Worstseller 2006

Der Gammelbuchskandal

Von Hubert Spiegel

15. Dezember 2006 Das am schlechtesten verkaufte Buch aller Zeiten fand nur alle fünf Monate einen Abnehmer. Es dauerte 191 Jahre, bis das letzte Exemplar der ersten Auflage verkauft war. Daniel Keel vom Diogenes Verlag wird die Geschichte vermutlich kennen. Allerdings darf man vermuten, daß Keel sie ganz anders erzählen würde, nämlich so: Der längste Atem, den je ein Verlag aufgebracht hat, um eine Erstauflage loszuschlagen, währte 191 Jahre. Dann aber waren alle Exemplare verkauft. Ein Rekord, eine Erfolgsgeschichte, ein Musterbeispiel an Ausdauer und Hartnäckigkeit. So muß heute ein Verleger denken, der sich den Gegebenheiten nicht beugen will. Denn wer sich den Gegebenheiten beugt, macht heute keine Bücher mehr.

Die Geschichte der Literatur ist reich an Mißerfolgen, das ist nichts Neues. Stendhals Klassiker „Über die Liebe“ verkaufte sich in den ersten elf Jahren siebzehnmal, auf die selbe klägliche Zahl brachte es die französische Ausgabe von Becketts „Murphy“. Die Nachwelt hat es dann gerichtet. Aber verlassen sollte man sich darauf besser nicht: Von allen im Verlauf des neunzehnten Jahrhunderts veröffentlichten Romanen soll heute angeblich nur noch etwa ein halbes Prozent erhältlich sein.

Es sind Kannibalen am Werk

Der Verdrängungsprozeß ist gewaltig. Jede Neuerscheinung ist ein versuchter Massenmord an den literarischen Vorgängern ebenso wie an den Zeitgenossen. Etwa neunzigtausend Neuerscheinungen mußte der deutsche Buchmarkt in diesem Jahr verkraften, davon fielen über zwölftausend Titel in den belletristischen Bereich. Wer soll das alles lesen? Welcher Buchhändler soll das noch überblicken und die Spreu vom Weizen trennen, wie es seine ratlos in den Laden stolpernden Kunden von ihm erwarten? Daß Schätzungen zufolge von allen jemals geschriebenen und bei Verlagen eingereichten Manuskripten nur etwa ein halbes Prozent tatsächlich als Buch erschienen ist, kann da nur ein schwacher Trost sein: Millionen von Büchern sind nicht erschienen, wie schön! Aber Hunderttausende von ihnen verstopfen unsere Regale. Kein Zweifel: Der Literaturbetrieb frißt seine Kinder.

Es sind Kannibalen am Werk. Die Starken fressen die Schwachen. Das heißt nicht, daß die Bösen die Guten vertilgen, das wäre zu einfach. Die Behauptung, daß kommerzieller Erfolg ein sicheres Zeichen für mangelnde literarische Qualität sei, ist zwar oft bestätigt worden. Dennoch gehört sie zusammen mit dem Umkehrschluß zu den dümmsten Vorurteilen des Literaturbetriebs: Kein Buch gewinnt an Qualität, nur weil es nicht gekauft wird. Wer das insgesamt zweifellos eher bescheidene literarische Niveau der Bestseller beklagt, hat zwar recht, verfehlt aber die entscheidende Dimension des Phänomens. Es geht um etwas anderes: Was nicht auf den Bestsellerlisten steht, wird nicht wahrgenommen. So ist ein literarisches Prekariat entstanden, zu dem Klassiker der Weltliteratur ebenso gehören wie Debütanten.

Die Rebarbarisierung des Buchmarkts

Als der Philosoph Hans Blumenberg 1982 im Magazin dieser Zeitung Marcel Prousts Fragebogen ausfüllte, nannte er als größtes mögliches Unglück: „Rebarbarisierung: immer weniger Leser für immer mehr Bücher.“ Heute ist Blumenbergs Albtraum längst wahr geworden: Der Buchmarkt ist heillos verstopft, und die Abhängigkeit der Verlage von einer verschwindend kleinen Zahl von Bestsellern ist bis ins Unerträgliche angewachsen.

Manchmal ist jedoch selbst mit einem Bestseller kaum noch etwas zu verdienen: Wer für ein neues Buch eines internationalen Starautors wie etwa Isabel Allende oder Michel Houellebecq ein paar hunderttausend Euro Vorschuß gezahlt hat, ist anschließend gezwungen, noch mehr Geld auszugeben - für die Werbung für das teure Buch. Unter diesen Umständen kann es durchaus vorkommen, daß 150.000 verkaufte Exemplare kaum mehr als die Investitionskosten einspielen.

Heißgeliebte Ladenhüter

In dieser Situation haut Daniel Keel in Zürich auf den Tisch: „Alle reden von Bestsellern, reden wir einmal von Worstsellern. Bücher, die sich schlecht verkaufen und es doch verdienen, gelesen zu werden.“ Am Ende der neuen Taschenbuchvorschau, die in diesen Tagen in vielen tausend Exemplaren an Buchhändler, Redaktionen und Kritiker verschickt wird, präsentiert Keel etwas, das es in der Geschichte des Verlagswesens noch nie gegeben hat: die Liste der zehn am schlechtesten verkauften Titel des Verlages, „Diogenes Worstseller 2005“. Spitzenreiter ist der irische Klassiker Frank O'Connor, dessen „Meistererzählungen“ im Verlauf eines ganzen Jahres nur drei Käufer fanden. Es folgen George Orwell (8 Exemplare), William Faulkner (15), Brian Moore (46) und schließlich, auf Platz zehn, Dashiel Hammetts „Das Haus in der Turk Street“ mit 67 verkauften Exemplaren.

Wir haben uns von Keels Aktion zu einer eigenen Umfrage unter deutschen Verlagen inspirieren lassen: Bitte nennt uns euren „heißgeliebten Ladenhüter“, ein Buch also, das dem Verlag am Herzen liegt, aber vom Publikum ignoriert wird. Unsere Umfrage ist nicht repräsentativ, sie soll keinen Verlag und erst recht keinen Autor bloßstellen. Sie soll jedoch ein Schlaglicht auf die gegenwärtige Situation des Buchmarkts werfen und zeigen, unter welchen schwierigen Bedingungen renommierte Verlage wie Diogenes, Hanser, Suhrkamp, S. Fischer, Wagenbach und viele andere ihre Backlist pflegen. Nicht alle wollten uns Auskunft geben. Droemer Knaur beispielsweise erklärte fröhlich, man habe gar keine Worstseller. Der Suhrkamp Verlag, dessen legendäre Backlist fast neuntausend Titel umfaßt, hatte Angst, auch nur ein einziges Sorgenkind zu benennen. Deshalb fehlt in unserer Liste ausgerechnet jener Verlag, mit dem Siegfried Unseld der Branche über Jahrzehnte gezeigt hat, wie man seinen Autoren in guten wie in schlechten Zeiten die Treue hält. Unseld, der wie kein zweiter immer wieder neue Mittel und Wege fand, um die Backlist zu vermarkten, hätte Keels Aktion Beifall gespendet.

Lassen wir sie verschimmeln?

Andere indes haben begeistert mitgemacht. Kiepenheuer & Witsch nannte uns als Worstseller eine vierbändige Kassette mit vermischter Prosa von Erich Maria Remarque: siebzehn Exemplare. Zum Vergleich: Die Weltauflage von „Im Westen nichts Neues“ liegt bei über elf Millionen. Katharina Wagenbachs Sorgenkind bei der Friedenauer Presse heißt Leonid Dobycin. Daß Ingo Schulze, selbst ein Bestsellerautor, Dobycins Roman „Im Gouvernement S.“ zu seinen Lieblingsbüchern zählt, hat bislang wenig geholfen: 21 verkaufte Exemplare in diesem Jahr. Wagenbach leidet mit Stefano Benni, der in Italien eine Gesamtauflage in Millionenhöhe erreicht. Sein Roman „Der Zeitenspringer“ bringt es 2006 im deutschen Raum auf sechzehn Sprünge. Auch modernen Klassikern wie Jean Améry ergeht es kaum besser: Sein Essay „Jenseits von Schuld und Sühne“ gehört zum Besten, was je über Auschwitz geschrieben wurde. Nur 76 Exemplare konnte Klett-Cotta davon absetzen.

Wie wird es weitergehen mit den Worstsellern? Lassen wir sie verschimmeln, weil wir nur noch lesen wollen, was alle lesen? Helge Malchow, der bei Kiepenheuer & Witsch Klassiker wie Böll, Remarque und Joseph Roth im Programm hat, ist sich sicher: „Die Backlist hat sicher Zukunft. Aber die Verlage werden schärfer auswählen müssen, welche ihrer Autoren an dieser Zukunft noch teilhaben dürfen.“



Text: F.A.Z., 16.12.2006, Nr. 293 / Seite Z1

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