen, und auch in ihrer Abschiedssendung gab Christiansen keinen Anlass zu der Vermutung, dass man sie jahrelang falsch eingeschätzt habe. Wir wünschen ihr für die Zukunft alles Gute, vermissen werden wir sie nicht. Und wir freuen uns auf ihre Nachfolgerin Anne Will, die sich direkt im Anschluss in der sonntäglichen Kurzausgabe der Nachrichtensendung von den „Tagesthemen“ in knappen, warmen Worten verabschiedete. Ihr schimmerndes rechtes Auge sah traurig aus.

Die Abschiedsworte bei „Christiansen“ übrigens sprach nicht Christiansen selbst, sondern ein Kollege vom WDR - Olli Dittrich als „Dittsche“ hielt einen seiner Imbiss-Monologe als Laudatio auf die Talkmasterin. Und während er seinem Kumpel Ingo vom schwierigen Unterfangen berichtete, mit ein paar Freunden eine „Christiansen“-Runde nachzuspielen, klopfte jemand von außen an die Scheibe von Ingos Imbissbude, wurde aber nicht hineingelassen. Es war Günther Jauch, der als zu früh gefeierte Talkshow-Hoffnung schon einen Fuß in der Tür zur ARD hatte, diesen aber nach unergiebigen Verhandlungen wieder zurückzog. Sein stummer Auftritt war ein großer Moment der Selbstironie, den man bei der ARD niemals erwartet hätte - und schon gar nicht bei „Sabine Christiansen“.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AP, ddp, dpa

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