Kampusch bei Schrowange

Die Ängste, die Kameras, die Identität

Von Matthias Hannemann

06. Mai 2008 Man fragt sich ja schon, was das soll: Ein Interview mit Natascha Kampusch anlässlich der furchtbaren Nachrichten aus Amstetten - mit der jungen Frau also, die als Zehnjährige auf dem Weg zur Schule entführt worden war, die acht Jahre in einem Kellerverlies hatte verbringen müssen, bis ihr 2006 die Flucht gelang, zunächst auch die vor den Medien, wie es schien.

Doch dann entdeckt man die Internet-Seite der zugehörigen Sendung, beginnt man die Abgründe dieses Geschäftes zu erahnen. Denn ebendort bot RTL schon vor Ausstrahlung des Gespräches bei „Extra“ die „Interview-Highlights“ aus dem Gespräch feil, das Birgit Schrowange in einem Wiener Hotel mit Kampusch geführt hatte - garniert mit Beiträgen zum „unheimlichen Inzest-Vater“ von Amstetten, zu einem Beitrag aus München namens „Das Callgirl und ihr Manager“, zur „Kinderprostitution in Indien“, zum „kleinsten Menschen der Welt“, einem Verweis mit dem Slogan „Triff die Superstars!“ und der Annonce für eine Partner-Vermittlung, die zeitweilig „Gehört Anfassen zum Date dazu?“ fragte und in diesem Zusammenhang an Geschmacklosigkeit wohl kaum mehr zu überbieten war.

Arme Geschöpfe als Absurditäten-Kabinett

Der Unterschied zwischen Boulevard-Sendungen wie Schrowanges „Extra - das RTL Magazin“ und jenem Jahrmarkttross, der früher allerlei arme Geschöpfe als Absurditäten-Kabinett mit sich führte, ist eben minimal.

Kaum jemand weiß das besser als die mittlerweile 20-jährige Natascha Kampusch, und sie leidet darunter, zweifelsohne. Auf die ersten Nachrichten von Amstetten hin, sagte Kampusch bei Birgit Schrowange, habe sie „irgendwie auch Erleichterung“ verspürt, weil sie selbst dank der Bilder von Amstetten künftig vielleicht weniger stark als „Kuriosum“ betrachtet werden könnte.

In der NDR-Sendung „Menschen und Schlagzeilen“ hatte sie am Mittwoch von der Hoffnung gesprochen, die Medien könnten „in meinem Falle etwas dazugelernt haben“. Nun riet sie auch hier den Opfern von Amstetten, „das mit dem Identitätswechsel“ sei „gar keine so schlechte Idee“. Auch wenn dieser Satz in der eigentlichen Sendung unterging, nur im Internet wirklich zur Geltung kam.

„Ich möchte nicht so gerne darüber sprechen“

„Man wird mich immer aus diesem Blickwinkel sehen, und genauso wird das bei diesen Kindern sein.“ Es ist eine freundliche junge Frau, die solche Sätze sagt. Leise, gefasst und konzentriert, so wie sie es auch abzulehnen versuchte, auf Schrowanges Fragen nach den Ängsten in extenso zu antworten. „Ich möchte nicht so gerne darüber sprechen.“

Doch das half natürlich nicht wirklich. Dieselbe Moderatorin, die von ihr schon Kommentare zum Hunger, zum Keller, zum Leben im Dunkel erbeten hatte (im Dunkel heilen die Hämatome so schlecht ab, sagte Kampusch), drängte weiter, wollte wissen, wie es sich denn auch noch mit dem Selbstmord ihres Peinigers nach der geglückten Flucht und ihren Schuldgefühlen verhalte. Schnelle Gefühle. Die Hoffnung auf Tränen. Das Suhlen in falscher Betroffenheit. Nichts anderes zählt in diesem Job.

Der Boulevardbetrieb lässt Kampusch nicht los

Der Boulevardbetrieb lässt Kampusch einfach nicht los. Erst recht nicht in diesen Tagen, wo sie den Opfern von Amstetten Gesprächsbereitschaft signalisieren will, wo sie Geld für sie spendet, wo sie von Verbrechen sprechen will, die auch außerhalb Österreichs wahrscheinlich seien - und sich daher abermals auf eine Sendung einlässt, die für ein Interview mit ihr schon vor zwei Jahren einmal viel Geld ausgegeben haben soll und sie auch im Sommer zu ihrem Befinden abermals befragte.

Umso verwirrender der kleine Hinweis auf künftige Tätigkeiten Natascha Kampuschs in der Abmoderation: Demnächst, hieß es da, werde Kampusch im österreichischen Fernsehen eine eigene Talkshow moderieren.

Wie soll man das lesen und begreifen und deuten - als Flucht nach vorn? Furchteinflößende Mechanismen, dies.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: dpa

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