22. August 2005 Filme über Aufstieg und Glanz von Silvio Berlusconi gibt es kaum. Unvergessen bleibt jene bedeutungsvolle Szene in Federico Fellinis Spätwerk Ginger und Fred, in der ein Medienmogul durch seine Fernsehstudios schreitet und dabei von den Untergebenen beweihräuchert wird wie ein orientalischer Pascha.
Der angeekelte Scharfblick des späten Fellini hatte den frühen Berlusconi durchschaut. Doch nach dem Tod des Regisseurs wurde es für seine Kollegen heikel, den zum Politiker mutierten Mogul auf die Schippe zu nehmen. Außer einigen direkt vertriebenen Dokumentationen über Berlusconis diverse Strafprozesse gibt es wenig. Das hat Gründe, denn inzwischen befinden sich nicht nur so gut wie alle Fernsehsender, auch die staatlichen, unter Kontrolle Berlusconis; aus öffentlich-rechtlichen Subventionstöpfen gäbe es für ein kritisches Projekt keinen Cent.
Benignis Burgfrieden
Weil aber auch die Filmvertriebe und sogar der Großteil der Säle irgendwie im verschachtelten Firmenvermögen von Berlusconis Mediaset auftauchen, mußte sogar die linke Symbolfigur Roberto Benigni für seine Pinocchio-Verfilmung einen Burgfrieden mit dem Gegner schließen. Frontal gegen den Ministerpräsidenten vorzugehen, wagten zuletzt nur Nobelpreisträger Dario Fo mit einem Theaterstück (siehe auch: Dario Fo verzwergt Berlusconi) und die satirische Oper Mister Me des venezianischen Komponisten Luca Mosca, die prompt Probleme mit Senderechten bekam.
Wenn jetzt also der preisgekrönte Regisseur Nanni Moretti einen Film über Berlusconi dreht, ist das in Italien schon vorab ein Thema. Denn Moretti wurde als Symbolfigur linken Reformwillens und Gründer der parteibonzenkritischen Basisbewegung der Girotondi (Ringelreihen) einer von Berlusconis wichtigsten Gegenspielern. Der Titel seines geplanten Films, Il caimano (Der Kaiman), spielt nicht nur auf einen beliebten Schimpfnamen für den bissigen Medienunternehmer an, sondern richtet den Blick auch auf modische Finanzparadiese wie die Kaiman-Inseln, wohin italienische Finanzjongleure gern ihre schwer durchschaubaren Erträge umleiten.
Zuschauer-Wähler
Es soll also eine Art Sittenbild des berlusconianischen Italien werden, wie Moretti nun in einem großen Interview mit dem - nicht zu Berlusconis Imperium gehörenden - Magazin Espresso angedeutet hat. Berlusconi, so umschreibt der Regisseur den düsteren moralischen Zustand seines Landes, habe sich mehr oder weniger absichtlich Zuschauer-Wähler geschaffen, die sich nicht mehr in einem Erbe von Werten daheim fühlen, die von allen anerkannt werden. Vier Jahre hat sich der Regisseur mit dem Projekt Zeit gelassen - Zeit, die er vor allem in politische Aktivität investierte und nun mit einem durch und durch politischen Film abschließen möchte. Kein Zufall wohl auch, daß der Caimano pünktlich zum Wahlkampf im kommenden Frühjahr herauskommen soll.
Sicher ist bisher nur, daß Morettis Weggefährte Silvio Orlando neben Margherita Buy die Hauptrolle spielen wird. Moretti selbst, der seit seinem zwanzigsten Lebensjahr die Hauptfiguren seiner Filme selbst darstellt, bricht nun mit dieser Rolle als Spieler-Trainer des Kinos und steht nur hinter der Kamera. Einen Part als Mitstreiter Berlusconis würden ihm nicht einmal die treuesten Fans abkaufen. Und einen Widersacher des Ministerpräsidenten muß Moretti nicht spielen - er ist es bereits in Wirklichkeit.
Text: F.A.Z., 22.08.2005, Nr. 194 / Seite 40
Bildmaterial: AP
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