Von Robert von Lucius
19. Juni 2008 Seit kurzem wissen Fotojournalisten auch in New Orleans und Budapest, wo Hannover liegt: Davon ist Rolf Nobel überzeugt. Der Professor für Fotografie an der Fachhochschule Hannover hat bei Ausbildungsstätten für Fotografie auch im Ausland geworben für das Lumix Festival für jungen Fotojournalismus, auf dem von heute an sechzig junge Fotografen und Studenten ausstellen. Fünf Tage lang treffen sich dort junge und international bekannte Fotografen und Bildredakteure beim ersten international besetzten Festival für journalistische Fotografie in Deutschland.
Die Fachhochschule auf dem ehemaligen Expo-Gelände gilt als größte Ausbildungsstätte Europas für Fotojournalisten und auch als erste Adresse in Deutschland - auch wenn Nobel sein Ziel noch nicht erreicht sieht, unter den ersten Namen der Welt zu stehen wie die Hochschulen in New York, dem dänischen Århus, dem britischen Westminster, dem amerikanischen Columbia und Prag. In Frankreich gibt es keine fotografische Ausbildungsstätte mit internationalem Ruf, obwohl mit Magnum, VII, Rapho, Agence Vu fast alle großen Bildagenturen der Welt ihren Sitz in Paris haben und Frankreich eine starke bildjournalistische Tradition besitzt.
Mekka des deutschen Fotojournalismus
Etwa fünfzig Hochschulen und Fachhochschulen bieten in Deutschland Fotografie an, meist als Beiwerk. Als eigenständige Studiengänge führen fünfzehn akademische Ausbildungsstätten die Fotografie - meist als breite Palette für Porträts, Modeaufnahmen, Werbung, künstlerische Fotografie. Einige Hochschulen spezialisieren sich wie Hannover dank der Neigungen ihrer Professoren - Leipzig und Düsseldorf auf Kunstfotografie, Würzburg auf Architekturfotos, Bremen auf urbane Landschaften und Handlungsräume. Wer aber als Fotograf die Arbeit für Zeitschriften oder Tageszeitungen anstrebt, geht nach Hannover. So haben auch fast alle jüngeren Fotografen, die für die Frankfurter Allgemeine Zeitung fest oder frei fotografieren, in Hannover studiert - Daniel Pilar, Jesco Denzel, Michael Löwa, Julia Zimmermann, Franz Bischof, Christian Burkert, Kai Nedden, Michael Hauri. Seit drei Jahren kommt alle drei Monate einer der hannoverschen Studenten für ein halbes Jahr als Praktikant in die Frankfurter Redaktion.
Wie unterscheiden sich deutsche Fotojournalisten von anderen? Rolf Nobel, der ein Vierteljahrhundert lang selber für Magazine fotografierte, bevor er in die Lehre ging, sieht zwei Unterscheidungsmerkmale. Die meisten Fotojournalisten in Deutschland seien akademisch ausgebildet, in den anderen Ländern oft aber nicht. Und: Deutsche Fotojournalisten seien stärker als andere nach innen gekehrt, gingen seltener in die Welt hinaus für ihre Aufnahmen, etwa in Krisenfelder. Das will die Fachhochschule Hannover ändern, wiewohl sie gerade nicht auf Bilder von Gewalt und Krieg setzt.
Hintergründige Bilder
Das bisher einzige Fotojournalismus-Festival von Rang in Europa, in Perpignan, spitzt sich innerhalb von Bildgeschichten zu auf das eine herausragende Foto in Konflikten oder Katastrophen, das zur Ikone werden kann, auch als Brücke zum jährlichen World Press Photo Award. Lumix unterschlägt das nicht, setzt aber stärker auf hintergründige Themen und vor allem auf Bildgeschichten und Reportagen. So gelten Bilder deutscher Fotojournalisten im Ausland bisweilen als intellektuell, analytisch, auch spröde. Verstärkt wird das, weil viele deutsche Fotojournalisten mit ihren Kameras mittelformatlastig sind, schwerere und größere Kameras und Objektive nutzen und sich daher nicht so rasch bewegen können wie manch andere - so wirken ihre Bilder in ihrer formalen Ästhetik konstruierter, kühler und emotionsloser als andere.
Auch hier hofft Nobel seinen Studenten eine andere Vorgehensweise nahezubringen. Bis vor kurzem waren es zwölf Studenten im Studienjahr. 2007/2008 hat sich das auf 31 erweitert, eine Zahl, die man auch fürs kommende Jahr und mit bald einer zweiten Professur anstrebt. Wenn die gut hundert Studenten im Expo-Haus etwas kritisieren, dann dies: Ihnen fehlten die internationale Anbindung und der Austausch mit anderen Kulturwelten. Eine Studentin, die zuvor in New York lernte, hat dort eine lebhafte Streitkultur zwischen Studenten aus aller Welt über Politik, Kultur, Bildethik genossen. Die Debatte indes wird auch in Hannover gepflegt.
Bilder aufnehmen, Bilder zerlegen
Ein wesentlicher Teil der Ausbildung ist die Bildkritik. Bilder aus Kurzzeitreportagen der Studenten werden gemessen an den Kriterien roter Faden, Dramaturgie, Stilsicherheit, Vollständigkeit sowie Ein- und Ausstieg. Die Studenten erhalten einen Auftrag, den sie innerhalb von zwei Wochen erfüllen müssen. Das mag lang erscheinen, wird aber oft knapp - sie müssen das vorgegebene Thema genau wie Schreibjournalisten eingrenzen, recherchieren, fotografieren und dann technisch umsetzen und drucken. Dann werden die Bilder aufgehängt und von Nobel und den Mitstudenten zerlegt.
Die analoge Fotografie wird hier kaum mehr gepflegt. Alles läuft digital und elektronisch. Der Keller des modernen Glasbaus hat alle denkbaren Gerätschaften, die die Studenten tags und nachts gegen Selbstkosten nutzen dürfen. Die Kamera- und Drucktechnik lernen sie vor allem im Selbstversuch und mit der Hilfe älterer Kommilitonen. Die Dozenten konzentrieren sich auf Inhalte, Vorgehensweisen, Werte; oder auf den Umgang mit einer begrenzten Zeitvorgabe, auf konzeptionelles Denken, auf den Rhythmus einer Bildserie. Als Student wird nur akzeptiert, wer in Leidenschaft entbrannt ist für die Fotografie und dies durch Fotos belegt. Die Mappe, das Portfolio, ist nicht nur für die Aufnahme entscheidend, sondern auch später für Aufträge und Anstellungen - wichtiger als ein Diplom oder Bachelor aus Hannover oder München.
In Fotos denken
Noch etwas halten die Studenten für wichtig bei ihrer Arbeit: Wer nicht den Menschen zugewandt ist, werde es schwer haben in dieser Sparte. In einem Punkt unterscheiden sich die Einschätzungen der Studenten: Einige berichten, sie könnten abschalten, liefen nicht immer mit einer inneren Kamera auf der Suche nach Motiven herum. Andere sagen, dass sie eigentlich nie abschalten könnten, sich immer fragten, ob das ein Bild sei - sie denken automatisch in Fotos.
Leicht werden es die Fotojournalisten aus Hannover nicht haben, wenn sie auf den Markt kommen. Die Konkurrenz wächst. Ihre Arbeitsfelder sehen sie in der Fotografie für Magazine, Tageszeitungen, Bücher. Seinen Studenten will Nobel den Weg ebnen - durch Teilnahme an anderen Festivals, Wettbewerben und Exkursionen. Zudem regt er Bücher an, an denen die Studenten mitwirken - mal nehmen sie ehrenamtliche Bürgermeister in allen EU-Ländern als Europameister bei ihrer Arbeit auf, mal schauen sie kritisch auf ihr Vaterland, was Freelens, die Vertretung von 1500 deutschen Bildjournalisten, in seiner Hamburger Galerie ausstellt.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.-Andreas Müller, F.A.Z.-Anna Mutter, F.A.Z.-Christian Burkert, F.A.Z.-Daniel Pilar, F.A.Z.-Franz Bischof, F.A.Z.-Henning Bode, F.A.Z.-Jesco Denzel, F.A.Z.-Julia Zimmermann, F.A.Z.-Kai Nedden, F.A.Z.-Michael Hauri, F.A.Z.-Michael Löwa, F.A.Z.-Roger Hagmann