Kino

Der Beginn eines neuen filmischen Erzählens: „Un couple épatant“

Von Andreas Kilb

Film-Kritik: Ornella Muti in "Un couple épatant"

14. Juli 2004 Wenn eine Erzählform schwächer wird, beginnt sie zu wuchern. Daß man den Stories, die das Kino erzählt, nicht trauen darf, ist eine Binsenweisheit im Medienunterricht, aber inzwischen trauen die Stories oft auch sich selbst nicht mehr. Es gibt Geschichten, die rückwärts gehen (wie in "Memento"), solche, die drei verschiedene Enden haben (wie in "Lola rennt"), und solche, die so ineinander verschachtelt sind (wie in "Pulp Fiction"), daß es schon nicht mehr darauf ankommt, wo der Anfang und wo die Auflösung ist.

Und schließlich gibt es jene Stoffe, denen eine Spielfilmlänge nicht genügt, die einen zweiten, einen dritten Anlauf brauchen, um endlich zum Schluß zu kommen. Sie sind das Material der Trilogien, der Erzählgeschwüre unserer Kino-Zeit. Heute kommt kaum noch ein Film auf die Leinwand, der nicht Eröffnung, Mittelteil oder Coda irgendeines Dreiteilers ist, und wenn, wie bei "Shrek", eine hübsche Kinoidee den ihr zustehenden Kassenerfolg verbucht, folgt gleich die Höchststrafe auf dem Fuß: Trilogie! So kann das Dante, der Erfinder der Form, in seiner "Göttlichen Komödie" nicht gemeint haben. Bei ihm waren es Hölle, Fegefeuer und Himmel, die drei christlichen Sphären, die nacheinander bereist werden mußten, während heute meistens nur auf das eine noch einmal das gleiche und dann dessen Wiederholung folgt.

Der Kern bleibt unsichtbar

Auch der französische Regisseur und Schauspieler Lucas Belvaux hat, als er vor drei Jahren das Geld für ein Spielfilmprojekt zusammenbekam, statt einen gleich drei Filme gedreht. Aber "Un couple épatant" (Ein tolles Paar), "Cavale" (Auf der Flucht) und "Après la vie" (Nach dem Leben) bilden, anders als der französische und nun auch der deutsche Verleih es wollen, keine Trilogie. Sie bilden ein Triptychon. Das ist ein entscheidender Unterschied. In einer Trilogie wird eine Geschichte angefangen und dann zweimal weitererzählt. In einem Triptychon wird dieselbe Geschichte aus drei verschiedenen Perspektiven gezeigt.

Die ersten Triptychen waren Altarbilder, entstanden aus dem Wunsch, das Heilsgeschehen in all seinen Aspekten einzufangen, den schrecklichen wie den tröstlichen. Die Maler der Moderne, vor allem Max Beckmann und Francis Bacon, gaben der Form dann einen neuen Sinn. Bei ihnen sind die einzelnen Stücke des Triptychons keine Puzzleteile, sondern autonome Einblicke in ein Geschehen, dessen Kern im wesentlichen unsichtbar bleibt. Und so ist es auch bei Lucas Belvaux.

Der Film hat einen Hintergedanken

Der erste seiner drei Filme, "Un couple épatant", erzählt von einem Paar, dessen Ehe an einem Mißverständnis zu zerbrechen droht. Alain (François Morel), ein malade imaginaire, glaubt unheilbar an Krebs erkrankt zu sein und begibt sich auf eine hysterische Odyssee durch seine Heimatstadt Grenoble, ein Diktiergerät umklammernd, in das er ständig neue Versionen seines Testaments spricht. Cécile (Ornella Muti) hält Alains Verrücktheiten für Anzeichen einer außerehelichen Affäre und engagiert den Polizisten Manise (Gilbert Melki), um diese aufzuklären. Ihr Mann wiederum verdächtigt Manise, Céciles Liebhaber zu sein. Alle Ingredienzen einer Verwechslungskomödie sind da, aber sie werden nicht ausgereizt. Man spürt, daß der Film einen Hintergedanken hat, aber er enthüllt ihn nicht.

"Cavale" beginnt mit einem Ausbruch aus dem Gefängnis. Zwei Männer rasen in einem Fluchtauto durch die Nacht, werden beschossen, am nächsten Morgen ist der eine tot, der andere, Bruno Le Roux (gespielt von Belvaux selbst), nimmt den Zug nach Grenoble. Es ist derselbe Mann, den man in "Un couple épatant" im Ferienhaus von Alain und Cécile hoch über der Stadt gesehen hat. Agnès (Dominique Blanc), die Frau des Polizisten Manise, hatte ihn dort versteckt. Auch sie kehrt in "Cavale" wieder. Vor allem aber erzählt der Film die Geschichte des Ausbrechers und seiner einstigen Komplizin Jeanne (Cathérine Frot), die inzwischen ein bürgerliches Leben führt. Jeanne und Le Roux haben vor Jahren gemeinsam für die Weltrevolution gekämpft; jetzt betet nur noch Bruno die alten, leeren Parolen herunter, doch selbst ihm geht es in Wahrheit bloß um Rache an dem Verräter, der die Terroristengruppe auffliegen ließ. Als er der drogenkranken Agnès begegnet, zuckt etwas wie Mitleid und menschliches Verständnis über sein Gesicht. Doch es verfliegt schnell im Wahn und Eifer seiner eingebildeten Mission.

"Cavale", das Gangsterdrama, ist das eigentliche Kraftzentrum dieses Kinoexperiments, die Geschichte, die alle anderen antreibt. Das merkt man besonders, wenn man "Après la vie" ansieht, das Schlußstück des Triptychons. Hier stehen Manise und Agnès im Mittelpunkt, der Polizist und die Morphinistin, ein Paar, wie man es aus zahllosen Fernsehtragödien kennt. Er besorgt ihr die Drogen, sie ihm die soziale Reputation. Die Ankunft von Le Roux in Grenoble bringt diese Zweckbeziehung aus dem Gleichgewicht. Der Stoff bleibt aus. Der Polizist gerät unter Druck. Zu den Komödienbildern des ersten, den Actionsequenzen des zweiten Films treten nun als Kontrapunkt die Melodramensplitter des dritten. Die Rätsel der beiden anderen Geschichten werden aufgelöst, man erfährt, wie es zu der Begegnung von Agnès und Le Roux kam und warum Manise den Terroristen nicht mit der Vehemenz gejagt hat, die von ihm verlangt worden war.

Ein Ausreißer, vielleicht

Aber das Schlußbild, in dem der Polizist und seine Frau zueinander zurückfinden, ist keines. Man möchte den Fall wieder aufrollen, die Filme zurückdrehen, um ihre Textur genauer zu verstehen, die Varianten einzelner Einstellungen, die Schnittmengen zwischen Komödie, Thriller und Melodram. Seine wahre Veröffentlichungsform wird das Triptychon erst auf DVD finden, wo die Trennung zwischen den einzelnen Filmen aufgehoben ist und alle Teile des Gesamtbilds gleichzeitig zur Verfügung stehen. Mit Kurosawas "Rashomon", mit dem er voreilig verglichen wurde, oder selbst mit Tykwers "Lola" von 1998 hat der Kino-Hattrick des Lucas Belvaux weniger zu tun, als es auf den ersten Blick scheint. Die beiden älteren Filme sind auf zeitliche Progression hin angelegt, während Belvaux schon mit den Möglichkeiten der digitalen Konserve rechnet, die das freie Hin- und Herspringen zwischen den Bildern erlaubt. Sein Projekt erschafft einen eigenen Fiktionsraum, in dessen Nischen und Winkeln sich eine fast endlose Anzahl weiterer erzählbarer Geschichten verbirgt - eine so verheißungsvolle wie beängstigende Vorstellung.

Die Idee seiner drei Filme, erzählt Belvaux, habe darin bestanden, aus der Nebenfigur in einer Geschichte die Hauptfigur einer anderen zu machen. Diese Idee hatten vor Lucas Belvaux schon viele Regisseure. Was dabei üblicherweise entsteht, nennt man Fortsetzung. Diesmal aber ist etwas anderes entstanden, ein seltsamer Hybrid, der weder Spielfilm noch Serie, weder Fernsehen noch Kino ist. Ein Ausreißer, vielleicht. Oder der tastende, unsichere Beginn eines neuen filmischen Erzählens.

"Un couple épatant" startet an diesem Donnerstag, "Cavale" am 22. Juli und "Après la vie" am 29. Juli in den deutschen Kinos.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.07.2004, Nr. 161 / Seite 31

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