Irak

Reporter im Kugelhagel

Von Verena Lueken

Unkontrollierbares Land? Bagdad, 14. Oktober 2004

Unkontrollierbares Land? Bagdad, 14. Oktober 2004

15. Oktober 2004 Unparteiisch, ohne Vorurteile und selbstverständlich ohne persönliche Urteile - das sind die unverrückbaren Leitlinien für einen Reporter. Schreiben, was ist. Aus Bagdad, vom Rest des Irak zu schweigen, ist das schon lange nicht mehr möglich.

Wie unmöglich und wie prekär die Lage dort insgesamt ist, hat Farnaz Fassihi, Korrespondentin des neokonservativen "Wall Street Journal" in Bagdad, in einer ausführlichen E-Mail an eine Reihe von Freunden beschrieben. Diese private, aber an keiner Stelle intime E-Mail, mit Furor geschrieben, meinungsstark und in ihren Schlußfolgerungen vollkommen trostlos, landete im Internet. Und obwohl sie faktisch nichts Neues enthält, stellen sich die internationale Öffentlichkeit im Netz und die amerikanische in den Medien zwei Fragen: Haben wir, obwohl wir täglich davon hören, Bilder sehen und darüber lesen, überhaupt eine Ahnung davon, was im Irak vorgeht? Und: Darf eine Reporterin eine Meinung haben?

„Gehe niemals auf die Straße“

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"Ich verlasse das Hotel nur, wenn ich einen sehr guten Grund dazu und eine feste Interviewverabredung habe. Ich vermeide es, Leute zu Hause zu besuchen und gehe niemals auf die Straße. Ich kann nicht einkaufen, nicht in Restaurants essen, nicht mit Fremden sprechen, kann mich nicht nach Geschichten umsehen, in keinem Auto außer einem gepanzerten fahren, kann an keinen Ort irgendeines Geschehens gehen, nicht Englisch sprechen, kann nicht aus der Stadt heraus."

Das ist der Ton der E-Mail; wer bloggers kennt, wird ihn wiederkennen, wer nur das "Journal" liest, eher nicht. "Wahrscheinlich ist der Irak verloren, ohne jede Rettungschance", schreibt Frau Fassihi weiter, und auch: "Wenn der Irak unter Saddam eine potentielle Bedrohung war, wurde das Land unter den Amerikaner zu einer ,dringlichen und akuten' Gefahr, ein Fehlschlag der Außenpolitik, der Amerika noch Jahrzehnte verfolgen wird."

Eine brillante Reporterin

Alle großen und auch kleineren Zeitungen haben von der E-Mail berichtet und sie teilweise ausführlich zitiert. Vielleicht beweist diese Aufmerksamkeit, daß Leser eine handelnde Person brauchen, um inne zu werden, wovon die Rede ist. Denn Frau Fassihi hatte die chaotische, immer unsicherer werdende Lage im Irak in ihren Reportagen wiederholt beschrieben.

Sie ist eine brillante Reporterin, darin sind sich alle Kommentatoren einig, deshalb hat sie natürlich niemals von ihren eigenen Arbeitsbedingungen berichtet. In ihrer E-Mail aber tut sie gerade dies, und erst jetzt wird sie wirklich gehört. "Wir hier am Boden können uns nicht vorstellen, was, wenn überhaupt etwas, das Land aus dieser Spirale der Gewalt befreien könnte", schreibt sie, und nennt Terrorismus, Chaos und Unglück einen "Geist aus der Flasche", den die Amerikaner befreit hätten und nun nicht wieder einfangen könnten.

Erst einmal im Urlaub

Das alles könnte natürlich niemals im "Wall Street Journal" stehen. Doch die Zeitung hat sich ohne Einschränkungen hinter ihre Reporterin gestellt und in einer Erklärung versichert, daß die Meinungen von Frau Fassihi ihre Berichte in keiner Weise "kontaminiert" hätten. Gleichzeitig hieß es, sie habe einen lange geplanten Urlaub angetreten und werde zumindest bis nach der amerikanischen Präsidentschaftswahl nicht mehr aus dem Irak berichten.

Dexter Filkins, Reporter der "New York Times" in Bagdad, nahm die E-Mail seiner Kollegin zum Anlaß, seinerseits einen unverblümten und persönlichen Artikel nach Hause zu schicken: "Für die Zeitungs- und Fernsehreporter, die versuchen, die Ereignisse hier zu verstehen, ist der Irak vor allem eines: ein schrumpfendes Land. Dorf für Dorf, Block für Block ist dieses große Land zu einem mittelalterlichen Stadtstaat geschrumpft. An manchen Tagen scheinen wir alle in einem einzigen Raum zusammenzuhocken, unsere Notebooks festzuhalten und an die Wand zu starren." Er schreibt, wie oft er und einige Kollegen seiner Zeitung beschimpft, beschossen, entführt, bedroht, eingesperrt, geschlagen oder gejagt worden sind, und wie schwierig es ist, überhaupt noch jemanden zu finden, der für einen Amerikaner arbeiten will, also Fahrer, Kameraleute, Übersetzer.

Was also kann die Presse, die vor und während des Irak-Kriegs so umfassend versagt hatte, daß sich "New York Times", "Washington Post" und CNN bei ihrem Publikum entschuldigten, den offiziellen Verlautbarungen entgegensetzen? Vielleicht nur, was Farnaz Fassihi und Dexter Filkins jetzt getan haben: Die Regeln brechen, wie einst ihre Kollegen in Vietnam, und "Briefe aus Bagdad" über die Stimmung, die Verzweiflung und Auswegslosigkeit schreiben, wie sie sich den Berichterstattern darstellen, und interpretieren, schlußfolgern, vermuten, Gerüchte zitieren - also all das, was in anderen Zeiten ein Reporter niemals täte, und dann nach Hause fahren, solange sie noch können, wie ihre Kollegen aus Europa.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.10.2004, Nr. 241 / Seite 40
Bildmaterial: AP, EPA

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