Familien in Amerika

Revolutionärinnen gesucht

Von Jordan Mejias, New York

20. Mai 2005 Ein Chef, der im Laufe von acht Jahren knapp zweihundert Millionen Dollar einsäckelt, sollte sich eine Sekretärin leisten können, die nicht nur Assistentin heißt, sondern zweihundertvierzigtausend Dollar im Jahr verdient. Dennoch war der Aufruhr groß, als die alten Lohntüten der Assistentin von Richard A. Grasso inspiziert wurden, dem Übermacher, der wegen großzügiger Selbstbedienung die Leitung der New Yorker Börse aufzugeben hatte.

Wie sparsam Grasso zumindest in diesem Fall haushielt, suchte prompt der Finanzguru Jeffrey Epstein den staunenden Schlechterverdienenden Amerikas klarzumachen, indem er darlegte, daß er gleich drei Assistentinnen beschäftigt und jeder ein jährliches Minimum von zweihunderttausend Dollar garantiert. Einer von ihnen, die voriges Jahr ihren Job aufgeben wollte, weil sie ein Kind erwartete, spendierte er dazu einen Mercedes und eine Vollzeit-Nanny. „Es war ganz undenkbar“, so Epstein, „daß ich Lesley an die Mutterschaft verlieren könnte.“

Weit offene Einkommensschere

Wie so oft sind in diesem Land die Möglichkeiten unbegrenzt, vor allem von einer gewissen Gehaltsklasse an, und dabei ist die sich immer weiter öffnende Einkommensschere nicht ganz ohne Nutzen. Auch ein paar Stufen unterhalb der neun- und zehnstelligen Vermögen kann es sich eine Mutter, die mehr Zeit in einem „trading room“ an der Wall Street verbringt als in ihrem Haus in Connecticut, leisten, für ihre beiden Kinder drei Nannies zu beschäftigen, natürlich neben den obligaten Haushaltshilfen.

Daß der Nachwuchs dann erst einmal spanisch spricht, wird als frühpädagogische Maßnahme umgedeutet, wenn nicht gar als Stellungsvorteil in dem schon vor der Geburt einsetzenden Gefecht um einen Platz in exklusiven Kindergärten, Schulen und Universitäten. Die Nanny-Skandale, die regelmäßig eine für ein hohes politisches oder juristisches Amt vorgesehene Frau und gelegentlich sogar einen Mann in Bedrängnis bringen, weil sie Sozialabgaben nicht bezahlt oder gegen Einwanderungsgesetze verstoßen haben, mögen eine Ahnung von der steigenden Frequenz solcher Arrangements geben.

Anfällig für Gewissensbisse

Und doch sind auch diese erfolgreichen, ihr Leben virtuos delegierenden Karrierefrauen anfällig für Gewissensbisse. So haben es uns zumindest Reportagen von der Familienfront glauben gemacht, geradezu sensationelle Berichte über Abteilungsleiterinnen und Vizepräsidentinnen, die es zurück in die Hausfrauenrolle drängte. Dabei sollte die „opt-out revolution“, wie sie Lisa Belkin etwa im Sonntagsmagazin der „New York Times“ beschrieb, durchaus nicht aufs feministische Gütesiegel zu verzichten brauchen. Denn wer, frei von finanziellem oder gesellschaftlichem Druck, sich um die Kinder kümmern will, handelt so souverän, wie es einer gelehrigen Leserin von Betty Friedans „Weiblichkeitswahn“ geziemte. Der Karriereweg wurde der Mutter ja nicht versperrt, sie hat ihn selbst ausgeschlagen.

Ein postfeministisches Ideal? Oder ein ausgewachsener Selbstbetrug? Abgesehen davon, daß sie nur einer professionellen Oberschicht vorbehalten war, scheint die „opt-out revolution“ nur sporadisch stattzufinden. Neil Gilbert, in Berkeley für die Wissenschaft vom sozialen Wohl zuständig, hat nach dem sensationellen Trend Ausschau gehalten und bis auf ein paar evokative Anekdoten nichts gefunden.

Mehr Frauen ohne Kinder

In „The Public Interest“, einer polittheoretischen Zeitschrift mit konservativem Drall, legt er dar, was er statt dessen angetroffen hat. Im Vergleich mit den siebziger Jahren, so Gilbert, haben sich die examinierten Medizinerinnen verfünffacht, die Juristinnen verachtfacht, die Absolventinnen der Business Schools verzehnfacht. Die Kehrseite ist, daß ungefähr eine von fünf Frauen über vierzig kinderlos bleibt. 1976 war es bloß eine von zehn. Eine wachsende Anzahl von Amerikas Frauen will keine Kinder haben.

Bestätigt wird Gilbert von amtlichen Statistiken. Nachdem die amerikanische Geburtenrate jahrelang fiel, hat sie 2003 erstmals wieder leicht zugelegt. Mit 2,04 Kindern pro Frau ist jetzt das sogenannte Ersatzniveau erreicht, Amerika muß nicht schrumpfen - anders als Deutschland, wo die Geburtenrate bei 1,37 Kindern je Frau liegt. Das amerikanische Bevölkerungswachstum von 0,9 Prozent verdankt sich indes vornehmlich den Hispanics, die gebärfreudiger als andere Bevölkerungsgruppen sind, sowie dem Einwandererstrom.

Postmoderne Amerikanerinnen

Gilbert teilt das „lifestyle continuum“, wie es gegenwärtig die Frau in bezug auf Arbeit und Familie vorfindet, in vier Kategorien ein. Am einen Ende des Spektrums sieht er höchst individualistische, sich über ihr Arbeitsleben definierende Frauen, die kinderlos bleiben. Das sind für ihn die postmodernen Amerikanerinnen. Die traditionellen bilden das andere Ende mit drei oder mehr Kindern, aus deren Erziehung und häuslicher Fürsorge sie ihr Selbstwertgefühl herleiten. Obwohl ihnen heute nur noch 29 Prozent aller Frauen über vierzig zuzurechnen sind, gelten sie vielen Konservativen als die edelsten Hüterinnen endlos verherrlichter Familienwerte. Im Extremfall ersetzen sie auch die öffentliche Schule, wenn sie den Nachwuchs im „home schooling“ vor den Tücken und Risiken des Klassenzimmers bewahren.

Postmoderne und traditionelle Frauen haben somit gemein, daß Kinder sie in kein Dilemma stürzen. Die Probleme beginnen im weiten Mittelfeld des „lifestyle continuum“, wo Gilbert jene 52 Prozent der Frauen über vierzig ansiedelt, die ein Kind oder auch zwei haben und aus emanzipatorischem Selbstverwirklichungsdrang oder ökonomischer Notwendigkeit einem Beruf nachgehen. Wer von ihnen zwei Kinder habe, sei meist geneigt, die Kinder dem Beruf vorzuziehen. Von Gilbert neotraditionell genannt, hat ihre Zahl in den vergangenen dreißig Jahren um 75 Prozent zugenommen. Um erstaunliche neunzig Prozent haben sich indes die Frauen vermehrt, die ein Kind haben und laut Gilbert deshalb nicht automatisch den Beruf hintanstellen. Für Gilbert sind das die modernen Frauen.

Wenig Entgegenkommen vom Staat

Ob modern oder traditionell, sie haben vom Staat weniger Entgegenkommen zu erwarten als berufstätige Frauen mit Kindern in anderen westlichen Industrienationen. Bis zu zwölf Wochen lang muß zwar seit 1993 unbezahlter Mutterschaftsurlaub gewährt werden, danach aber ist der Job nicht mehr garantiert, und in Betrieben mit weniger als fünfzig Angestellten steht „family leave“ nicht auf dem Sozialplan.

Gleichwohl ist nun auch in Amerika, wo jedes Kind unter fünf Jahren dem Staat nicht einmal 900 Dollar jährlich wert ist, eine Debatte über die „work-family balance“ ausgebrochen. Selbst konservative Stimmen wie die von David Brooks, dem Kolumnisten der „New York Times“, rufen nach Alternativen, wie Gilbert sie in seinem Aufsatz für „The Public Interest“ skizziert hat. Kernidee ist dabei der Karrierespätstart der Mutter. Anstatt das Kinderkriegen in ein potentiell großmütterliches Alter zu verlegen, soll die neotraditionelle oder moderne Frau gleich nach ihrer Ausbildung ins Privatleben zurückkehren und sich die nächsten fünf bis zehn Jahre um die Kinderschar kümmern, und zwar mit dem gemäßigten finanziellen Segen des Staates. Da ihre Lebenserwartung unaufhaltsam steigt, blieben ihr hernach immer noch 25, dreißig und mehr Jahre für ein erfülltes Berufsleben.

Sind die Mütter schuld?

Der familienfreundlich verzögerte Start kommt nicht ganz ohne Kehrseiten aus. Karrieren, die ohne rasanten Frühstart, ohne jahrelange Vorarbeit oder jugendliche Kraftreserven kaum denkbar sind, böten sich der Spätanfängerin nur sehr bedingt an. Solcherart aber, erläutert Gilbert mit vollendet paternalistischer Grandezza, seien eben die Kompromisse für alle, die im Leben zwei Berufungen folgen. Bisher haben freilich weder Staat noch Privatwirtschaft ihr Interesse signalisiert, durch Sequenzverschiebung das von Grund auf maskuline Karrieremodell auf Wunsch zu feminieren.

Sind Amerikas perfektionistische Mütter daran schuld? Wenn sie beim Balanceakt von Kindern und Karriere wieder auf die Nase fallen, machen sie jedenfalls nicht das holprige gesellschaftliche Terrain verantwortlich, sondern sich selbst. „Das muß sich ändern“, verkündet Judith Warner in einem neuen, wutschäumenden Manifest („Perfect Madness, Motherhood in the Age of Anxiety“, Riverhead Books), das die notorisch gestreßten Mütter zum Kampf gegen die „mommy mystique“ aufruft.

Altfeministischer Faden

Prangerte Betty Friedan in „The Feminine Mystique“ vor mehr als vierzig Jahren ein Weiblichkeitsideal an, das mit keinem verantwortungsreichen Berufsleben zu vereinbaren war, nimmt Warner den altfeministischen Faden auf, um daraus ein neues, nichts weniger als revolutionäres Gewand für sich und ihre mütterlichen Leidensgenossinnen zu spinnen. Mutterschaft im oberen Mittelklassesegment beschreibt sie als selbstzerstörerische Obsession und Leistungsschau, die im erfolgshörigen Amerika zu einem unerbittlichen Konkurrenzkampf ausgeartet ist. Der Kult ums Kind, das gesellschaftlichen Status in Aussicht stellt, hat sich bei Warner zu einer Epidemie ausgewachsen, in der sich fiebrig das Konsumgebaren der Nation spiegelt.

Im Frust der Frau über ein Land, das nur wenige staatliche Strukturen für eine Koexistenz von Mutterschaft und Beruf vorsieht, läßt Warner ihren Blick sehnsuchtsvoll über den Atlantik schweifen. Niemand, schreibt die Autorin, die sich mit einer Biographie über Hillary Clinton hervorgetan hat, würde von einer französischen Mutter erwarten, auf Beruf und gesellschaftliches Leben zu verzichten, um nur für die Kinder dazusein. Die Liste von Forderungen, die Warner aufstellt, orientiert sich am sozialen Angebot europäischer Länder. Nach ihrer Diagnose entspringt die neurotische Suche nach den perfekten Mechanismen der Mutterschaft dem Bestreben, zumindest auf individueller Ebene zustande zu bringen, was Amerika auf gesellschaftspolitischer Ebene gar nicht mehr ins Auge faßt.

Sicher, der amerikanischen Mutter stehen alle Möglichkeiten offen, so sie sich die Voraussetzungen dafür selbst verschafft. Wie das zu verbessern, wie auch nur der „mommy track“, der die große Karriere ausschließt, solide zu verankern wäre, ist in einer Gesellschaft, deren sozialkonservatives Klima immer rauher wird, in weite Ferne gerückt. Revolutionär erscheint da schon die von einigen progressiven Konservativen vorgeschlagene Spätkarriere nach absolvierten Mutterpflichten. Daß auch der Mann, der seine Karriere nach wie vor auf ein reibungsloses Funktionieren seiner familiären Hilfstruppe baut, zu irgendwelchen Eingeständnissen zu bewegen sein sollte, steht so gut wie nie zur Debatte.



Text: F.A.Z., 20.05.2005, Nr. 115 / Seite 46
Bildmaterial: AP

 
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