Wahlkampf

Wir verschaffen euch Stimmen: Grass und andere für Rot-Grün

Von Richard Kämmerlings

11. August 2005 Auf diesen Moment haben wir gewartet: Deutschland wacht auf; die tödliche Schweigespirale, in der es zu versinken drohte, ist durchbrochen. Wer von dieser lähmenden Grabesstille bislang aber gar nichts bemerkt und sich in diesem schier endlos verplapperten Sommer das gleichnamige Loch sehnlich wie noch nie herbeigewünscht hat, der hat wohl seine Antennen falsch eingestellt, besser gesagt: nicht selektiv genug.

Manche Schriftsteller nehmen nur jene Debatten wahr, an denen sie selbst oder mindestens ihresgleichen beteiligt sind und ansonsten herrscht eben Schweigen. Anders ist der selbstgerechte Tonfall kaum zu erklären, in dem nun eine Gruppe von Schriftstellern eine neue Phase des Wahlkampfs einläuten will. Günter Grass hat seine sich seit vielen Wochen ankündigende Solidaritätsaktion endlich gestartet und knapp zwanzig Schriftsteller für einen Aufruf zugunsten des „rot-grünen Projekts“ gewonnen. Die prominentesten sind Peter Rühmkorf, Erich Loest, Johano Strasser, Tilman Spengler und Joseph von Westfalen; dabei sind auch jüngere wie Eva Menasse, Michael Kumpfmüller, „Crazy“-Autor Benjamin Lebert, Feridun Zaimoglu und, wie immer, Juli Zeh. Die Pressemitteilung kündigt an, daß Grass und seine Kollegen, „deren Runde sich täglich erweitert“, in den kommenden Wochen „ihre Sicht der Dinge darstellen“, also für die bestehende Koalition in den Wahlkampf ziehen werden - konkret wird eine Politik der „schmerzhaften Reformen“", der „Ausgleich zwischen Ökologie und Ökonomie“ und die ablehnende Haltung zum Irak-Krieg genannt. An überraschend prominenter Stelle erscheint aber auch das durch die Schröder-Regierung „neu geschaffene Klima der Weltoffenheit und Liberalität“, und damit verbunden die große Aufmerksamkeit und Anerkennung von Künstlern und Intellektuellen - was fast so klingt, als müsse man sich dafür mit einem kleinen Manifestchen revanchieren - Kanzler, wir danken's dir!

Kaum Autoren der ersten Reihe

Es sticht ins Auge, daß der Gruppe außer Grass und Rühmkorf kein Autor der allerersten Reihe angehört, ja daß bei den Jüngeren nur Menasse, Kumpfmüller und Zaimoglu überhaupt zu den literarisch ernstzunehmenden Schriftstellern zu zählen sind. Kein Andreas Maier und kein Norbert Gstrein, keine Röggla und kein Meinecke, um nur einmal einige politisch Engagiertere zu nennen. Das konservative Lager hat zwar erst recht keine schlagkräftige literarische Hilfstruppe aufzubieten, aber warum sollte sich politisches Engagement - gerade das des Künstlers - überhaupt in der Kollektivvariante des gemeinsamen Aufrufs ausdrücken? Schon die Vorstellung, dem Schriftsteller käme per se eine besondere Rolle in öffentlichen Debatten zu, ist eine - produktive, aber doch mitunter heikle - Fiktion. Sie wird jedoch zur puren Anmaßung, wenn der Autor sich ohne jede Legitimation als Sprecher irgendeiner Gruppe geriert.

Man wolle, so heißt es bei Grass und seinen Mitstreitern, „die öffentliche Meinungsbildung verstärkt mitbestimmen - und damit den so beängstigend vielen Schweigenden wieder Stimme geben“. Hinter einer Rhetorik der Fürsprache verbirgt sich nicht selten ein Wille zur Vereinahmung. Nur Unmündige brauchen einen Vormund. Aber auch der schweigende Teil des Volk bestimmt seine Repräsentanten immer noch am Wahltag. Es ist gut, wenn Autoren für ihre Überzeugungen einstehen. Wer kein Fähnchen schwenkt, ist aber damit noch lange nicht unpolitisch - und kann meist gern darauf verzichten, daß ihm jemand ungefragt eine Stimme gibt.



Text: F.A.Z., 12.08.2005, Nr. 186 / Seite 40
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

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