Von Thomas Wagner
04. November 2005 If you're going to San Francisco / Be sure to wear some flowers in your hair, sang Scott McKenzie. Licht und Luft schienen flüssig geworden, und das Individuum befreite sich von den Zwängen der bürgerlichen Welt.
Stroboskope zerhackten und grelle Farbstrudel irritierten die Wahrnehmung, bis einem schwindelig wurde. Entgrenzung und Erweiterung des Bewußtseins waren angesagt. Das Bestehende explodierte in Farbekstasen, der Urgrund des Seins blubberte in Lightshows über die Konzertbühnen, die Luft erzitterte im Klang der E-Gitarren, der Blick begann zu rotieren, Muster falteten sich ein und wieder aus, und die Sehnsucht flog in Richtung Indien davon, wo man es sich für ein paar Dollar monatelang wohl sein ließ.
Frischer gewaschen denn je
Den kurzen Summer of Love des Jahres 1967, als sich Tausende von Blumenkindern in San Francisco trafen, die Liebe frei, der Protest sanft war und die Politik ekstatisch werden sollte, beschwört eine Ausstellung in der Frankfurter Schirn Kunsthalle, die sich der psychedelischen Kunst der sechziger Jahre widmet. Dabei sieht Janis Joplins flowerpowerfarben bemaltes Porsche 356c Cabriolet in der Schirn so frisch gewaschen aus, wie es bestimmt nie war. Wer 1967 welchen Treibstoff brauchte, stellt Öyvind Fahlström mit seinen beiden Leuchtreklameschildern noch einmal klar: Esso für das Cabrio, LSD für die Lady. Daß sich die Pforten der Wahrnehmung nicht gratis aufstoßen ließen, wußte auch Timothy Leary: LSD hat drei Begleiterscheinungen: verbessertes Langzeitgedächtnis, abnehmendes Kurzzeitgedächtnis - und die dritte habe ich vergessen.
Vieles ist flippig, bunt und schräg in der Ausstellung, die Christoph Grunenberg, der Direktor der Tate Liverpool, zusammengestellt hat, wo sie ihre erste Station hatte. Doch irgendwie fehlt der Sache der richtige Atem, der alles tragende Sound. Es dominieren das Geordnete, das Aufgeräumte und Musealisierte, was schlicht daran liegt, daß Grunenberg partout beweisen möchte, daß die synästhetischen Phänomene einer psychedelisch grundierten Pop-Kultur, daß die Mystik der Poster, Plattencover, Underground-Zeitschriften und Filme, deren Ästhetik zwischen Jugendstil und indischen Mandalas schwankt, von der Kunstgeschichte ausgegrenzt worden seien. Dabei geht die Rede von einer psychedelischen Kunst selbst in die Irre, handelt es sich bei der Hippie-Kultur doch um ein Lebensgefühl und um eine Alltagskultur, die eine Unterabteilung von Pop ist und bleibt.
Hedonistischer Protest
So reagiert eine Zeit, die über Rentenkürzungen nachdenkt und der selbst das Esso-Tanken zu teuer geworden ist, letztlich mit Unverständnis auf den hedonistischen Protest der Blumenkinder und deren halluzinatorisches Gefühl - und sortiert deren Mystizismen, Eskapismen und Körpererfahrungen eher willkürlich in die Rubrik Kunst ein. Weshalb Warhol mit Velvet Underground psychedelisch, ansonsten aber Pop sein soll, und Richard Lindners Gemälde Rock-Rock von 1966/67 umgekehrt plötzlich unter psychedelisch einsortiert wird, bleibt ebenso unverständlich wie der Versuch, das bunte Allerlei kunstgewerblicher Plakate und Mandalas partout zur Hochkunst erklären zu wollen.
Das Psychedelische als Stil und Haltung? Nein, danke. Eine erweiterte kulturgeschichtliche Schau hätte sich leichter getan, dem Phänomen nachzuspüren, zumal sie viel mehr Musik, aber auch Filme wie Kubricks A Space Odyssey oder Dennis Hoppers Easy Rider, der ja nicht zufällig in einem Akt von Gewalt gegenüber den durch die Lande gondelnden Freaks auf ihren Motorrädern endet, hätte einbeziehen können.
Ein Sommer des Krieges
Worum ging es, als die Hippie-Kultur sich vom rechten Winkel wie von der Vorstellung befreien wollte, die bürgerliche Weltsicht sei die einzig senkrechte? Weshalb sollte das Leben in seiner ganzen Fülle erfahren, die Sinne für die Schönheit dieser Welt geschärft werden? Freie Liebe, Hasch und LSD schufen nicht nur Distanz zu den Eltern und zur Mehrheit einer selbstzufriedenen Gesellschaft. Der Musik-Bild-Gehirn-Rausch versprach, es sei möglich, zu entkommen, hin zum easy livin', zum anderen Sprechen und befreiten Handeln.
So wurde zwischen barockem Überschwang und Eskapismus ein way out gesucht. Denn der Summer of Love war eben auch ein Sommer des Krieges. Ohne Vietnam aber, das die Schau verschweigt, läßt sich die ganze psychedelische Phantasmagorie eines flüchtenden Zur-Welt-Kommens ebensowenig verstehen wie der kurze Traum von Liebe und Frieden. Das sangen die Doors schon: This is the end, my friend.
Schirn Kunsthalle, Frankfurt, bis 12. Februar 2006. Vom 12. Mai bis zum 3. September 2006 in der Kunsthalle Wien. Der Katalog, Verlag Hatje Cantz, kostet 29,80 Euro.
Text: F.A.Z., 05.11.2005, Nr. 258 / Seite 37
Bildmaterial: Designers: David King and Roger Law, F.A.Z. - Foto Helmut Fricke, Isaac Abrams, Martin Sharp und / and Robert Whitaker, Peter Golding – Inspirational Times Collection, Peter Sedgley, Pixie Records, Aus dem Archiv von Trevor Hughes, Zephyr und Tate, Schirn Kunsthalle Frankfurt 2005, Foto: Norbert Miguletz, Stockphoto, New York, VG Bild-Kunst, Bonn 2005, Victor Moscoso