Hochschulen

Wer rechnet, zählt anders

Von Joachim Müller-Jung

Medizinstudium in Witten/Herdecke

Medizinstudium in Witten/Herdecke

25. Juli 2005 Lange Zeit sah es danach aus, daß der Staat nach Witten/Herdecke schaut, und nicht, daß Witten/Herdecke nach dem Staat zu schielen hätte. Doch nun, da die älteste Privatuniversität des Landes vom Wissenschaftsrat vor die ultimative Neukonzeption ihres Medizinbetriebes gestellt wurde, scheint das öffentlich-rechtliche Leitbild wieder zurechtgerückt zu werden.

Der Wissenschaftsrat redet Klartext: Eine Universität ist keine Spielwiese. Jedenfalls nicht mehr. Genausowenig, wie sich das labile Gesundheitswesen für anheimelnde Experimente eignet. „Zur Freiheit ermutigen“, „soziale Verantwortung fördern“, „problemorientiertes Lernen“ - innovative Bildungsinhalte von gestern. Ist es das, was der Wissenschaftsrat, dem auch die Qualitätssicherung in privatwirtschaftlich geführten Hochschulen obliegt, mit seiner abschlägigen Stellungnahme mitteilen wollte? Eine Mängelliste von nicht weniger als 168 Punkten, die das Wittener Management in dem Papier identifizert hat, deutet darauf hin, daß es tatsächlich nicht mehr um partikulare oder um befristete Defizite des Wittener „Reformstudiengangs“ geht.

Ein Modell steht zur Diskussion

Ein gesellschaftliches Modell steht zur Diskussion. Genauer gesagt: ein gesellschaftlicher Transformationsprozeß, der gerade dabei ist, die Wettbewerbssituation insbesondere der medizinischen Universitätsinstitute grundlegend zu verändern und die Kliniklandschaft der Republik überhaupt umzukrempeln. Die Flucht aus dem Kostensumpf der öffentlichen Körperschaften hat eine Privatisierungswelle in Gang gesetzt, die sich auf der einen Seite in der Gründung immer größerer kommerzieller Krankenhausverbünde wie Sana, Helios oder Rhön-Kliniken bemerkbar macht.

Auf der anderen Seite blühen die Privatisierungsträume des Staates: In den Ländern wird überlegt, kostenträchtge Universitätskliniken auszulagern und zu privatisieren, wie es derzeit die hessische Regierung mit den Gießener und Marburger Unikliniken vormacht, und bei öffentlichen Forschungseinrichtungen sucht man feste Allianzen mit Konzernen zu schmieden, um - wie beim Deutschen Krebsforschungszentrum - neue „Translationseinheiten“ zu generieren. Die Frage also lautet: Hat der Unternehmer die tragfähigeren Konzepte? Versorgen die Privaten uns effizienter mit Therapien, sind sie die bessere Option für eine hoffentlich bald konkurrenzfähigere klinische Forschung im Land, und schließlich: Bilden sie künftig unsere Mediziner aus? Der Wissenschaftsrat hat das Modell der Wittener Privatuniversität mit seinen diversen Kooperationen untersucht und seine Antwort gegeben: so jedenfalls nicht.

Die Systeme kollidieren

Nun ist der Wissenschaftsrat zwar eine Art Bundesverfassungsgericht der Wissenschaft, wie der sichtlich konsternierte Wittener Universitätspräsident und ehemalige IBM-Manager, Wolfgang Glatthaar, nach Bekanntwerden des Verdikts süffisant anmerkte - die Gutachten des Rates seien für ihn gewissermaßen „ein Pflichtenheft“. Aber im Wissenschaftsrat sitzen auch fast ausschließlich Wissenschaftler, die im etablierten staatlichen System heimisch sind und dessen Vorteile - den Beamtenstatus eingeschlossen - genießen. Sie haben dessen Maßstäbe quasi verinnerlicht. Genau an diesem Punkt scheinen nun die beiden Systeme zu kollidieren.

Vor zehn Jahren hatte der Wissenschaftsrat schon einmal die Medizin in Witten/Herdecke bewertet. Die Konfliktlinien waren da schon unübersehbar. Aber der Krach blieb aus. Jetzt ist die Toleranz der Evaluierer zu Ende. Die Medizinerausbildung erfülle „nicht den universitären Anspruch“. Hätte man früher dahinter Grabenkämpfe der Schulmedizin mit dem anthroposophisch angehauchten medizinischen Leitbild der Wittener Fakultät vermuten können, geht es heute um sichtbar mehr. Denn Reformstudiengänge, die sich „problemorientiertes Lernen“ auf die Fahne geschrieben haben und stärker dem Patienten zuwenden, die sozialpsychologische Kompetenzen, persönlichkeitsbildende Inhalte und „ethische Reflexion“ stärker in den Vordergrund rücken, gibt es inzwischen längst auch in Berlin, Hamburg, Bochum oder Aachen. Die Arbeit in kleinen Gruppen am Patienten ist sogar Teil der neuen Approbationsordnung für Ärzte geworden. Und dennoch, so heißt es in dem neuen Gutachten, erfülle die Medizinfakultät nicht die geforderten Voraussetzungen ebendieser Ausbildungsordnung.

Schonfrist von einem Jahr

Tatsächlich hätte nach dem Votum des Wissenschaftsrates um ein Haar jede Neuimmatrikulation unterbleiben sollen. Die nordrhein-westfälische Landesregierung als letzte Entscheidungsinstanz setzte sich darüber hinweg und gewährte der Privatuniversität eine Schonfrist von einem Jahr, in der ein überarbeitetes Konzept vorgelegt werden muß. Das Land stand in der Pflicht, denn das Gesundheitsministerium war es, das mit Unterschrift vom 12. August 2004 der Medizinfakultät genau das bescheinigt hatte, was der Wissenschaftsrat jetzt vermißt: den ordnungsgemäßen Vollzug der neuen Approbationsordnung.

Mit Unverständnis reagierte man in Witten/Herdecke auch auf die Vorhaltungen, viel zu viele Medizinstudenten würden ihr Studium frühzeitig abbrechen, und zu viele würden durch die Prüfungen fallen. Unbrauchbare Statistiken, so konterte der im April als Nachfolger des Universitätsgründers (und Mediziners) Konrad Schily angetretene Präsident Glatthaar. Seine Gegenrechnung läuft auf das Gegenteil hinaus: In acht von neun Jahren hätten die Examensnoten über dem Landesdurchschnitt gelegen. In der Tat wird man sich über die Ausdeutung der Zahlenkolonnen in den kommenden Monaten zu streiten haben. Ob sie damit für den jeweils anderen an Plausibilitäten gewinnen, bleibt abzuwarten.

Krasses Mißverständnis

An Plausibilität hingegen gewinnen gewiß Fragen, die sich mit der Erstellung von solchen Evaluationsgutachten grundsätzlich aufdrängen: Weshalb werden unklare oder deutungswürdige Punkte nicht vor einer Veröffentlichung diskutiert und abgeklärt? Dazu zählen auch Formulierungen wie jener zwiespältige Hinweis, den der Wissenschaftsrat im Hinblick auf die Forschungskompetenz des Wittener Medizinstudiums im edelsten Bürokratenjargon einflicht: „Auch und gerade in der Klinischen Universitätsmedizin bedingen sich Forschungs- und Lehrschwerpunkte sowie Schwerpunkte in der Krankenversorgung wechselseitig“, heißt es da, und weiter: „Wird hierauf der bestimmende Einfluß den der Krankenversorgung und deren Kosteneffizienz verpflichteten Klinikumsorganen eingeräumt, besteht die Gefahr wissenschaftsfremder Entscheidungen.“ Wissenschaft vor Krankenversorgung? An dieser Stelle tritt das Mißverständnis zwischen den Ansprüchen des Wissenschaftsrates und dem Wittener Selbstverständnis besonders kraß zutage.

Die Privatuniversität mit ihrem Kernfach Medizin hatte sich die Spitzenforschungsträume des akademischen Establishments, das seinerseits mit der Exzellenzinitiative des Staates ein neues Leitbild gefunden hat, noch nie zu eigen gemacht. In der Qualität der Lehre aber ist man sich in Witten/Herdecke keines Versagens bewußt, schon deshalb nicht, weil noch niemand ernsthaft die Qualität der ausgebildeten Ärzte in Frage stellte - auch der Wissenschaftsrat nicht. Statt dessen eine Wittener Fußnote: Der „Chief Medical Resident“ der amerikanischen Elitehochschule in Harvard, also der für die Medizinlehre verantwortliche Manager, ist Absolvent der gescholtenen Privatuniversität. Besser noch: Die Ausbilder großer deutscher Hochschulen wie jene aus München werden nach Auskunft Glatthaars zum Lernen nach Harvard geschickt. Und auf der Nachfrageseite nimmt man die mehr als 1200 Bewerbungen auf 42 verfügbare Erstsemesterplätze ebenso in Anspruch wie die Honorierung des Ausbildungsganges als „Leitprojekt Gesundheitswirtschaft“ in Nordrhein-Westfalen. Zu schweigen von den diversen Umfragen und Ranglisten, in denen die Motivation der Wittener Studenten ausgewiesen wird.

Die größten Defizite

Freilich ist und bleibt der Streit um die Qualität der Lehre ein Kleinkrieg im Vergleich zu anderen Themen. Die wirkliche Nagelprobe steht für Witten/Herdecke auf dem Felde der medizinischen Forschung an. Dort hat man selbst die größten Defizite ausgemacht. Kernproblem ist das, was man als Kooperationsmodell den Großkliniken entgegengesetzt hat. Witten/Herdecke hat keine Universitätsklinik. Entsprechend dünn ist die Lehrstuhlbesetzung. Etwa einem halben Dutzend Professoren in Witten stehen mehr als hundert Professoren in kooperierenden Kliniken gegenüber. Daß da die Zusammenarbeit klemmt, wie der Wissenschaftsrat kritisiert, wundert kaum.

Zwischenzeitlich waren es einmal achtzehn Kooperationen, in den vergangenen beiden Jahren hat man das Netz auf elf Kliniken zurückgeführt. Noch nicht genug. Auf die Einwände wolle man reagieren, sowohl was Menge als auch Qualität der medizinischen Forschung angehe, hat das Universitätsmangement mittlerweile wissen lassen. Neue eigene Lehrstühle wurden angekündigt, engere Kooperationen etwa mit der renommierten Chirurgie in Köln und einiges mehr, das die Forschungskompetenz stärken soll. Daß aber ausgerechnet Witten/Herdecke die international ohnehin schwache klinische Forschung hierzulande sanieren wird, übersteigt jeden Erwartungshorizont, auch den des qualitätsbewußten Wissenschaftsrates.

Ob das genügt?

Die vornehmste Aufgabe der Privatuniversität bleibt statt dessen das Rechnen. Im vergangenen Jahr hatte die Universität zwar erstmals wieder einen Überschuß von einer Million Euro (bei einer Bilanzsumme von 29 Millionen) erzielt, aber das Management kann sich alles andere als sicher wähnen. Unlängst wurden die Eigenbeiträge der Studenten angehoben. Anderthalb bis zwei Millionen Euro, schätzt man intern, werden die Investitionen in die Forschung zusätzlich kosten. Ob das dem Wissenschaftsrat genügt? Von Forderungen über zehn oder mehr zusätzliche Professoren wird inoffiziell gesprochen. Aber wer garantiert, fragt Unternehmer Glatthaar, daß die den Betrieb dann auch effizienter machen? Die defizitären Universitätskliniken taugen in dieser Hinsicht nicht nur schlecht als Vorbilder, sie haben auch andere Aufgaben - und stehen als Verlierer der Gesundheitsreformen der letzten Jahre schon heute fest.

Auch Witten/Herdecke hat durchaus viel zu verlieren. Zwar taugt es offenkundig nicht als Modell für Forschungsexzellenz, genausowenig aber wie andere Modellstudiengänge trägt die Fakultät an dem schmerzhaften Herumlaborieren am staatlichen Gesundheitssystem die Verantwortung. Im Gegenteil: In manchem hatte Witten/Herdecke Vorbildfunktion, erkennt selbst der Wissenschaftsrat an. Der Zwang zum kostendeckenden Rechnen könnte zu den Tugenden gehören, die das hergebrachte Gesundheitswesen jetzt erst mühsam begreifen muß.

Text: F.A.Z., 26.07.2005, Nr. 171 / Seite 33
Bildmaterial: dpa/dpaweb

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