Digitale Bohème

Sie nennen es Arbeit

Ist intelligentes Leben jenseits der Festanstellung möglich? Ein neues Buch feiert die „digitale Bohème“, deren Leben aus Cafébesuchen und „Projekten“ besteht. Doch ohne die Leute mit festen Arbeitszeiten wäre ihr Dasein unmöglich. Von Eberhard Rathgeb.

Lesermeinungen zum Beitrag

09. Dezember 2006 17:03

hier habermas

Vincent Büsch (lesury)

Sie haben nach einem neuen Habermas verlangt, der den Gang ins Café als eine Konsequenz aus dem Strukturwandel der Öffentlichkeit begreift? Endlich verlangt mal jemand nach mir! Ich dachte schon, die Milchschaumschlürfer hätte das Denken verlernt. Daher konzentriere ich mich, wenn das klirren der Tassen abgestumpft ist, gerne wieder auf mein Studium. Aber wer meint, man müsse auf die Krise der digitalisierten Bürgerlichkeit mit der Genügsamkeit einer Festanstellung reagieren, der kann mich mal am Kaffeelöffel lecken. Die (analoge und die digitale) Bohemé ist und bleibt der melancholische Seufzer einer Hochkultur, die nur noch Rationalisierung meint, wenn sie von Vernunft redet. Wir haben Zeit, um wirklich originell zu sein. Das kann Stromberg nicht von sich behaupten. Der muss originell sein, weil ihm sonst die Zeit (seiner Versicherungskunden und Zuschauer) davon läuft. Herr Rathgeb, bitte setzten sie diesen Kommentar auf die Rechnung, ich zahle das nächte mal, wenn ich zu Besuch bin.

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08. Dezember 2006 15:45

Wir ergehen uns alle in Attitüden

gisbert heimes (gisbert4)

und in dem Feld erst recht. Denke mal, daß die kritischen Kommentare zu Rathgeb insgeheim genauso ein Neidgefühl (auf die Festangestellten) reflektieren, wie sie es bei Rathgeb (auf die digitale Bohème) zu erkennen glauben.

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08. Dezember 2006 15:30

Annette Lotz (Anlo) "Freiheit" gibt es nicht

W.P. Bayerl (Dr.Bayerl)

das was du als obsolet bezeichnest ist normales Männerschicksal. Das mit dem "Selbstständigmachen" vom Handwerker angefangen steht ja jedem frei, das bedeuted aber in der Regel nicht weniger sondern mehr Arbeit.
Und dank Emanzipation müssen Frauen nun auch zunehmend arbeiten.
Oder meinst du mit Freiheit frei von Arbeit?

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08. Dezember 2006 15:11

Kreative Umformung

B B (IT_Webber)

Da sollte man doch froh sein, dass, inmitten der abgesteckten Areale und im sorgfältig gehüteten Burgenland der abhängigen Jobber, Menschen, die anfänglich zwangsweise verordnete Beschäftigungslosigkeit verwandeln und mit Kraft und Kreativität umgestalten.

In einem Land, wo früher nur der Bedeutung hatte, der auf eine BAT-Karriere zurück- und vorblicken konnte - ist das ein Fortschritt. Vielleicht aber auch ein Zeichen an der Wand für die Unbelehrbaren, dass etwas faul sein muß am Anspruchs- und Versorgungsdenken immer kleinerer gesellschaftlicher Gruppen, die von 9 bis 5 tätig sein dürfen, oder sein zumindest es versuchen. Und sich dann - auch wenn sie nur versagt haben - mit üppigen Abfindungen dekorieren.

Der Begriff der "Lost generation" bekommt da eine ganz neue Bedeutung.

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08. Dezember 2006 13:57

Draußen vor der Tür

Markus Teuber (arathorn)

Freiheit und Feierabend schliessen sich eben aus,sie sind nicht
"kompatibel".
Aber war das nicht schon immer so ?
Auch schon zur Zeit der "alten Bohème" und davor ?

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08. Dezember 2006 12:06

@Stephan Zimprich: Nein, da ist kein Neid

Matthias Rüttgen (MRuettgen)

Als Feuilletonist bei der Süddeutschen oder bei der FAZ hat man in etwa die eigenwillige Kombination aus beiden Daseinsformen. Ich kann mir nicht vorstellen, daß Rathgeb da mit Neid draufblickt.

Verwunderlich ist nur seine Einschätzung, ein Habermas könne einem solchen Milieu nicht erwachsen. Sieht man davon ab, daß das eine erfreuliche Prophezeiung ist (denn noch einen Habermas würden wir nicht ertragen), so ist der Pessimismus eigenwillig, mit dem hier die Berliner Freischaffenden betrachtet werden. Erwartet etwa jemand Anstöße und neue "Intellektuelle" aus den deutschen Universitäten? Doch noch viel weniger!

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08. Dezember 2006 10:05

Neid?

Stephan Zimprich (Zuse)

Was treibt Sie denn, so despektierlich mit den jungen Männern umzugehen? Die Autoren haben einen Grimme-Preis bekommen, für ein inhaltsgetriebenes Web-Projekt, aber "halten sich nicht lange bei Inhalten auf". Und dann diese völlig überzogene Erwartung, aus dem Kreis der Bohemiens möge jetzt doch bitte ein neuer Habermas entspringen, damit sich die ihren Namen auch verdienen - umgemünzt auf Festanstellung (sind Sie fest angestellt?) müsste man ja jedem die Existenzberechtigung absprechen, der es noch nicht zum Chefredakteur gebracht hat - das Ratrace ist ja kein Selbstzweck. Immerhin, am Ende würdigen sie das Buch als digitalen Hesse, auch wenn das wahrscheinlich ironisch sein soll.

Lange hat es niemandem mehr gegeben, der den zahllosen Kreativnomaden und Dotcom-Kollateralschäden ein gedankliches Zuhause gegeben hat. Deutschland, ein Sommermärchen - nur die FAZ meckert weiter und geht in Habachtstellung.

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