Loki Schmidt

Keine Zeit fürs stille Kämmerlein

Von Sandra Kegel

Ein politisches Leben: Loki Schmidt an der Seite ihres Mannes

Ein politisches Leben: Loki Schmidt an der Seite ihres Mannes

20. November 2008 Es ist erst ein paar Tage her, da saßen der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker und der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt vor vollem Haus gemeinsam auf der Bühne des Münchner Volkstheaters, um die von ihnen herausgegebene Buchreihe über Deutschland und seine Nachbarn vorzustellen. Es ist ein auf zwölf Bände angelegtes Werk, das unsere Kenntnis der europäischen Staaten vertiefen soll. Fast neunzig Jahre alt, hat sich Helmut Schmidt noch einmal aufgemacht, das große Ganze zu beleuchten.

Seine Frau Hannelore, seit Kindertagen von allen nur Loki genannt und nur wenige Wochen jünger als ihr Mann, ging zur gleichen Zeit den umgekehrten Weg. In Gesprächen, die sie über mehrere Wochen hinweg mit dem Fernsehjournalisten Reinhold Beckmann in ihrem Haus in Langenhorn führte, unternahm sie bei Tee und Ingwerkeksen eine Reise durch ihr Leben, das fast ein ganzes Jahrhundert umspannt. Das daraus entstandene Interviewprotokoll, das jetzt unter dem Titel „Erzähl doch mal von früher“ erschienen ist, bietet keine großen Theorien. Vielmehr findet hier ein anregendes Zweipersonenstück statt zwischen einem gelehrigen Satz-Ergänzer und Verständnisfragensteller und einer burschikos-fidelen Kanzlergattin a.D., die aus der Perspektive der Begleiterin persönliche Einblicke in die Geschichte der Bundesrepublik gibt.

Kein besonderer Tag

Auch wenn Loki Schmidt selbst nie Politikerin war, kann eine Biographie, die 1919 in Deutschland beginnt, gar nicht anders als politisch sein. Von den zwanziger Jahren und der Weltwirtschaftskrise über den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg bis zum Bau der Mauer und deren Fall reichen ihre Erinnerungen - fast so, als ginge sie Hand in Hand mit der deutschen Geschichte durch ihr Leben. Dennoch fegt sie alles, was pathetisch oder sentimental klingen könnte, kurzerhand fort, und man erahnt zwischen den Zeilen die Mimik und Gestik, die ihre Worte begleitet haben. So, wenn etwa Reinhold Beckmann wissen will, ob es ein besonderer Tag gewesen sei, als ihr Mann den Amtseid des Bundeskanzlers leistete. Staubtrocken erwidert sie: „Das war es nicht.“ Es sei doch nur „eine etwas andere Arbeitsstelle mit einer etwas größeren Verantwortung“ gewesen. Schnörkellos war Loki Schmidt schon immer. Selbst die Jahre als Minister- und Kanzlergattin konnten sie nicht verbiegen.

Gelegentlich gesellt sich auch Helmut Schmidt auf eine Zigarettenlänge zu den Gesprächen: „Moin, Moin. Zehn vor vier wirst du abgeholt, Frau Schmidt. Bei welchem Jahr seid ihr denn angekommen?“ Ihn hat die Nation als Strategen, Rhetoriker und Polemiker erlebt. Seine Frau hingegen ist immer schon Inbegriff dessen gewesen, was man patent nennt - das zu erkennen, brauchte es nicht erst dieses Buch. Dabei geht es um mehr als bloß das Vermögen, sich und anderen stets zu helfen zu wissen. Es verbirgt sich darin auch die Fähigkeit zu unkonventionellen Lösungen und raschen Entscheidungen: „Ich bin mehr ein handelnder Mensch“, sagt Loki Schmidt über sich: „In meinem Leben gab es immer so viel zu tun, hier zu helfen, da zu helfen, da das und das zu machen, dass ich nicht dazu gekommen bin, mich sehr viel ins stille Kämmerlein zu setzen, um zu philosophieren.“ Außergewöhnliche Leistungen als selbstverständlich hinzustellen, das passt zu diesem Typus hanseatisch-preußischen Zuschnitts, der sich selbst nie allzu wichtig nimmt, dafür pflichtbewusst ist, hilfsbereit, unsentimental und gewiss nicht zimperlich. Damit verkörpert Loki Schmidt ein Ideal der frühen Sozialdemokratie.

Sie verdient, er studiert

Ihr Jahrhundert beginnt im Hamburger Arbeiterviertel Hammerbrook in einer Familie, der es an Lebensmitteln mangelt, die aber auf Bildung nicht verzichten will und die selbst unter widrigsten Umständen dafür sorgt, dass die fünf Jahre alte Loki Geigenunterricht erhält. Weil es kein Geld für Kinderbücher gibt, beschäftigt sich das Kind mit dem Pflanzenlexikon, das im Regal steht; wohl der Grundstein für ihr lebenslanges Interesse an Biologie. 1932 wird der Vater arbeitslos, und die Mutter muss die fünfköpfige Familie mit Näharbeiten durchbringen. Eine Situation, der sich ganz ähnlich nach dem Krieg auch Loki Schmidt selbst gegenübersieht. Seit der Gymnasialzeit mit Helmut Schmidt befreundet und seit 1942 mit ihm verheiratet, verdient sie als Lehrerin das Geld, während er noch studiert.

Das Ehepaar durchlebt tragische Momente. Im Februar 1945 stirbt, während Helmut Schmidt an der Front ist, ihr acht Monate alter Sohn Moritz. Kurz darauf flieht Loki aus Bernau bei Berlin nach Hamburg. Der Hunger in der Nachkriegszeit und etliche Fehlgeburten wegen Toxoplasmose sind das persönliche Schicksal der Familie Schmidt. Und mit dem RAF-Terror und der Ermordung Hanns Martin Schleyers, für die Helmut Schmidt die politische Verantwortung übernimmt, verschont auch die Zeitgeschichte das Paar nicht vor traumatischen Erfahrungen. Zu ihrer Zeit als Gattin des Bundeskanzlers sagt sie bündig: „Das waren ganz, ganz harte Jahre.“ In denen bekochte sie ihn auch spätabends noch und forderte ihn zur Entspannung zum Schach heraus. Ob sie sich beklagt habe bei ihrem Mann, will Beckmann wissen. Ihre knappe Antwort: „Wie komme ich dazu, der hatte einen Sechzehnstundentag hinter sich, wenn ich ihn um halb eins nachts halbwegs lebend wieder zurückbekam.“

Ein paar Schnittchen

Doch finden sich auch vergnügliche Passagen in diesen Memoiren, etwa über das spanische Königspaar, das zum Opernbesuch nach Hamburg kommt und von Loki anschließend im Kanzlerbungalow mit „ein paar Schnittchen“ verköstigt wird. Oder die heimlichen Besuche des politischen Gegners Franz Josef Strauß, der, um der Presse zu entgehen, über einen „Geheimweg“ ins Haus gelangt. Bei Staatsbesuchen pfeift Loki aufs Protokoll und plaudert gegen jegliche Etikette mit dem alten müden Tenno über Fische.

Fast immer ist sie, die für Helmut Schmidt nach dreißig Jahren ihren Beruf als Lehrerin aufgibt, die Frau im Hintergrund des prominenten Mannes. Ihren eigenen Weg aber verliert sie dabei nicht aus den Augen. Auch in ihrer Bonner Zeit als Kanzlergattin geht sie lieber in den Botanischen Garten als auf Empfänge. Und sie setzt sich für Naturschutz ein, lange bevor es ein Wort dafür gibt. Für die aufkommende Frauenbewegung hingegen, der sie als Galionsfigur hätte vorangehen können, hat die so eigenständige Frau nichts übrig: „Mir reicht es, wenn jemand tüchtig ist, ob es ein Mann oder eine Frau ist, ist mir gleich.“ Als ihr Mann durch das Konstruktive Misstrauensvotum vom 1. Oktober 1982 schließlich sein Amt verliert, weist Loki Schmidt die aufgeregten Gemüter in Bonn in die Schranken: „Haben Sie schon mal gehört, dass wir in einer Demokratie leben? Und da wechselt das.“

Loki Schmidt ist jegliche Angst fremd. Das ist bei solch einer Lebensgeschichte überraschend, aber daraus resultiert wohl ihre Fähigkeit, nie die Fassung zu verlieren. Weder Krieg, Autoritäten noch Helmut Schmidt haben sie je das Fürchten gelehrt. Ihr sei, sagt sie, schon sehr früh klar gewesen, dass man nicht mehr handeln könne, wenn man erschrickt. Gerade im Alter, stellt sie fest, bekomme man einen Überblick, der es erlaube, dass man „Ereignisse des Tages, die plötzlich wie ein Irrlicht kommen, beguckt und dann einordnet“. Auch die bisweilen indiskreten Fragen Reinhold Beckmanns beguckt sie und ordnet sie auf ebendiese Weise ein; dann sagt sie kurzerhand: „Punkt an dieser Stelle.“

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, ASSOCIATED PRESS, dpa, picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
FAZ.NET-Buchshop

„Sorry“ von Zoran Drvenkar

Ein spannender Thriller, der auf zwingende Weise von einer Welt, in der wir der Gewalt nicht mehr ausweichen können, erzählt. Erhältlich im FAZ.NET-Buchshop - jetzt bestellen!

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche